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Erinnerungsorte der Migration in der Stadt

Lieux de mémoire of migration in urban spaces

Christiane Hintermann (ORCID: 0000-0002-5279-2367)
  • Grant-DOI 10.55776/V186
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.02.2011
  • Projektende 31.01.2017
  • Bewilligungssumme 277.507 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (25%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (25%); Soziologie (50%)

Keywords

    Sites of remembrance, Migration, Communicative and cultural memory, Migration history, Remembrance cultures, Social and cultural recognition

Abstract Endbericht

Das Projekt Erinnerungsorte der Migration in der Stadt zielt darauf ab, Erinnerungsorte der Migration in Wien und Österreich zu erkunden, zu erfassen und zu dokumentieren. Darüber hinaus geht es vor allem darum, die Entstehungsgeschichte(n) dieser "Orte", ihre Bedeutung (und Bedeutungswandel) für unterschiedliche soziale Gruppen zu analysieren, Konflikte in Bezug auf ihre Interpretationen und Bedeutungen zu untersuchen und der Rolle der beteiligten AkteurInnen auf den Grund zu gehen. Die Studie verwendet das Konzept der Lieux de mémoire, das von Pierre Nora zur Analyse der französischen Gedächtnisorte entwickelt wurde, adaptiert dieses jedoch für den Migrationskontext, um damit die "Erinnerungslücke", die in diesem Bereich sowohl im städtischen als auch im nationalen Bereich evident ist zu "verkleinern". Die Grundidee des Projektes besteht darin, eine "Erinnerungstopographie" der Migration für Wien zu erarbeiten, ergänzt um Lieux de mémoire, die nicht direkt in der Stadt liegen, aber bedeutsam sind für die österreichische Migrationsgeschichte im Allgemeinen. Besondere Bedeutung wird dabei den kommunikativen Erinnerungen der MigrantInnen selbst beigemessen, um so auch einen Zugang zur bisher ignorierten Erinnerungskultur der MigrantInnen gewinnen zu können. Das Projekt versteht sich als Beitrag zu einem im Entstehen befindlichen Forschungsfeld, das mit dem Label "Migration und Gedächtnis" (migration and memory) gut beschrieben werden kann. Es befindet sich an der Schnittstelle unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen: Sozial- und Kulturgeographie, Zeitgeschichte sowie Migrations- und Gedächtnisforschung. Zentraler Punkt im Projekt selbst wie auch in meiner bisherigen Arbeit in diesem Forschungsfeld ist die Analyse der Beziehungen zwischen Migration und Integration auf der einen Seite und Gedächtnis- und Erinnerungsaspekten auf der anderen. Die Verbindung dieser beiden Themenfelder in einem gemeinsamen Forschungsansatz ist neu und innovativ. Zentrale Fragen europäischer Einwanderungsgesellschaften, wie z.B. "Ist die reiche Migrationsgeschichte seit dem 2. Weltkrieg Teil der großen europäischen Narrative?" oder "Wie erzählen Einwanderungsgesellschaften ihre Migrationsgeschichte(n), wie verhandeln und (re)konstruieren sie ihre Migrationsvergangenheit?" sind kaum Gegenstand wissenschaftlicher Analysen und spielen keine Rolle im öffentlichen und politischen Diskurs zum Themenbereich Migration und Integration. Zwei zentrale Hypothesen liegen dem Projekt zu Grunde: Zum einen wird davon ausgegangen, dass Migration (Migrationsgeschichte) in der österreichischen Gedächtnis- und Erinnerungspolitik sowie im historischen Gedächtnis der Mehrheitsbevölkerung nicht verankert ist. Zum zweiten wird argumentiert, dass die historische Anerkennung von ImmigrantInnen und ihrer (Migrations)geschichte(n) eng verknüpft ist mit Fragen von Integration und Gleichberechtigung. Das Projekt leistet damit nicht nur wissenschaftliche Pionierarbeit in den beteiligten Disziplinen, sondern stellt darüber hinaus auch Erkenntnisse zur Verfügung, die bedeutsam sind für soziale Integrations- und Partizipationsprozesse.

