Textuelle Identifikationspotenziale in den Psalmen der Hebräischen Bibel
Text-based potentials of identification in the psalms of the Hebrew Bible
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (80%); Sprach- und Literaturwissenschaften (20%)
Keywords
-
Identification,
Aesthetic Illusion,
Psalms (Hebrew Bible),
Verbal Images,
Exegesis,
Emotions
Eine faszinierende Unmittelbarkeit kennzeichnet die Psalmen der Hebräischen Bibel. Die Psalmen als Lieder und Gebete aus einer lange vergangenen Zeit sind altorientalische Texte, die über die Jahrhunderte hinweg bis heute unmittelbar anrühren. Dieser Wesenszug der Vergegenwärtigung wird durch alle Epochen der Psalmenauslegung konstatiert, ist jedoch bisher weder methodisch operationalisiert noch systematisch analysiert worden. Das Habilitationsprojekt nimmt dieses Forschungsdesiderat in der aktuellen Psalmenexegese zum Ausgangspunkt. Unmittelbarkeit wird dadurch ausgelöst, dass sich die Lesenden mit den in den Psalmen erzählten Situationen, Themen, Bewegungen, Emotionen und Erfahrungen identifizieren können. Daher stellt sich das Projekt der neu entwickelten Forschungsfragen, welche Aspekte von Identifikation in den Psalmen zu finden sind und wie diese funktionieren. Ziel des Forschungsprojektes ist demnach, Textstrategien zu eruieren, die LeserInnenidentifikation ermöglichen. Identifikation mit Texten ist ein sehr komplexer Lesevorgang, der auf drei Faktoren beruht: (1) LeserIn, (2) Kontext und (3) Text. Für die Analyse text-basierter Identifikationspotentiale in den Psalmen wird im Rahmen der Rezeptionsästhetik und ausgehend von einer Definition des Begriffs "Identifikation" eine innovative Methodologie entwickelt. In der Literaturwissenschaft bedeutet Identifikation mit Erzähltexten u.a. die Übernahme eines textuell vorgezeichneten Perspektivzentrums sowohl in konkret-räumlicher als auch in zeitlicher Hinsicht. Indem LeserInnen sich mit diesem Perspektivzentrum identifizieren, werden sie in ihrer Vorstellungswelt notwendig Teil der Fiktionswelt. Dabei ist Identifikation Teil der sogenannten narrativen ästhetischen Illusion, die als scheinbares Eintreten in die Textwelt und ihr wahrnehmungsanaloges Miterleben charakterisiert wird. Sechs allgemeine Leitlinien zur werkseitigen Illusionsbildung sind im Rahmen der narrativen ästhetischen Illusion bereits entwickelt worden. Von diesen sechs Prinzipien werden Methodenschritte als deduktive Vertextungsverfahren abgeleitet, dabei mit bereits in der Exegese etablierten Methoden in Verbindung gebracht und nach einer ausführlichen Begründung auf die poetischen Texte der Psalmen angewandt. Nach der wohl durchdachten Auswahl der Psalmen aufgrund des Kriteriums der dominanten Erzählstimme und nach der Textanalyse sind relevante Ergebnisse sowohl aus theologisch-bibelwissenschaftlicher als auch aus interdisziplinärer Perspektive zu erwarten: eine neue methodologische Vorgangsweise, die anhand von Erzähltexten erarbeitete Methoden für die Analyse poetischer Texte fruchtbar macht, um neue Dimensionen in der Poetik aufzuzeigen; ein weiterer Beitrag zur etablierten Metaphernforschung innerhalb der alttestamentlichen Exegese, da Metaphern innerhalb der Bildersprache der Psalmen weite Identifikationspotentiale eröffnen; ein Beitrag zur biblischen und literaturwissenschaftlichen Emotionsforschung, da Identifikation durch implizit und explizit dargestellte Gefühle in Texten gefördert wird und schlussendlich ein tieferes Verständnis der Psalmen und der Unmittelbarkeit, die diesen inhärent ist.
