Erbe Verdrängen. Das Beispiel Thrakien
Suppressing Heritage. The example of Thrace
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (80%); Politikwissenschaften (10%)
Keywords
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Minorities,
Regionalism Research,
Transnationalism,
Urban History,
Southeast European history,
European integration
Die Studie "Erbe Verdrängen. Die Geschichtsmächtigkeit von Zwischenräumen (Regionen). Das Beispiel Thrakien" untersucht anhand der abstrakten Kategorie des historischen Erbes dessen Funktionen im sozialen urbanen Kontext in Südosteuropa als Räume, Zeitphasen und Menschen verbindende Kraft einerseits und als diese blockierende Kraft andrerseits. Die projektierte Studie weist insofern innovativen Charakter auf, als erstmals historisches Erbe einen zentralen Begriff für ein Forschungsvorhaben darstellt mit dem Ziel, Mehrfachidentitäten und Synkretismen freizulegen bzw. transnationale Traditionen in südosteuropäischen Kontexten auszumachen. Dies ist insofern neu, als die internationale Forschung nach wie vor von einer staatsnationalen Sicht auf die Geschichte Europas geprägt ist, was auch besonders auf den Südosteuropa-internen griechischen, türkischen, bulgarischen etc. Diskurs zutrifft. Das Beispiel Thrakien mit seinem dichten Netz an multikulturell verorteten Städten bietet einen schier unerschöpflichen Quellenfundus, nicht zuletzt auch deshalb, weil diese seit 1876 bzw. 1923 zwischen Griechenland (Westthrakien), Bulgarien (Nordthrakien) und der Türkei (Ostthrakien) geteilte Region in der internationalen Forschung bisher kaum Beachtung gefunden hat. Und selbst die einschlägige griechische, türkische und bulgarische Historiographie fokussiert auf jeweils für die nationale Geschichte relevante Aspekte und übersieht dabei die Verortung dieses Konglomerats an thrakischen in-between Räumen. In der Studie werden nur thrakische Städte in West- und Ostthrakien, jedoch nicht solche in Nordthrakien behandelt. Namentlich sind dies Xanthi/Nomos Xanthi, Komotini/Nomos Rhodopi, Alexandroupoli/Nomos Evrou, Ellinochori und Didimoteichon im Evrostal sowie in Ostthrakien Edirne, Kirklereli, Tekirdag und Muhacirköy. In bezug auf ihre einstige und heutige ethnische und konfessionelle Zusammensetzung, auf die Kategorisierung ihrer Bewohner (Altbevölkerung, Flüchtlinge, Arbeitsmigranten) und auf Spuren multikulturellen Erbes aus vornationaler, d.h. osmanischer Zeit werden diese Städte untereinander verglichen, um Aussagen über die Entstehung und Bedeutung von Raum- und politischen Mythen, über die Interdependenz zwischen Raum, Zeitphasen und Menschen sowie über die Funktion historischen Erbes dortselbst treffen zu können. Diese empirischen Ergebnisse werden dann in Beziehung zu den Erkenntnissen aus den beiden dieser Studie vorausgegangenen Projekten über Istanbul und Thessaloniki gestellt insoweit, als alle drei Schauplätze nicht nur ihre identitäre Mehrdeutigkeit und somit Charakteristika von in-between Räumen verbinden, sondern auch ihr "Habitus", der sie als "towns of absences" oder "virtual ghoast towns" beschreibt. Methodisch stützt sich die Studie auf Ansätze der Transnationalismus- und Regionalismusforschung sowie der historischen Komparatistik ebenso wie auf stadt- bzw. raumsoziologische Konzepte, auf Theorien zu historischen Zeitvorstellungen sowie auf Mythen- und Erinnerungforschung. Da es sich um ein Habilitationsprojekt handelt strebt die Studie an, die aus dem Fallbeispiel der thrakischen Städte gewonnenen empirischen Erkenntnisse in Verbindung mit den Beispielen Istanbul und Saloniki auf einer höheren Ebene festzumachen, genauer Ansätze für eine Theorie historischen Erbes in transnationalen (vorzugsweise südosteuropäischen) Kontexten zu entwickeln.
- Universität Graz - 100%