Veränderung der Gesellschaft durch Regieren und Verwalten
Changing society through rule and government
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (80%); Politikwissenschaften (10%); Rechtswissenschaften (10%)
Keywords
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Political communication,
Modern history,
Symbolic communication,
Reforms,
Implementation process,
Administration
Das vorliegende Forschungsvorhaben untersucht einen Zeitraum, der sich durch eine Reihe von Umbrüchen charakterisieren lässt, die auf lange Dauer gesehen von der ständischen Stufung der Gesellschaft im 18. Jahrhundert hin zu einer zunehmend staatsbürgerlich-demokratischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert geführt haben. Dieser Wandel wurde eingeleitet durch die Einflüsse der Aufklärung, die in der höheren Gesellschaft zur Verbreitung von Ideen von einer Gleichheit der Menschen und der Souveränität des Volkes führten, was in ein neu gedachtes Verhältnis zwischen Fürst und Bevölkerung münden sollte. Die Zeit war geprägt durch Reformen. Dabei steht allerdings die Frage im Raum, inwieweit diese Reformen oder Reformversuche von Seiten der Herrschenden und Regierenden auch die Bevölkerung erreicht und ob diese zu dem oben angesprochenen gesellschaftlichen Wandel beigetragen haben. So lange der Blick nur auf die Intentionsseite von Reformen gerichtet war, blieb das Bild unvollständig und es konnten kaum Aussagen über die tatsächlichen Auswirkungen auf die Gesellschaft getroffen werden. Dieses Forschungsprojekt möchte mit dem Ansatz der Politischen Kommunikation beide Seiten - die Regierenden und die "Regierten" - verbinden, indem das Politische als weiter Kommunikationsraum verstanden wird, innerhalb dessen die Beeinflussung und Intention nicht nur von einer Seite fließt, sondern sich im Kommunikationsprozess verändert, neue Impulse bekommt, in der Rückkoppelung auch im Zentrum wieder neue Botschaften ankommen lässt und so einen Kreislauf evoziert. Regieren und Verwalten ist dabei als untrennbarer gemeinsamer Prozess zu verstehen. Erst die Vorgänge der täglichen Verwaltungspraxis ermöglichen den Einblick in die Wirkkraft von angeordneten Maßnahmen und den Reaktionen darauf. Den geografischen und zeitlichen Rahmen für die Untersuchung bilden das Großherzogtum Toskana, das Kurfürstentum Salzburg und das Großherzogtum Würzburg in der Zeit von 1790 bis 1824. Damit folgt das Forschungsprojekt dem Weg Großherzog Ferdinands III. durch seine Territorien. Er repräsentiert einen für die napoleonische Zeit typischen Fürsten, der unmittelbar von den Auswirkungen der Friedensschlüsse von Lunéville 1801 und Preßburg 1805 sowie des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 mit ihren Verschiebungen der Landesgrenzen und Statusveränderungen einzelner Territorien betroffen war.
Das Projekt stand zum einen im Kontext der Politischen Kommunikation. Es ging darum, die sehr vage definierte Sattelzeit als eine Zeitspanne von fundamentalen Veränderungen von einer ständisch gegliederten Gesellschaft im 18. zu einer demokratisch verfassten im 19. Jahrhundert konkreter zu untersuchen, um die richtungsgebenden Prozesse näher bestimmen zu können. Erst dadurch ließ sich etwas über die Nachhaltigkeit von Ereignissen und Veränderungen aussagen und beobachten, welche Auswirkungen diese auf das weitere 19. Jahrhundert hatten. Daher wurde der Untersuchungszeitraum auf die Zeit 1790 bis 1824 eingeengt und am Beispiel dreier Territorien Toskana, Salzburg und Würzburg das Reformhandeln untersucht. Dazu boten sich drei markante Bereiche insbesondere an, um etwas über die Veränderung von Gesellschaft aussagen zu können die Handhabung von Privilegien für bestimmte gesellschaftliche Gruppen, Kriterien für den Zugang zu Staatsämtern und der Umgang mit den verschiedenen Religionen bzw. Konfessionen.Um nicht nur das Regierungs- und Verwaltungshandeln der jeweiligen Herrschaft fassen zu können, richtete sich der Blick im Sinne eines erweiterten Politikbegriffes auch auf die Wahrnehmung der Regierten, also auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Zur besseren Erfassung der Nachhaltigkeit dieser Reformen wurde während der Projektlaufzeit zum anderen noch ein weiterer Ansatz hinzugenommen jener der Raumsoziologie. Diese geht davon aus, dass jeder Mensch durch Platzieren von (sozialen) Objekten und deren Verknüpfung seinen eigenen, stets relationalen und veränderbaren Raum konstruiert in Abstimmung mit seiner sozialen Umwelt. Wenn in diese Ordnung des Raumes abrupte Eingriffe vorgenommen werden, kommt es häufig zu Konflikten, weil das gesamte Anordnungssystem fragil wird. Umgelegt auf den Fokus des Forschungsprojektes diente die Annäherung durch das Konzept Raum dazu, genauer darauf zu achten, inwieweit die vorgenommenen Reformen im Raum für verschiedene Bevölkerungsgruppen auch wahrnehmbar wurden, ob sie auf Dauer beispielsweise Wege und Abläufe veränderten und sich auf diese Weise einprägten. Eingriffe in das Raumhandeln zwangen zur Reaktion sei es in Form von Protest, Widerstand oder Aneignung bzw. Konstruktion einer neuen räumlichen Anordnung.Als zentral für die Untersuchung erwies sich die Kategorie bzw. das Ereignis Herrscherwechsel. Die ersten Begegnungen zwischen Herrscher und Bevölkerung orientierten sich im Prinzip an eingeübten Ritualen. Doch die akribische Analyse des Aufbaus dieser Aufeinandertreffen zeigte das genaue Aushandeln und Anpassen an die jeweiligen Verhältnisse. Ebenso entscheidend waren vor allem die ersten Monate bzw. etwa das erste Jahr, in dem bestehende Regierungs- und Verwaltungsstrukturen umgebaut wurden. Der Blick darauf, inwieweit die vorgenommenen Reformen tatsächlich Veränderungen im Raumhandeln einzelner Bevölkerungsgruppen bewirkten, ließ Aussagen darüber zu, wie sehr diese mit den Auswirkungen konfrontiert waren und sich damit auseinandersetzen mussten.