Wie ist es möglich, dass Lesende in literarische Texte einsteigen und diese hautnah miterleben? Ausgehend von dieser Frage ging das Forschungsprojekt der Eigenart der Psalmen der Hebräischen Bibel auf den Grund. Diese sind als altorientalische Texte vor langer Zeit und in einer fremden Kultur, Sprache und Umwelt entstanden, können aber über die Jahrtausende hinweg bis heute unmittelbar anrühren. In der Bibelwissenschaft spricht man dabei vom Wesenszug der Vergegenwärtigung sowie von der Identifikationskraft der Psalmen (E. Zenger). Davon ausgehend ermittelte und untersuchte das Forschungsprojekt jene Elemente, die in den Psalmen zugrunde gelegt sind, damit sich Lesende mit den darin geschilderten Situationen, Themen, Bewegungen, Emotionen und Erfahrungen identifizieren können. Die Ziele des Forschungsprojektes waren demnach, Textstrategien in den Psalmen zu eruieren, die Leserinnen- und Leseridentifikation ermöglichen und diese exemplarisch an ausgewählten Psalmen darzustellen.Für die Analyse text-basierter Identifikationspotentiale in den Psalmen wurde eine innovative Methodologie entwickelt. Diese baut auf der Definition von Identifikation mit literarischen Texten als aktive Übernahme von im Text vorgezeichneten Perspektiven auf. Diese Perspektivenübernahme gelingt umso besser, je konkreter und interessanter bzw. aktueller die dargestellten Szenen und Inhalte sind und damit die Verbindung zu gegenwärtigen Themen und Problemlagen ermöglicht wird, je mehr emotionale Wirkung ein Text ausübt und je leichter die Anbindung an die Bewegungen des Textes gelingt. Daher erfolgte die textanalytische Arbeit entlang der Analysekategorien (1) Inhalt, (2) Emotionen sowie (3) Perspektivenlenkung und Textdynamik und den damit verbundenen Methodenschritten.Die erstmalig entwickelte Vorgangsweise, die anhand von Erzähltexten erarbeitete Methoden für die Analyse poetischer Texte fruchtbar macht, konnte neue Dimensionen in der Lyrikanalyse aufzeigen. Die Habilitation stellt zudem einen neuen Ansatz innerhalb der in den Bibelwissenschaften etablierten Metaphernforschung dar, indem der Beitrag der metaphorischen Sprache zur LeserInnenidentifikation herausgearbeitet wurde. Durch die Anwendung einer für die Bibelwissenschaft neuen Methode (Analyse expliziter und impliziter Emotionen) konnten sowohl Emotionsfelder als auch das Phänomen der doppelten Emotionalität in den ausgewählten Psalmen erhoben werden. Schlussendlich ist es gelungen, den Identifikationsprozess mit literarischen Texten (Einstieg in die Textwelt, Dranbleiben, Identifikation und Aneignung) anhand der ausgewählten Psalmen darzustellen und damit zu einem tieferen Verständnis der Psalmen und der Unmittelbarkeit, die diesen inhärent ist, beizutragen.
