Lebensführung von österreichischen Staatsbediensteten (1918 – 1940)
Austrian Government Employees and Conduct of Life (1918 – 1940)
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Politikwissenschaften (10%); Rechtswissenschaften (10%); Soziologie (40%)
Keywords
-
Government Employees,
Administrative History,
Conduct Of Life,
Social History,
Trust In Government,
Civil Service
Über Beamte in der Habsburgermonarchie wurde literarisch und wissenschaftlich viel geschrieben, haben sie doch nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Kultur dieses Staates geprägt. Ihr Schicksal nach 1918 geschah wurde bisher aber nur wenig, vor allem im Hinblick auf Spitzenbeamte erforscht. In diesem Projekt geht es um die Rolle der Staatsangestellten als vielfältige soziale und professionelle Gruppe in den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen vom Ende der Monarchie bis zur Eingliederung der ehemals österreichischen Verwaltung in die des Deutschen Reiches. Durch ihr spezielles Anstellungsverhältnis repräsentierten sie den Staat, der zugleich ihr Arbeitgeber war. Sie waren verpflichtet, Ihre Dienstpflicht zu erfüllen und zudem im Dienst wie im Privatleben sich so zu verhalten, dass das Ansehen des Staates nicht beeinträchtigt werde. Dafür erhielten sie vom Staat ein angemessenes Einkommen für sich und ihre Angehörigen, eine lebenslange Anstellung sowie Anspruch auf eine Versorgung im Alter. Dieses Verhältnis kam in Zeiten von hoher Inflation und Beamtenabbau zu Zwecken der Sanierung des Staates, aus dem Gleichgewicht. Die zentrale Forschungsfrage ist: wie hat sich die Lebensführung der Staatsangestellten in der untersuchten Zeit in einer Weise verändert, die für das Standesbewusstsein der sozialen Gruppe, und damit auch für das allgemeine Vertrauen in staatliche Institutionen und die Demokratie abträglich war. Dies wird anhand des zentralen Konzepts der standesgemäßen Lebensführung (Max Weber) untersucht. Darunter wird verstanden, wie die Staatsangestellten ihr Standesbewusstsein in die Praxis umsetzten. Dies wird in Verbindung mit verschiedenen Aspekten der Verwaltungsforschung Geschichte, Repräsentativität, Politisierung, Öffentliche Meinung und Reform erforscht. Es wird ein kollektivbiographisches soziales Portrait erstellt und die Lebensführung anhand von normalen und gebrochenen Biographien und Karrieren ebenso wie anhand von Normübertretungen, wie sie in Disziplinarakten abgehandelt werden, erforscht. Letztere stellen eine besonders spannende Quelle dar, weil in ihnen Verhandlungen über die Grenzen von Un/Anständigkeit dokumentiert werden. Die öffentliche Meinung über Staatsbediensteten wird untersucht und mit Selbstbildern von Staatsbediensteten anhand von Beamtenzeitungen und Egodokumenten kontrastiert. Dafür kommen statistische und textanalytische Methoden der digital humanities zum Einsatz. Weiters wird das politische Engagement in Organisationen und Interessensvertretungen der 1920er und 1930er Jahre, bis zu deren Verbot bzw. Vereinheitlichung im Ständestaat ab 1934 erforscht. Eine wesentliche Forschungslücke schließt auch eine Vollerhebung der Fälle von nationalsozialistischen Säuberungen aus politischen oder rassistischen Gründen, infolge derer Staatsbedienstete entlassen, pensioniert oder versetzt wurden.
