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Lebensführung von österreichischen Staatsbediensteten (1918 – 1940)

Austrian Government Employees and Conduct of Life (1918 – 1940)

Therese Garstenauer (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/V539
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2017
  • Projektende 31.05.2023
  • Bewilligungssumme 342.762 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (40%); Politikwissenschaften (10%); Rechtswissenschaften (10%); Soziologie (40%)

Keywords

    Government Employees, Administrative History, Conduct Of Life, Social History, Trust In Government, Civil Service

Abstract Endbericht

Über Beamte in der Habsburgermonarchie wurde literarisch und wissenschaftlich viel geschrieben, haben sie doch nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Kultur dieses Staates geprägt. Ihr Schicksal nach 1918 geschah wurde bisher aber nur wenig, vor allem im Hinblick auf Spitzenbeamte erforscht. In diesem Projekt geht es um die Rolle der Staatsangestellten als vielfältige soziale und professionelle Gruppe in den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen vom Ende der Monarchie bis zur Eingliederung der ehemals österreichischen Verwaltung in die des Deutschen Reiches. Durch ihr spezielles Anstellungsverhältnis repräsentierten sie den Staat, der zugleich ihr Arbeitgeber war. Sie waren verpflichtet, Ihre Dienstpflicht zu erfüllen und zudem im Dienst wie im Privatleben sich so zu verhalten, dass das Ansehen des Staates nicht beeinträchtigt werde. Dafür erhielten sie vom Staat ein angemessenes Einkommen für sich und ihre Angehörigen, eine lebenslange Anstellung sowie Anspruch auf eine Versorgung im Alter. Dieses Verhältnis kam in Zeiten von hoher Inflation und Beamtenabbau zu Zwecken der Sanierung des Staates, aus dem Gleichgewicht. Die zentrale Forschungsfrage ist: wie hat sich die Lebensführung der Staatsangestellten in der untersuchten Zeit in einer Weise verändert, die für das Standesbewusstsein der sozialen Gruppe, und damit auch für das allgemeine Vertrauen in staatliche Institutionen und die Demokratie abträglich war. Dies wird anhand des zentralen Konzepts der standesgemäßen Lebensführung (Max Weber) untersucht. Darunter wird verstanden, wie die Staatsangestellten ihr Standesbewusstsein in die Praxis umsetzten. Dies wird in Verbindung mit verschiedenen Aspekten der Verwaltungsforschung Geschichte, Repräsentativität, Politisierung, Öffentliche Meinung und Reform erforscht. Es wird ein kollektivbiographisches soziales Portrait erstellt und die Lebensführung anhand von normalen und gebrochenen Biographien und Karrieren ebenso wie anhand von Normübertretungen, wie sie in Disziplinarakten abgehandelt werden, erforscht. Letztere stellen eine besonders spannende Quelle dar, weil in ihnen Verhandlungen über die Grenzen von Un/Anständigkeit dokumentiert werden. Die öffentliche Meinung über Staatsbediensteten wird untersucht und mit Selbstbildern von Staatsbediensteten anhand von Beamtenzeitungen und Egodokumenten kontrastiert. Dafür kommen statistische und textanalytische Methoden der digital humanities zum Einsatz. Weiters wird das politische Engagement in Organisationen und Interessensvertretungen der 1920er und 1930er Jahre, bis zu deren Verbot bzw. Vereinheitlichung im Ständestaat ab 1934 erforscht. Eine wesentliche Forschungslücke schließt auch eine Vollerhebung der Fälle von nationalsozialistischen Säuberungen aus politischen oder rassistischen Gründen, infolge derer Staatsbedienstete entlassen, pensioniert oder versetzt wurden.