- Ilse Müllner, Universität Kassel - Deutschland
Research Output
- 2 Zitationen
- 18 Publikationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2016
Titel Lebendige Textbegegnung. Ein bibeldidaktisches Lehr/Lernkonzept in Kooperation von Exegese und Religionspädagogik exemplarisch dargestellt am Rutbuch und an Psalm 30; In: Orks in der Gelehrtenwerkstatt? Bibelwissenschaftliche Lehrformate und Lernumgebungen neu modelliert Typ Book Chapter Autor Eder S. Seiten 137-155 -
2016
Titel Lebendige Textbegegnung. Ein bibeldidaktisches Lehr/Lernkonzept in Kooperation von Exegese und Religionspädagogik exemplarisch dargestellt am Rutbuch und an Psalm 30. Typ Book Chapter Autor Eder S -
2016
Titel Rez. Kartje, John: Wisdom Epistomology in the Psalter. A Study of Psalms 1, 73, 90 and 107. Typ Journal Article Autor Eder S Journal Theologische Revue -
2016
Titel “Broken Hearted” and “Crushed in Spirit”: Metaphors and Emotions in Psalm 34,19 DOI 10.1080/09018328.2016.1122286 Typ Journal Article Autor Eder S Journal Scandinavian Journal of the Old Testament Seiten 1-15 Link Publikation -
2017
Titel Rez. Gerstenberger, Erhard: Arbeitsbuch Psalmen Typ Journal Article Autor Eder S. Journal Bibel und Kirche Online-Rezensionen Link Publikation -
2017
Titel Identifikationspotenziale in den Psalmen: Emotionen, Metaphern und Textdynamik in den Psalmen 30, 64, 90 und 147 Typ Book Autor Eder Verlag V&R unipress GmbH Link Publikation -
2017
Titel Empathischer Perspektivenwechsel. Empathie und Erzählstimme in den Psalmen exemplarisch analysiert; In: Perspektiven. Narratologische Zugänge zum Alten Testament Typ Book Chapter Autor Eder S. Seiten 281-306 -
2017
Titel Do Justice and Peace Really Kiss Each Other? DOI 10.1163/15685330-12341284 Typ Journal Article Autor Eder S Journal Vetus Testamentum Seiten 387-402 Link Publikation -
2012
Titel In die Textwelt einsteigen. Identifikationspotenziale im Rutbuch. Typ Journal Article Autor Eder S -
2014
Titel Rez. Pohl-Patalong, Uta: Zugänge zur Bibel, Freiburg/Br. 2013. Typ Journal Article Autor Eder S Journal Bibel und Kirche Online-Rezensionen -
2014
Titel Rez. Brodersen, Alma: Die Bedeutung der Schöpfungsaussagen für die Theologie von Psalm 147, Biblisch-Theologische Studien 134, Neukirchen-Vluyn 2013. Typ Journal Article Autor Eder S Journal Bibel und Kirche Online-Rezensionen -
2016
Titel Rez. Saur, Markus (Hg.): Die kleine Biblia. Beiträge zur Theologie der Psalmen und des Psalters, Biblisch-Theologische Studien 148, Neukirchen-Vluyn 2014. Typ Journal Article Autor Eder S Journal Bibel und Kirche Online-Rezensionen -
2016
Titel "Neige, JHWH, dein Ohr! Antworte mir!" (Ps 86,1). Gott als Adressat in den Psalmen. Typ Book Chapter Autor Eder S -
2013
Titel Machtdemonstration. Typ Book Chapter Autor Eder S -
2014
Titel Rez. Fietzek, Petra: Ins eigene Leben geschrieben. Psalmen für heute, Ostfildern 2010. Typ Journal Article Autor Eder S Journal Bibel und Kirche Online-Rezensionen -
2018
Titel Wort-Gefechte. Feindcharakterisierungen und Sprachgewalt in Psalm 64; In: Gegner im Gebet. Studien zu Feindschaft und Entfeindung im Buch der Psalmen Typ Book Chapter Autor Eder S. Verlag Herder Seiten 147-165 -
2018
Titel Identifikationspotenziale in den Psalmen. Emotionen, Metaphern und Textdynamik in den Psalmen 30, 64, 90 und 147 Typ Book Autor Eder S. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht unipress Link Publikation -
2018
Titel Von der Trauerklage zur Lebensfreude. Emotionen in Psalm 30 und die Suche nach dem "Ort" der Begegnung von Gott und Mensch; In: Ästhetik, sinnlicher Genuss und gute Manieren. Ein biblisches Menü in 25 Gängen. FS Hans-Winfried Jüngeling SJ Typ Book Chapter Autor Eder S. Seiten 131-145
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2017
Titel Preisträgerin der Dr. Maria Schaumayer-Stiftung Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country) -
2017
Titel Kardinal-Innitzer-Förderpreis als Auszeichnung für die Habilitation Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country)