- Universität Innsbruck - 100%
- Astrid Von Schlachta, Universität Innsbruck , nationale:r Kooperationspartner:in
- Gunda Barth-Scalmani, Universität Innsbruck , nationale:r Kooperationspartner:in
- Winfried Romberg, Österreichische Akademie der Wissenschaften , nationale:r Kooperationspartner:in
Research Output
- 12 Publikationen
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2015
Titel »Legitimationsbedingungen« für den neuen Herrscher. Der Empfang Ferdinands III. von Toskana durch seine neuen Untertanen – Salzburg 1803 und Würzburg 1806 DOI 10.14220/9783737004282.145 Typ Book Chapter Autor Forster E Verlag Brill Deutschland Seiten 145-166 -
2015
Titel "[] daß bey weitem nicht alles salzburgischer Boden ist, was [] gelb gemahlt ist." Aneignung von Land und Rechten durch Visualisierung auf geografischen Karten von Salzburg und Tirol im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. Typ Book Chapter Autor Forster E -
2011
Titel Gesellschaftliche Neuordnung am Ende des 18. Jahrhunderts? Österreichische und toskanische Rechtsentwürfe im Vergleich. Typ Book Chapter Autor Ellinor Forster/Margareth Lanzinger (Hg.) -
2011
Titel Durchsetzung von Landesherrschaft auf symbolischer Ebene. Der Umgang mit Ziviluniformen in Bayerns neuer Peripherie als Mittel zur Integration und zum Widerstand. Typ Book Chapter Autor Forster E -
0
Titel Wie kommuniziert man Legitimation? Herrschen, Regieren und Repräsentieren in Umbruchsituationen (Schriften zur Politischen Kommunikation 21). Typ Other Autor Schnegg K Et Al -
0
Titel Neues Recht/Diritto nuovo. Geschichte und Region/Storia e regione. Typ Other Autor Forster E -
2013
Titel Die Konstruktion eines "schwachen Fürsten". Biografische Überlegungen zu Ferdinand III. von Toskana. Typ Book Chapter Autor Ernst Bruckmüller/David Wineroither (Hg.) -
2017
Titel Zwischen Legitimität und neuen Vorstellungen von idealen Landesgrenzen. Die Toskana im Kreuzungspunkt von habsburgischen und bourbonischen Interessen 1814/15. Typ Book Chapter Autor Brigitte Mazohl/Karin Schneider/Eva M. Werner (Hg.) -
2016
Titel Zeremoniell nach Bedarf? Absicherung neuer Herrschaft durch angepasste symbolische Kommunikation - Salzburg 1803-1816. Typ Book Chapter Autor Elisabeth Lobenwein/Jutta Baumgartner/Gerhard Ammerer/Thomas Mitterecker (Hg.) -
2016
Titel Anpassen an herrschende Verhältnisse. Die Umbrüche von 1814/1815 aus der Perspektive der toskanischen Zeitungen DOI 10.1553/rhm58s201 Typ Journal Article Autor Forster E Journal Römische Historische Mitteilungen Seiten 201-212 -
2014
Titel Tiefer Fall oder Anschluss an das Reformzeitalter? Die Wahrnehmung von Salzburgs Umbauprozess zu einer österreichischen Provinz im frühen 19. Jahrhundert. Typ Journal Article Autor Forster E Journal Rudolf Gräf/Harald Heppner/Nicolae Bocsan/Daniela Mârza (Hg.), Transylvanian Review, Supplement: Looking towards the Center. Society and History in Europe -
2014
Titel Beängstigende (Frei)Räume? Säkularisation und Herrschaftswechsel im Tagebuch des Abtes Dominik Hagenauer von St. Peter in Salzburg. Typ Book Chapter Autor Forster E