Öffentlich Bedienstete waren von politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts besonders stark betroffen, weil sie den Staat repräsentierten und von ihm beschäftigt und entlohnt wurden. Die Zwischenkriegszeit und die ersten Jahre des nationalsozialistischen Regimes in Österreich brachten große Herausforderung für diese vielschichtige Berufsgruppe mit sich, die inklusive ihrer Familienangehörigen immerhin etwa ein Siebentel der österreichischen Bevölkerung ausmachte. Hyperinflation, Wirtschaftskrisen, Beamtenabbau sowie politische Einflussnahmen auf ihr Berufs- und Privatleben belasteten die öffentlich Bediensteten und veränderten das Bild, das die Öffentlichkeit von ihnen hatte, aber auch ihr Selbstbild, meist in negativer Weise. Das zeigt das Projekt anhand vielfältiger historischer Quellen, darunter auch Belletristik und Karikaturen der 1920er und 1930er Jahre. In diesem Projekt werden öffentlich Bedienstete jedoch nicht bloß als diesen historischen Entwicklungen passiv unterworfen dargestellt, vielmehr kommen sie auch als handlungsfähig und aktiv zu Wort, sei es als organisierte Aktivist*innen einer Beamtenbewegung, sei es in autobiografischen Dokumenten, sei es in Stellungnahmen als Teil von Disziplinarverfahren. Im Rahmen des Projekts wurde das analytische Konzept der "Standesgemäßen Lebensführung" entwickelt, basierend auf sozialwissenschaftlichen Theorien - unter Bezugnahme auf Max Weber, Michel Foucault und Pierre Bourdieu - und zeitgenössischen Verwendungen des Begriffs. Es geht dabei um verkörperte und verinnerlichte Traditionen, Normen und Wertvorstellungen, die mit der Zugehörigkeit zu den öffentlich Bediensteten verbunden sind. Wenn auch der konkrete Inhalt der angemessenen standesgemäßen Lebensführung je nach der Position einer Person in der Beamtenhierarchie unterschiedlich war, so wurde in der Zwischenkriegszeit auch ganz allgemein auf den Begriff Bezug genommen, oft mit dem Hinweis darauf, dass bis 1914 andere, höhere Standards galten. Ausführliche Analysen von Disziplinarakten zeigen, wie anhand von Normübertretungen korrektes Beamtenverhalten abgeleitet wurde. Gewisse Disziplinarvergehen sind typisch für die Zeit, in denen sie vorkamen, so etwa Lebensmitteldiebstähle in den frühen 1920er Jahren oder Sympathiebekundungen an die NSDAP in den mittleren 1930er Jahren. Das Ausmaß der verhängten Disziplinarstrafen konnte auch bei ähnlichen Vergehen variieren, und bei höheren Beamten wurden deutlich seltener Disziplinarverfahren eingeleitet. Eine Auswertung von über 14 500 Bescheiden einer Verordnung von 1938 zur "Neuordnung" des österreichischen Staatsapparats nach rassistischen und politischen Kriterien ergab, dass über weniger als zehn Prozent der öffentlich Bediensteten Maßnahmen (z.B. zwangsweise Versetzung in den Ruhestand, Entlassung) verhängt wurden, und dass Exekutivbeamte und Lehrer*innen überproportional stark davon betroffen waren. Ironischerweise ist eines der Ergebnisse dieses Projekts, dessen Untersuchungszeitraum mit 1918 beginnt, dass 1918 als historische Zäsur zumindest für die staatliche Verwaltung und ihr Personal ungeeignet ist, weil sehr viele Parameter trotz des Regimewechsels konstant blieben und wesentliche Veränderungen graduell oder zu anderen Zeitpunkten stattfanden. Damit öffnen sich neue Perspektiven im Forschungsfeld zu postimperialen Transformationsprozessen, zu dem dieses Projekt einen relevanten Beitrag darstellt.
