Emanzipation durch Bildung
Emancipation through Education
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (80%); Soziologie (20%)
Keywords
-
Austrian,
Education,
Galicia,
Universities,
Ukrainians,
Self-organization
Meine 2002 in Wien beim Verlag für Geschichte und Politik erschienene Monographie behandelt einen positiven Aspekt der Geschichte der galizischen Ukrainer um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts. Es handelt sich um eine allmähliche Ergänzung ihrer zu über 90% aus Bauern bestehenden Sozialstruktur durch andere Berufsgruppen. Traditionell spielte die schmale Klerikerschicht die Rolle der nationalen Bildungselite. Dadurch, dass griechisch- katholische Pfarrgeistliche heiraten durften, hat sich diese Schicht weitgehend selbst reproduziert. Priestersöhne heirateten gewöhnlich Töchter aus den Priesterfamilien und wurden danach zu Priestern geweiht. Sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst, wurden viele Pfarrgeistlichen zu Trägern verschiedener kultureller und sozialer Initiativen, die das Leben der Bauern verbessern sollten. Während der im Buch behandelten Periode begann eine allmähliche Verschiebung: die Klerikersöhne entschieden sich zunehmend für weltliche Bildungskarrieren, während für die Bauernsöhne eine geistliche Karriere nach wie vor einem sozialen Aufstieg gleichkam. Insgesamt jedoch wandten sich die Kleriker- und Bauernsöhne zunehmend den weltlichen höheren Ausbildungsgängen zu. Es liegt auf der Hand, dass diese Verschiebung zum Teil mit Konflikten, etwa den individuellen Vater-Sohn-Konflikten, verbunden war. Außerdem misstrauten anfänglich viele Geistliche der jungen, zum Teil sozialistisch angehauchten, säkularisierten Bildungsschicht. In ihrer Wertorientierung erwiesen sich jedoch beide Bildungseliten einig: beide verstanden ihre gesellschaftliche Aufgabe in der kulturellen und sozialen Hebung der ukrainischen Bauernbevölkerung. Der 1901 zum griechisch- katholischen Metropoliten ernannte Andrej Šeptyckyj trug maßgeblich zum Abbau der Vorbehalte seiner Geistlichen gegenüber der weltlichen Intelligenz bei. Bemerkenswert ist beispielweise die Tatsache, dass die griechisch-katholische Geistlichkeit unter ihrem neuen Metropoliten sich aktiv und erfolgreich an den Initiativen zur höheren Frauenbildung beteiligte. Die weltliche Bildungsschicht beschleunigte wesentlich die wirtschaftliche, kulturelle und politische Selbstorganisation der Ukrainer im Kronland. Die Zeit um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts wird in der ukrainischen Historiographie oft "Ära der Anwälte" genannt. Wirtschaftlich selbständig und nicht weisungsgebunden, verwandelten viele Absolventen der Juristischen Fakultäten ihre Kanzleien in lokale Zentren der nationalen Aufbauarbeit. Gleichzeitig ermöglichte die ausreichende Zahl der Absolventen der Philosophischen Fakultäten einen raschen Ausbau des ukrainischen Mittelschulwesens, wissenschaftlicher Institutionen, der Presse und der Verlage. Diese vorwiegend liberal gesinnte und demokratisch handelnde Bildungsschicht war ein Produkt des österreichischen Systems der höheren Bildung. Entsprechend dem sogenannten Organisationsentwurf von 1849 wurde das gesamte cisleithanische Mittelschulwesen nach einheitlichen Prinzipen aufgebaut. Aufgrund der Bestimmungen des habsburgischen Nationalitätenrechtes konnte das in seinem Programm und in der Organisation einheitliche Mittelschulsystem im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den jeweiligen landesüblichen Sprachen der österreichischen Reichshälfte vervielfacht werden. Auch cisleithanische Universitäten waren bestrebt, eine geistig geeinte, wenn auch multinationale, Elite auszubilden. Die Relevanz dieses Bildungssystems für die Formierung der ukrainischen Bildungsschicht in Galizien wird im Buch anhand der Fallbeispiele, der einzelnen Gymnasien und Universitäten sowie der individuellen Biographien, dargestellt.