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Die Künstlerin im biographischen Roman: Gender und Genre

Narrating the Woman Artist: Gender and Genre in Biographical Fiction

Julia Lajta-Novak (ORCID: 0000-0001-6025-2857)
  • Grant-DOI 10.55776/V543
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2017
  • Projektende 31.08.2022
  • Bewilligungssumme 240.395 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (20%); Soziologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)

Keywords

    Biography, Life-Writing, Gender, Biographical Fiction, Artist Novel, Cultural Memory

Abstract Endbericht

In den letzten beiden Jahrzehnten entstanden im englischsprachigen Raum zahlreiche Romane über historische Künstlerinnen wie Clara Schumann, Frida Kahlo oder Sylvia Plath, die von der Literaturwissenschaft bislang kaum beachtet wurden. Basierend auf Erkenntnissen der gendertheoretischen Biographieforschungsetzt die Literaturwissenschafterin Julia Lajta-Novak in ihrer Arbeit zu biographischen Romanen über historische Künstlerinnen erstmals die Faktoren Gender und Genre in Beziehung. Dabei geht sie der Frage nach, welche Frauenbilder RomanautorInnen von ihren biographischen Hauptfiguren entwerfen. Die Verknüpfung von Genres und Geschlechterrollen AutorInnen biographischer Romane weichen bewusst von überlieferten Fakten ab: Je nachdem, welchen Lebensaspekt der historischen Person sie in den Mittelpunkt rücken wollen (z.B.Liebesbeziehungen, Bildung, innere Reifung), übernehmen sie Handlungsstrukturen oder typische Figurenzeichnungen anderer Genres (z.B. Liebesroman, Bildungsroman, Entwicklungsroman), um biographische Leerstellen aufzufüllen oder Ereignisse umzuschreiben. Dadurch schaffen sie Wirklichkeitsbilder, die von der überliefertenGeschichteabweichenoderdieseim Licht der angewendeten Genrekonventionen merklich einfärben können. Die Überlagerung des biographischen Romans durch andere Genres versetzt die Hauptfigur oft in ein weibliches Rollenbild, das mehr den Vorgaben der Genres entspricht als den historischen Fakten. So ist etwa das Leben der englischen Schauspielerin Nell Gwyn (17. Jh.) in Priya Parmars Roman Exit the Actress auf Shopping ausgerichtet und darauf, nach Mr. Right zu schmachten und dem schwulen besten Freund ihren Herzschmerz zu klagen was zwar kaum durch biographische Fakten belegbar ist, aber eindeutig dem Muster gängiger Chick-Lit-Romane folgt (ein bekanntes Beispiel für dieses Genre ist etwa Bridget Joness Diary) . Biographischer Roman, Frauenbilder und kulturelles Gedächtnis Wie Biographien tragen auch biographische Romane zum kulturellen Gedächtnis bei: Sie haben Einfluss darauf, an welche historischen Personen und Ereignisse eine Gesellschaft sich kollektiv erinnert, welche Lebensgeschichten als bedeutsam und erzählenswert wahrgenommen werden. Für biographische Romane gilt jedoch, was auf historische Romane allgemein zutrifft: Sie sagen mehr über die Zeit aus, in der sie geschrieben wurden, als über die, von der sie handeln. Lajta-Novak liest in ihrer Arbeit Romane über historische Künstlerinnen daher auch als Spiegel heutiger Vorstellungen, was ein Künstlerinnenleben und allgemein ein Frauenleben ausmacht.

Das Projekt untersuchte den Beitrag, den Biofiktionen zur diskursiven Konstruktion von Geschlechtsidentitäten leisten. Es zog dafür zentrale Konzepte und Debatten aus der gendertheoretischen Biographieforschung heran und entwickelte diese im Licht rezenter Erkenntnisse aus den Biofiction Studies, den Historical Fiction Studies, der Forschung um das kulturelle Gedächtnis und aus der Celebrity-Forschung. Die daraus resultierenden Publikationen beleuchten Gender als entscheidende Variable in Biofictions, einschließlich in biographischen Filmen. Um berühmte Künstlerinnen wie zum Beispiel Clara Wieck Schumann haben sich regelrechte Biomythen gesponnen, die mit jedem neuen Narrativ reproduziert, verändert und erweitert werden. Wenn die Hauptfigur dazu eine Hälfte eines renommierten Paars der Musikgeschichte ist, so wird diese Paarbeziehung auf verschiedene Arten ins Zentrum gerückt, die an Geschlechternormen zur Entstehungszeit des Narrativs anknüpfen und diese widerspiegeln oder brechen. Ein Vergleich von Filmen über Wieck Schumann offenbart nicht nur, dass jeder einzelne Film spezifische Weiblichkeitsnormen aufgreift, indem er jeweils unterschiedliche Facetten des Schumann-Mythos verarbeitet und weiterspinnt, sondern auch wie die Brüche in den Filmdarstellungen Clara Schumanns durch die jeweiligen Konventionen und Möglichkeiten des Mediums Film verstehbar werden. So kann man das Hollywood Biopic Song of Love (1947) zum florierenden Genre des "women's picture" und den konservativen Geschlechterbildern der Nachkriegsgesellschaft in Beziehung setzen. Die sexualisierte Darstellung Claras im deutschen Film "Frühlingssinfonie" (1983) lässt sich hingegen als Antwort auf die steigende Beliebtheit erotischer und soft-sex-Kinofilme verstehen. Während einige Projektergebnisse sich spezifisch auf fiktionale Beschreibungen von Künstlerinnen und damit kreativen und meist berühmten Leben beziehen, beleuchten andere die Genderdynamiken von Biofictions generell. Der Band Imagining Gender in Biographical Fiction (2022) befasst sich mit der Ethik von Biofiktionen, die "verlorene" oder marginalisierte Leben erzählen wie auch mit genderspezifischen Aneignungen von berühmten Leben und der den Figuren zugeschriebenen Handlungsmacht. Er nimmt die exemplarische Funktion der Biofiction als Brücke zwischen narrativer Fremd- und Selbstkonstruktion in den Blick und ihren Beitrag zur kulturellen Sichtbarkeit bestimmter Geschlechtsidentitäten (z.B. von Trans- und Intersexmenschen). Dieser Band untersucht damit das kritische, revisionistische und dekonstruktive Potential biographischer Fiktionen, ohne dabei die Effekte von Genderklischées, Gendernormen und etablierten Narrativen aus dem Blick zu verlieren.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Caitriona Ni Dhuill, Universität Salzburg , nationale:r Kooperationspartner:in

