Die Künstlerin im biographischen Roman: Gender und Genre
Narrating the Woman Artist: Gender and Genre in Biographical Fiction
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Soziologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
-
Biography,
Life-Writing,
Gender,
Biographical Fiction,
Artist Novel,
Cultural Memory
In den letzten beiden Jahrzehnten entstanden im englischsprachigen Raum zahlreiche Romane über historische Künstlerinnen wie Clara Schumann, Frida Kahlo oder Sylvia Plath, die von der Literaturwissenschaft bislang kaum beachtet wurden. Basierend auf Erkenntnissen der gendertheoretischen Biographieforschungsetzt die Literaturwissenschafterin Julia Lajta-Novak in ihrer Arbeit zu biographischen Romanen über historische Künstlerinnen erstmals die Faktoren Gender und Genre in Beziehung. Dabei geht sie der Frage nach, welche Frauenbilder RomanautorInnen von ihren biographischen Hauptfiguren entwerfen. Die Verknüpfung von Genres und Geschlechterrollen AutorInnen biographischer Romane weichen bewusst von überlieferten Fakten ab: Je nachdem, welchen Lebensaspekt der historischen Person sie in den Mittelpunkt rücken wollen (z.B.Liebesbeziehungen, Bildung, innere Reifung), übernehmen sie Handlungsstrukturen oder typische Figurenzeichnungen anderer Genres (z.B. Liebesroman, Bildungsroman, Entwicklungsroman), um biographische Leerstellen aufzufüllen oder Ereignisse umzuschreiben. Dadurch schaffen sie Wirklichkeitsbilder, die von der überliefertenGeschichteabweichenoderdieseim Licht der angewendeten Genrekonventionen merklich einfärben können. Die Überlagerung des biographischen Romans durch andere Genres versetzt die Hauptfigur oft in ein weibliches Rollenbild, das mehr den Vorgaben der Genres entspricht als den historischen Fakten. So ist etwa das Leben der englischen Schauspielerin Nell Gwyn (17. Jh.) in Priya Parmars Roman Exit the Actress auf Shopping ausgerichtet und darauf, nach Mr. Right zu schmachten und dem schwulen besten Freund ihren Herzschmerz zu klagen was zwar kaum durch biographische Fakten belegbar ist, aber eindeutig dem Muster gängiger Chick-Lit-Romane folgt (ein bekanntes Beispiel für dieses Genre ist etwa Bridget Joness Diary) . Biographischer Roman, Frauenbilder und kulturelles Gedächtnis Wie Biographien tragen auch biographische Romane zum kulturellen Gedächtnis bei: Sie haben Einfluss darauf, an welche historischen Personen und Ereignisse eine Gesellschaft sich kollektiv erinnert, welche Lebensgeschichten als bedeutsam und erzählenswert wahrgenommen werden. Für biographische Romane gilt jedoch, was auf historische Romane allgemein zutrifft: Sie sagen mehr über die Zeit aus, in der sie geschrieben wurden, als über die, von der sie handeln. Lajta-Novak liest in ihrer Arbeit Romane über historische Künstlerinnen daher auch als Spiegel heutiger Vorstellungen, was ein Künstlerinnenleben und allgemein ein Frauenleben ausmacht.
Das Projekt untersuchte den Beitrag, den Biofiktionen zur diskursiven Konstruktion von Geschlechtsidentitäten leisten. Es zog dafür zentrale Konzepte und Debatten aus der gendertheoretischen Biographieforschung heran und entwickelte diese im Licht rezenter Erkenntnisse aus den Biofiction Studies, den Historical Fiction Studies, der Forschung um das kulturelle Gedächtnis und aus der Celebrity-Forschung. Die daraus resultierenden Publikationen beleuchten Gender als entscheidende Variable in Biofictions, einschließlich in biographischen Filmen. Um berühmte Künstlerinnen wie zum Beispiel Clara Wieck Schumann haben sich regelrechte Biomythen gesponnen, die mit jedem neuen Narrativ reproduziert, verändert und erweitert werden. Wenn die Hauptfigur dazu eine Hälfte eines renommierten Paars der Musikgeschichte ist, so wird diese Paarbeziehung auf verschiedene Arten ins Zentrum gerückt, die an Geschlechternormen zur Entstehungszeit des Narrativs anknüpfen und diese widerspiegeln oder brechen. Ein Vergleich von Filmen über Wieck Schumann offenbart nicht nur, dass jeder einzelne Film spezifische Weiblichkeitsnormen aufgreift, indem er jeweils unterschiedliche Facetten des Schumann-Mythos verarbeitet und weiterspinnt, sondern auch wie die Brüche in den Filmdarstellungen Clara Schumanns durch die jeweiligen Konventionen und Möglichkeiten des Mediums Film verstehbar werden. So kann man das Hollywood Biopic Song of Love (1947) zum florierenden Genre des "women's picture" und den konservativen Geschlechterbildern der Nachkriegsgesellschaft in Beziehung setzen. Die sexualisierte Darstellung Claras im deutschen Film "Frühlingssinfonie" (1983) lässt sich hingegen als Antwort auf die steigende Beliebtheit erotischer und soft-sex-Kinofilme verstehen. Während einige Projektergebnisse sich spezifisch auf fiktionale Beschreibungen von Künstlerinnen und damit kreativen und meist berühmten Leben beziehen, beleuchten andere die Genderdynamiken von Biofictions generell. Der Band Imagining Gender in Biographical Fiction (2022) befasst sich mit der Ethik von Biofiktionen, die "verlorene" oder marginalisierte Leben erzählen wie auch mit genderspezifischen Aneignungen von berühmten Leben und der den Figuren zugeschriebenen Handlungsmacht. Er nimmt die exemplarische Funktion der Biofiction als Brücke zwischen narrativer Fremd- und Selbstkonstruktion in den Blick und ihren Beitrag zur kulturellen Sichtbarkeit bestimmter Geschlechtsidentitäten (z.B. von Trans- und Intersexmenschen). Dieser Band untersucht damit das kritische, revisionistische und dekonstruktive Potential biographischer Fiktionen, ohne dabei die Effekte von Genderklischées, Gendernormen und etablierten Narrativen aus dem Blick zu verlieren.