Öffentlich Bedienstete waren von politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts besonders stark betroffen, weil sie den Staat repräsentierten und von ihm beschäftigt und entlohnt wurden. Die Zwischenkriegszeit und die ersten Jahre des nationalsozialistischen Regimes in Österreich brachten große Herausforderung für diese vielschichtige Berufsgruppe mit sich, die inklusive ihrer Familienangehörigen immerhin etwa ein Siebentel der österreichischen Bevölkerung ausmachte. Hyperinflation, Wirtschaftskrisen, Beamtenabbau sowie politische Einflussnahmen auf ihr Berufs- und Privatleben belasteten die öffentlich Bediensteten und veränderten das Bild, das die Öffentlichkeit von ihnen hatte, aber auch ihr Selbstbild, meist in negativer Weise. Das zeigt das Projekt anhand vielfältiger historischer Quellen, darunter auch Belletristik und Karikaturen der 1920er und 1930er Jahre. In diesem Projekt werden öffentlich Bedienstete jedoch nicht bloß als diesen historischen Entwicklungen passiv unterworfen dargestellt, vielmehr kommen sie auch als handlungsfähig und aktiv zu Wort, sei es als organisierte Aktivist*innen einer Beamtenbewegung, sei es in autobiografischen Dokumenten, sei es in Stellungnahmen als Teil von Disziplinarverfahren. Im Rahmen des Projekts wurde das analytische Konzept der "Standesgemäßen Lebensführung" entwickelt, basierend auf sozialwissenschaftlichen Theorien - unter Bezugnahme auf Max Weber, Michel Foucault und Pierre Bourdieu - und zeitgenössischen Verwendungen des Begriffs. Es geht dabei um verkörperte und verinnerlichte Traditionen, Normen und Wertvorstellungen, die mit der Zugehörigkeit zu den öffentlich Bediensteten verbunden sind. Wenn auch der konkrete Inhalt der angemessenen standesgemäßen Lebensführung je nach der Position einer Person in der Beamtenhierarchie unterschiedlich war, so wurde in der Zwischenkriegszeit auch ganz allgemein auf den Begriff Bezug genommen, oft mit dem Hinweis darauf, dass bis 1914 andere, höhere Standards galten. Ausführliche Analysen von Disziplinarakten zeigen, wie anhand von Normübertretungen korrektes Beamtenverhalten abgeleitet wurde. Gewisse Disziplinarvergehen sind typisch für die Zeit, in denen sie vorkamen, so etwa Lebensmitteldiebstähle in den frühen 1920er Jahren oder Sympathiebekundungen an die NSDAP in den mittleren 1930er Jahren. Das Ausmaß der verhängten Disziplinarstrafen konnte auch bei ähnlichen Vergehen variieren, und bei höheren Beamten wurden deutlich seltener Disziplinarverfahren eingeleitet. Eine Auswertung von über 14 500 Bescheiden einer Verordnung von 1938 zur "Neuordnung" des österreichischen Staatsapparats nach rassistischen und politischen Kriterien ergab, dass über weniger als zehn Prozent der öffentlich Bediensteten Maßnahmen (z.B. zwangsweise Versetzung in den Ruhestand, Entlassung) verhängt wurden, und dass Exekutivbeamte und Lehrer*innen überproportional stark davon betroffen waren. Ironischerweise ist eines der Ergebnisse dieses Projekts, dessen Untersuchungszeitraum mit 1918 beginnt, dass 1918 als historische Zäsur zumindest für die staatliche Verwaltung und ihr Personal ungeeignet ist, weil sehr viele Parameter trotz des Regimewechsels konstant blieben und wesentliche Veränderungen graduell oder zu anderen Zeitpunkten stattfanden. Damit öffnen sich neue Perspektiven im Forschungsfeld zu postimperialen Transformationsprozessen, zu dem dieses Projekt einen relevanten Beitrag darstellt.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Andreas Eckert, Universität Hamburg - Deutschland
  • Marcel Van Der Linden, Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences KNAW - Niederlande
  • Fredrik Lindström, Malmö University - Schweden
  • John Deak, University of Notre Dame - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 8 Zitationen
  • 16 Publikationen
  • 1 Policies
  • 1 Disseminationen
  • 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 1 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2021
    Titel Historicizing bureaucratic encounters - Austrian Journal of Historical Sciences 32/1
    Typ Book
    Autor Garstenauer T
    editors Garstenauer T
    Verlag Studien Verlag
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Former Habsburg-Austrian administrative staff after the end of the Empire; In: Rozpad imperiw. Kształtowanie powojennego ładu w Europie Środkowo-Wschodniej w latach 1918-1923
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Seiten 148-162
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Editorial: Historicizing Bureaucratic Encounters
