Byzantinische Steinbrücken: Materiellen Zeugnisse und kulturelle Bedeutungen
Byzantine stone bridges: Material evidence and cultural meanings
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (15%); Kunstwissenschaften (45%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)
Keywords
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Bridge,
Secular,
Byzantium,
Archaeology,
Architecture/Engineering,
Historical Geography
Brücken sind Konstruktionen, welche die sichere Überquerung natürlicher Hindernisse gewährleisten. In der Geschichte wurden sie mit vielen Bereichen menschlichen Lebens in Verbindung gebracht: sie erfüllen wesentliche wirtschaftliche, militärische und soziale Funktionen, repräsentieren die Errungenschaften von Bautechnik und zeugen vom Entwicklungsstand öffentlicher Baukunst. Brücken demonstrieren die politische und ökonomische Macht ihrer Erbauer und tragen sakrale und mythologische Bedeutungen. Daher bilden die Untersuchungen von Brücken wichtige Beiträge für unser Verständnis der sie nutzenden Gesellschaften. Angesichts ihrer sozialen Bedeutung ist es erstaunlich, dass byzantinische Brücken wenig wissenschaftliche Beachtung gefunden haben. Diese Tatsache ist besonders bedauerlich, wenn man bedenkt, dass viele Monumente auf ehemals byzantinischem Territorium von Zerstörung bedroht oder bereits zerstört sind, während sie nur unzureichend dokumentiert wurden. Dieses Projekt stellt die erste umfassende Untersuchung byzantinischer Brücken dar, die alle erhaltenen materiellen Zeugnisse auf dem Balkan und in Kleinasien vom 4. bis zum 15. Jahrhundert erfassen wird und diese öffentliche Bauwerke unter Verwendung von zeitgenössischen schriftlichen und bildlichen Quellen kulturell kontextualisiert. Die bis jetzt untersuchten materiellen Zeugnisse zeigen, dass die Byzantiner innovative Techniken, wie den Segmentbogen, im Brückenbau eingeführt haben, und damit ähnliche Entwicklungen in Westeuropa um Jahrhunderte vorausnahmen. Erste Auswertungen von schriftlichen und bildlichen Quellen weisen darauf hin, dass die Byzantiner ein besonderes, mehrdimensionales Verständnis von Brücken besaßen, das mit ihrer Weltanschauung korrespondierte. Den Kern des Projektes bilden die Dokumentation und die Analyse der Brückenbautechniken. Die Möglichkeit aufgrund technischer Merkmale einige Strukturen umzudatieren und umzuordnen, bereichert unser Wissen über Macht, Handel und Austausch auf dem Balkan und in Kleinasien in der Zeit des Mittelalters. Dabei bietet die Untersuchung der Brückendekoration zusammen mit dem Brückenmotiv in zeitgenössischen Texten und Darstellungen neue Erkenntnisse über die byzantinische Gesellschaft, bereichert unser Verständnis über die politischen und religiösen Bedeutungen dieser säkularen Monumente sowie über die Art und Weise wie Religion das Alltagsleben durchdrang und bestimmte. Anders als bisherige Studien der byzantinischen Kultur, die sich meistens auf Aspekte der Kennerschaft oder Beschreibung der Monumente beschränkten, wird dieses Projekt eine vollständige Analyse der Brücken liefern, die auch ihre strukturellen, dekorativen und symbolischen Aspekte umfasst. Sie wird die Wichtigkeit dieser bestimmten Kategorie von Monumenten als neuen Zugang zu der byzantinischen Welt und ihre architektonische und kulturelle Mission beleuchten und hervorheben. Die wissenschaftliche Untersuchung der byzantinischen Brücken wird darauf hinweisen, welchen Stellenwert diesen als Architekturerbe zukommt und dadurch das historische Bewusstsein der lokalen Anwohner und Besucher stärken und erwecken. Überdies wird sie einen wesentlichen Beitrag zur Dokumentation und Erhaltung der schnell verschwindenden historischen Monumente im östlichen Mittelmeerraum liefern.