- Universität Wien - 100%
- Caitriona Ni Dhuill, Universität Salzburg , nationale:r Kooperationspartner:in
Research Output
- 8 Zitationen
- 13 Publikationen
- 3 Disseminationen
- 4 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2022
Titel Imagining Gender in Biographical Fiction: Introduction; In: Imagining Gender in Biographical Fiction Typ Book Chapter Autor Novak J Verlag Palgrave Macmillan Seiten 1-45 Link Publikation -
2022
Titel Imagining Gender in Biographical Fiction Typ Book Autor Novak J editors Novak J, NíDhúill C Verlag Palgrave Macmillan Link Publikation -
2022
Titel Screening Clara SchumannBiomythography, Gender, and the Relational Biopic Typ Journal Article Autor Novak J Journal Biography Seiten 1-26 Link Publikation -
2023
Titel Biografische Romane: Identifikationsfiguren für Personen und Communitys Typ Other Autor Lajta-Novak Link Publikation -
2021
Titel Women's Lives on Screen Typ Book Autor Novak J editors Theuer E, Novak J Verlag European Journal of Life Writing Link Publikation -
2019
Titel Life Writing and Celebrity: Exploring Intersections DOI 10.1080/14484528.2019.1539208 Typ Journal Article Autor Mayer S Journal Life Writing Seiten 149-155 Link Publikation -
2019
Titel Life Writing Research Past and Present: Interview with Sidonie Smith and Julia Watson Typ Journal Article Autor Herbe S Journal European Journal of Life Writing Seiten 8-20 Link Publikation -
2017
Titel Review of Lucia Boldrini, Autobiographies of Others: Historical Subjects and Literary Fiction. Typ Journal Article Autor Novak J Journal Comparative Critical Studies Seiten 383-387 Link Publikation -
2020
Titel Introduction DOI 10.4324/9780429340284-1 Typ Book Chapter Autor Mayer S Verlag Taylor & Francis Seiten 1-7 -
2020
Titel Performing Black British memory: Kat François’s spoken-word show Raising Lazarus as embodied auto/biography DOI 10.1080/17449855.2020.1737184 Typ Journal Article Autor Novak J Journal Journal of Postcolonial Writing Seiten 324-341 Link Publikation -
2020
Titel Performing Black British memory: Kat François's spoken-word show Raising Lazarus as embodied auto/biography Typ Journal Article Autor Novak J Journal Journal of Postcolonial Writing Seiten 324-341 Link Publikation -
2022
Titel Screening Clara Schumann: Biomythography, Gender, and the Relational Biopic DOI 10.1353/bio.2022.0015 Typ Journal Article Autor Novak J Journal Biography Seiten 1-26 Link Publikation -
2021
Titel ‘Mattering’ Women’s Lives on Screen: An Introduction DOI 10.21827/ejlw.10.37910 Typ Journal Article Autor Theuer E Journal European Journal of Life Writing Link Publikation
-
2020
Link
Titel Interview with Christina Höfferer (Radio Ö1) about Artemisia Gentileschi in cultural memory Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2020
Link
Titel Interview with Cornelia Gräbner (Die Presse) about women artist biofictions Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2018
Link
Titel Der Standard - blog entry about the ethical limits of biofiction Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link
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2021
Titel Editorial Board for book series "Poetry in the Digital Age" (De Gruyter) Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International -
2020
Titel START Prize Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country) -
2019
Titel Keynote address at the "Beyond Boundaries: Authorship and Readership in Life Writing" conference at Tilburg University, 25 Oct 2019 Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2017
Titel Member of the Young Academy, Austrian Academy of Sciences Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad National (any country)
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2021
Titel (POETRY OFF THE PAGE) - Poetry Off the Page: Literary History and the Spoken Word, 1965-2020 Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2021