- Universität Wien - 100%
- Andreas Eckert, Universität Hamburg - Deutschland
- Marcel Van Der Linden, Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences KNAW - Niederlande
- Fredrik Lindström, Malmö University - Schweden
- John Deak, University of Notre Dame - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 8 Zitationen
- 16 Publikationen
- 1 Policies
- 1 Disseminationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2021
Titel Historicizing bureaucratic encounters - Austrian Journal of Historical Sciences 32/1 Typ Book Autor Garstenauer T editors Garstenauer T Verlag Studien Verlag Link Publikation -
2021
Titel Former Habsburg-Austrian administrative staff after the end of the Empire; In: Rozpad imperiw. Kształtowanie powojennego ładu w Europie Środkowo-Wschodniej w latach 1918-1923 Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Seiten 148-162 Link Publikation -
2021
Titel Editorial: Historicizing Bureaucratic Encounters Typ Journal Article Autor Garstenauer T Journal Austrian Journal of Historical Sciences / Oesterreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften Seiten 5-12 Link Publikation -
2021
Titel Jenseits einer »bloßen Formulariensammlung«. Das Disziplinarverfahren nach der Dienstpragmatik 1914 und seine Umsetzung DOI 10.1007/978-3-662-64084-5_6 Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Verlag Springer Nature Seiten 89-102 -
2019
Titel Von der Residenzstadt zum Roten Wien. Die Veränderungen in der Gemeindeverwaltung, 1918-1920 [in: , Basel 2019, 38 - 41; In: Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis. Ausstellungskatalog Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Seiten 38-41 Link Publikation -
2019
Titel The Conduct of Life of Austrian Civilian Government Employees in the First Republic; In: The Habsburg Civli Service and Beyond - Bureaucracy and Civil Servants from the Vormärz to the inter-war years DOI 10.2307/j.ctvggx26b.13 Typ Book Chapter Verlag Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften -
2020
Titel Diensteide und Gelöbnisse ehemaliger Bediensteter der Habsburgermonarchie 1918 - 1921; In: Le Serment / Der Eid De l'âge du Prince à l'ère des nations / Vom Zeitalter der Fürsten bis zur Ära der Nationen Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Verlag Peter Lang Seiten 79-91 Link Publikation -
2018
Titel »Beamtengefühl«: Soziale Funktionen von Emotionen im österreichischen Staatsdienst der Zwischenkriegszeit DOI 10.2478/adhi-2018-0039 Typ Journal Article Autor Garstenauer T Journal Administory Seiten 61-79 Link Publikation -
2020
Titel Hofratsdämmerung? DOI 10.7767/9783205211525 Typ Book editors Becker P, Garstenauer T, Helfert V, Megner K, Stockinger T, Steiner G Verlag Brill Osterreich -
2020
Titel Einleitung DOI 10.7767/9783205211525.7 Typ Book Chapter Autor Becker P Verlag Brill Osterreich Seiten 7-18 -
2020
Titel From Imperial City to Red Vienna. The Transformations of the Municipal Administration in Vienna, 1918–1920 DOI 10.7767/9783205211525.93 Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Verlag Brill Osterreich Seiten 93-112 -
2021
Titel Zur Geschichte der Mittelschicht in Österreich: Mittelstand und Bürgertum im 19. Jahrhundert DOI 10.1007/978-3-658-31523-8_2 Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Verlag Springer Nature Seiten 13-33 -
2023
Titel »…für die aufmerksamen Zuhörer eine Pein, für die unaufmerksamen ein Schlafmittel«. Protokolle, Unmittelbarkeit und Wahrheitsfindung im Disziplinarakt öffentlich Bediensteter DOI 10.1007/978-3-662-66896-2_7 Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Verlag Springer Nature Seiten 111-127 Link Publikation -
2023
Titel The Life Courses and Careers of Public Employees in Interwar Austria DOI 10.1515/9783111147529-009 Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Verlag De Gruyter Seiten 153-178 Link Publikation -
2021
Titel Unravelling Multinational Legacies: National Affiliations of Government Employees in Post-Habsburg Austria DOI 10.1007/978-3-030-55199-5_10 Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Verlag Springer Nature Seiten 213-236 -
2017
Titel 3.5. Administrative Staff DOI 10.1515/9783110424584-015 Typ Book Chapter Autor Garstenauer T Verlag De Gruyter Seiten 297-316
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2023
Titel Edith-Saurer-Prize Typ Research prize Bekanntheitsgrad Continental/International -
2019
Titel Invitation as a speaker to the annual conference of the Initiative for Labour Legislation at the Max Planck Institute for Legal History and Legal Theory Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
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2018
Titel Anniversary Fund of the City of Vienna for the Austrian Academy of Sciences Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2018