Research Output

  • 8 Zitationen
  • 13 Publikationen
  • 3 Disseminationen
  • 4 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 1 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2022
    Titel Imagining Gender in Biographical Fiction: Introduction; In: Imagining Gender in Biographical Fiction
    Typ Book Chapter
    Autor Novak J
    Verlag Palgrave Macmillan
    Seiten 1-45
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Imagining Gender in Biographical Fiction
    Typ Book
    Autor Novak J
    editors Novak J, NíDhúill C
    Verlag Palgrave Macmillan
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Screening Clara SchumannBiomythography, Gender, and the Relational Biopic
    Typ Journal Article
    Autor Novak J
    Journal Biography
    Seiten 1-26
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Biografische Romane: Identifikationsfiguren für Personen und Communitys
    Typ Other
    Autor Lajta-Novak
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Women's Lives on Screen
    Typ Book
    Autor Novak J
    editors Theuer E, Novak J
    Verlag European Journal of Life Writing
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Life Writing and Celebrity: Exploring Intersections
    DOI 10.1080/14484528.2019.1539208
    Typ Journal Article
    Autor Mayer S
    Journal Life Writing
    Seiten 149-155
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Life Writing Research Past and Present: Interview with Sidonie Smith and Julia Watson
    Typ Journal Article
    Autor Herbe S
    Journal European Journal of Life Writing
    Seiten 8-20
    Link Publikation
  • 2017
    Titel Review of Lucia Boldrini, Autobiographies of Others: Historical Subjects and Literary Fiction.
    Typ Journal Article
    Autor Novak J
    Journal Comparative Critical Studies
    Seiten 383-387
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Introduction
    DOI 10.4324/9780429340284-1
    Typ Book Chapter
    Autor Mayer S
    Verlag Taylor & Francis
    Seiten 1-7
  • 2020
    Titel Performing Black British memory: Kat François’s spoken-word show Raising Lazarus as embodied auto/biography
    DOI 10.1080/17449855.2020.1737184
    Typ Journal Article
    Autor Novak J
    Journal Journal of Postcolonial Writing
    Seiten 324-341
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Performing Black British memory: Kat François's spoken-word show Raising Lazarus as embodied auto/biography
    Typ Journal Article
    Autor Novak J
    Journal Journal of Postcolonial Writing
    Seiten 324-341
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Screening Clara Schumann: Biomythography, Gender, and the Relational Biopic
    DOI 10.1353/bio.2022.0015
    Typ Journal Article
    Autor Novak J
    Journal Biography
    Seiten 1-26
    Link Publikation
  • 2021
    Titel ‘Mattering’ Women’s Lives on Screen: An Introduction
    DOI 10.21827/ejlw.10.37910
    Typ Journal Article
    Autor Theuer E
    Journal European Journal of Life Writing
    Link Publikation
Disseminationen
  • 2020 Link
    Titel Interview with Christina Höfferer (Radio Ö1) about Artemisia Gentileschi in cultural memory
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Interview with Cornelia Gräbner (Die Presse) about women artist biofictions
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2018 Link
    Titel Der Standard - blog entry about the ethical limits of biofiction
    Typ Engagement focused website, blog or social media channel
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2021
    Titel Editorial Board for book series "Poetry in the Digital Age" (De Gruyter)
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2020
    Titel START Prize
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2019
    Titel Keynote address at the "Beyond Boundaries: Authorship and Readership in Life Writing" conference at Tilburg University, 25 Oct 2019
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2017
    Titel Member of the Young Academy, Austrian Academy of Sciences
    Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society
    Bekanntheitsgrad National (any country)
Weitere Förderungen
  • 2021
    Titel (POETRY OFF THE PAGE) - Poetry Off the Page: Literary History and the Spoken Word, 1965-2020
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2021

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