Das Projekt konzentrierte sich auf Steinbrücken, die zwischen dem vierten und dem fünfzehnten Jahrhundert auf der Balkanhalbinsel und in Kleinasien von den Byzantinern errichtet oder renoviert wurden, einem bisher unerforschten gebliebenen Aspekt der Architektur- und Kulturgeschichte. Die Besonderheiten dieser Art von Monumenten wurden aus zwei Perspektiven untersucht: 1) ihrer Bedeutung im Kontext der Architekturgeschichte, durch Analyse der strukturellen und bautechnischen Merkmale der erhaltenen Bauten; und 2) ihrer Bedeutung im Kontext der Kulturgeschichte, durch Analyse des politischen, symbolischen und metaphorischen Sinngehalts der Monumente in zeitgenössischen Texten und bildlichen Darstellungen. Angesichts unzureichender Forschung in früheren Studien hat das Projekt als Erstes die grundlegende Frage behandelt: Kann von 'byzantinischen Brücken' gesprochen werden? Die Untersuchung erhaltener Monumente und archäologischer Hinweise in Zusammenhang mit textlichen und bildlichen Quellen erbrachten ein positives Ergebnis: wir können und müssen von 'byzantinischen Brücken' sprechen. Die eingehende Analyse erhaltener Bauten lieferte eindeutige Erkenntnisse über die Besonderheiten der konstruktionstechnischen und strukturellen Merkmale, die byzantinische Baumeister entwickelten und benutzten. Die Ergebnisse zeigen auch, dass im Vergleich zu ihren römischen Vorfahren die Byzantiner praktischer, schneller und billiger bauten, was aber keineswegs zu einer negativen Beurteilung dieser Bauwerke Anlass gibt, da die bautechnischen Innovationen keineswegs zu Lasten der Stabilität gingen. Im Gegenteil, die Byzantiner entwickelten auf dieser Weise Strukturen, die zweifelsfrei die Übergangsphase zur modernen Brücke bilden: Lange Zeit vor ihren Kollegen in Westeuropa und in der islamischen Welt wussten byzantinische Baumeister die Vorteile der Segment- und Spitzbögen für ihre Brückenkonstruktionen zu nutzen; sie haben auch Hohlkammern in den Oberbau eingelassen, wodurch die Strukturen entlastet und teures Baumaterial gespart wurde. Die umfangreiche und systematische Analyse schriftlicher und bildlicher Primärquellen, die frühchristliche und mittelalterliche Texte verschiedener Gattungen, Karten, Reiserouten, Inschriften, Reliefs, Miniatur-, Ikonen- und Monumentalmalerei berücksichtigte, ließ erkennen, dass die Byzantiner ein besonderes, mehrdimensionales Verständnis von Brücken besaßen, das mit ihrer christlich-dominierten Weltanschauung korrespondierte und sich im Selbstbewusstsein kaiserlicher Übermacht widerspiegelte. Die neuartige Herangehensweise und die hervorgebrachten Ergebnisse des Projekts zu einer bisher vernachlässigten Baugattung lieferte der wissenschaftlichen Welt neues Forschungsmaterial. Die Erkenntnisse zwangen zu einer Neubewertung der Leistungen byzantinischer Baumeister und zeigten deren bedeutenden Beitrag für die Entwicklung des Architektur- und Ingenieurwesens.
- Universität Wien - 100%
- Peter Schreiner, Universität Köln - Deutschland
- Michael Grünbart, Westfälische Wilhelms-Universität - Deutschland
- Christos Stavrakos, University oft Crete - Griechenland
- Margaret Mullett, Queens University Belfast - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 1 Publikationen
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2019
Titel Late Byzantine bridges as markers of imagined landscapes DOI 10.1080/00758914.2020.1840078 Typ Journal Article Autor Fingarova G Journal Levant Seiten 151-168 Link Publikation