    Typ Journal Article
    Autor Garstenauer T
    Journal Austrian Journal of Historical Sciences / Oesterreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
    Seiten 5-12
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Jenseits einer »bloßen Formulariensammlung«. Das Disziplinarverfahren nach der Dienstpragmatik 1914 und seine Umsetzung
    DOI 10.1007/978-3-662-64084-5_6
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Verlag Springer Nature
    Seiten 89-102
  • 2019
    Titel Von der Residenzstadt zum Roten Wien. Die Veränderungen in der Gemeindeverwaltung, 1918-1920 [in: , Basel 2019, 38 - 41; In: Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis. Ausstellungskatalog
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Seiten 38-41
    Link Publikation
  • 2019
    Titel The Conduct of Life of Austrian Civilian Government Employees in the First Republic; In: The Habsburg Civli Service and Beyond - Bureaucracy and Civil Servants from the Vormärz to the inter-war years
    DOI 10.2307/j.ctvggx26b.13
    Typ Book Chapter
    Verlag Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften
  • 2020
    Titel Diensteide und Gelöbnisse ehemaliger Bediensteter der Habsburgermonarchie 1918 - 1921; In: Le Serment / Der Eid De l'âge du Prince à l'ère des nations / Vom Zeitalter der Fürsten bis zur Ära der Nationen
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Verlag Peter Lang
    Seiten 79-91
    Link Publikation
  • 2018
    Titel »Beamtengefühl«: Soziale Funktionen von Emotionen im österreichischen Staatsdienst der Zwischenkriegszeit
    DOI 10.2478/adhi-2018-0039
    Typ Journal Article
    Autor Garstenauer T
    Journal Administory
    Seiten 61-79
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Hofratsdämmerung?
    DOI 10.7767/9783205211525
    Typ Book
    editors Becker P, Garstenauer T, Helfert V, Megner K, Stockinger T, Steiner G
    Verlag Brill Osterreich
  • 2020
    Titel Einleitung
    DOI 10.7767/9783205211525.7
    Typ Book Chapter
    Autor Becker P
    Verlag Brill Osterreich
    Seiten 7-18
  • 2020
    Titel From Imperial City to Red Vienna. The Transformations of the Municipal Administration in Vienna, 1918–1920
    DOI 10.7767/9783205211525.93
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Verlag Brill Osterreich
    Seiten 93-112
  • 2021
    Titel Zur Geschichte der Mittelschicht in Österreich: Mittelstand und Bürgertum im 19. Jahrhundert
    DOI 10.1007/978-3-658-31523-8_2
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Verlag Springer Nature
    Seiten 13-33
  • 2023
    Titel »…für die aufmerksamen Zuhörer eine Pein, für die unaufmerksamen ein Schlafmittel«. Protokolle, Unmittelbarkeit und Wahrheitsfindung im Disziplinarakt öffentlich Bediensteter
    DOI 10.1007/978-3-662-66896-2_7
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Verlag Springer Nature
    Seiten 111-127
    Link Publikation
  • 2023
    Titel The Life Courses and Careers of Public Employees in Interwar Austria
    DOI 10.1515/9783111147529-009
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Verlag De Gruyter
    Seiten 153-178
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Unravelling Multinational Legacies: National Affiliations of Government Employees in Post-Habsburg Austria
    DOI 10.1007/978-3-030-55199-5_10
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Verlag Springer Nature
    Seiten 213-236
  • 2017
    Titel 3.5. Administrative Staff
    DOI 10.1515/9783110424584-015
    Typ Book Chapter
    Autor Garstenauer T
    Verlag De Gruyter
    Seiten 297-316
Policies
  • 2019 Link
    Titel Inter- and transdisciplinary working group on innovation in public administration
    Typ Participation in a guidance/advisory committee
    Link Link
Disseminationen
  • 2018 Link
    Titel Radio programme "Betrifft Geschichte" on government employees in interwar Austria
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2023
    Titel Edith-Saurer-Prize
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2019
    Titel Invitation as a speaker to the annual conference of the Initiative for Labour Legislation at the Max Planck Institute for Legal History and Legal Theory
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
Weitere Förderungen
  • 2018
    Titel Anniversary Fund of the City of Vienna for the Austrian Academy of Sciences
    Typ Research grant (including intramural programme)
    Förderbeginn 2018

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