Die österreichische Migrationsgeschichte ist in der nationalen, aber auch in den lokalen oder regionalen Erinnerungs- und Gedächtnislandschaften der Republik nach wie vor weitgehend unsichtbar. Das Bewusstsein dafür, dass Migrationsgeschichte inhärenter Bestandteil nationaler und transnationaler Geschichte ist, hat in zentralen gedächtnispolitischen Institutionen wie Archiven und Museen in den letzten Jahren zwar zugenommen, die Effekte auf die tatsächliche Sammel- und Ausstellungspraxis müssen jedoch nach wie vor als gering bezeichnet werden. Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik manifestiert sich über Denkmäler, Gedenktafeln, (temporäre) künstlerische Interventionen oder Verkehrsflächenbezeichnungen (z. B. Straßennamen) auch im öffentlichen Raum. Welche Bedeutung, welchen Stellenwert eine Gesellschaft ihrer Migrationsgeschichte einräumt zeigt sich also nicht zuletzt an der erinnerungskulturellen Ausgestaltung des öffentlichen (Stadt)Raums. Ergebnisse aus dem Projekt Erinnerungsorte der Migration in der Stadt zeigen deutlich, dass öffentlich sichtbare Verweise auf die Migrationsgeschichte (Emigration wie Immigration) der österreichischen Nachkriegszeit selten und sehr selektiv sind. Dieser Befund deutet darauf hin, dass sich bestimmte Migrationsereignisse eher in die offiziellen Mehrheitsnarrative integrieren lassen und anerkannt werden (z.B. Flucht und Unterbringung von Ungarinnen und Ungarn nach und in Österreich 1956) als andere (z.B. die gezielte Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in den 1960er Jahren). Geschichtliche Ereignisse mit Migrationsbezug, die im öffentlichen Raum erinnert werden, betonen selten positive Aspekte von Ein- und Auswanderung, sondern stehen ganz im Gegenteil in vielen Fällen in Zusammenhang mit Gewalttaten an Migrantinnen und Migranten oder rassistischen Vorfällen. Davon zeugen Beispiele in deutschen Städten aber auch der Marcus Omofuma Stein in Wien, der die Tötung des Asylwerbers Marcus Omofuma am 1. Mai 1999 im Zuge seiner Abschiebung aus Österreich nach Nigeria ins Gedächtnis rufen soll. Am Beispiel des Mahnmals für Marcus Omofuma, das an einem zentralen Ort der Wiener Innenstadt steht und dessen Positionierung heftige öffentliche und politische Debatten ausgelöst hat, lässt sich hervorragend nachvollziehen, wie sehr Denkmäler Orte gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen sein können. Für zugewanderte Menschen selbst sind vor allem Orte des Ankommens und Abfahrens (z.B. der Wiener Südbahnhof), ArbeitsOrte, die eigene(n) Wohnung(en) und die Wohnumgebung(en) als Erinnerungsorte ihrer eigenen Migrations(Biographie) bedeutsam, aber auch Orte mit einer ausgeprägten migrantischen Infrastruktur und hoher migrationsbedingter Diversität, wie z.B. der Brunnenmarkt, der bei manchen auch Erinnerungen an den Herkunftsort hervorrufen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Gabi Dolff-Bonekämper, Technische Universität Berlin - Deutschland
  • Christina Johansson, Malmö University - Schweden

Research Output

  • 1 Zitationen
  • 6 Publikationen
Publikationen
  • 2015
    Titel Franz, Yvonne & Hintermann, Christiane (2015): Unsichtbare Störfälle. Über das Erinnern und Artikulieren im Stadtraum.
    Typ Book Chapter
    Autor Blohm
  • 2016
    Titel Orte, Räume und das Gedächtnis der Migration. Erinnern in der (post-)migrantischen Gesellschaft.
    Typ Journal Article
    Autor Hintermann C
  • 2013
    Titel Gedächtnislücke Migration? Betrachtungen über eine nationale Amnesie.
    Typ Journal Article
    Autor Hintermann C
  • 2015
    Titel Migrationsgeschichte im öffentlichen Raum in Österreich: Marginalisierung und selektive Repräsentation.
    Typ Other
    Autor Hintermann C
  • 2016
    Titel Migrationsgeschichte im öffentlichen Raum: Die Konstruktion eines Gedächtnisortes am Beispiel des Marcus Omofuma-Steins in Wien
    DOI 10.14220/9783737005951.241
    Typ Book Chapter
    Autor Hintermann C
    Verlag Brill Deutschland
    Seiten 241-256
  • 2017
    Titel Marginalized Memories: The (In)visibility of Migration History in Public Space in Austria.
    Typ Book Chapter
    Autor Bischof

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