Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (35%); Geschichte, Archäologie (15%); Philosophie, Ethik, Religion (35%)
Keywords
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Science History,
Gynaecology,
Historical Network Analysis,
Habsburg Monarchy,
2nd half of the 19th century
Das vorliegende Forschungsvorhaben analysiert am Fallbeispiel des streitbaren Gynäkologen und Geburtshelfers Ludwig Kleinwächter, dessen Karriereweg ihn von Prag über Innsbruck schließlich nach Czernowitz, in den östlichsten Teil der Habsburgermonarchie, führte, medizin- und wissenschaftsgeschichtliche Fragestellungen rund um die Produktion, den Transfer und die Rezeption von medizinischem Wissen im Fach der Geburtshilfe und Gynäkologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund von Ludwik Flecks Theorie der Denkstile und Denkkollektive, stehen drei zentrale Fragestellungen zur Diskussion: Ein erster Fokus liegt auf der fachlichen bzw. thematischen Ausrichtung der evidenzbasierten Forschungsarbeiten und theoretisch-kumulativen Abhandlungen, andererseits auf den von Kleinwächter gewählten Publikationsformen. Ziel ist es, einen Überblick hinsichtlich der quantitativen Fülle und qualitativen Schwerpunktsetzung seiner Arbeiten zu erlangen. In einem zweiten Schritt werden anhand systematischer Zitationsanalysen und den Methoden der historischen Netzwerkforschung die theoretischen Wissensbestände, die Kleinwächter bei seinen Forschungen nutzte, systematisch rekonstruiert. Auf einer praxeologischen Ebene werden darüber hinaus die präsentierten Fallgeschichten aus seiner praktischen ärztlichen Tätigkeit analysiert. Einerseits können so die zugrunde liegenden Denkstile und Denkkollektive innerhalb des Faches zu identifiziert, andererseits ein Einblick in die praktischen Forschungszugänge des Mediziners gewährleistet werden. Abschließend befasst sich die Studie auch mit den Publikationsräumen des Mediziners. Im Fokus stehen hier die Publikationsmedien und Wissenschaftsverlage bei denen Kleinwächter seine Arbeiten platzieren konnte. Analysen zur Rezeption seiner Arbeiten durch die scientific community runden diese Fragestellung ab und sollen eine Einschätzung über das wissenschaftliche Renommee sowie die Integration des Wissenschaftlers in die Fachzirkel möglich machen. Die mehr als 150 wissenschaftlichen Arbeiten Kleinwächters bilden den Ausgangspunkt sowie den zentralen Quellenkorpus für die Untersuchung. Obwohl ein geordneter Nachlass nicht überliefert ist, haben sich nichtsdestotrotz zahlreiche Autographen Kleinwächters, aber auch kontextualisierende Quellen in verschiedenen in- und ausländischen Archiven erhalten. Diese werden mit den quantitativen Methoden der historischen Netzwerkforschung bearbeitet und durch einen qualitativen, diskursiven Zugriff ergänzt, um eine möglichst dichte Beschreibung dieser medizin- und wissenschaftsgeschichtlichen Thematik zu ermöglichen.
Am Fallbeispiel des böhmischen Gynäkologen und Geburtshelfers Ludwig Kleinwächter (1839-1906) wurden medizin- und wissenschaftsgeschichtliche Fragen zur Produktion, Vermittlung und Rezeption medizinischen Wissens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts untersucht. Vor dem Hintergrund der bewegten Biografie des umstrittenen Experten wurde versucht, die Quantität und thematische Ausrichtung seines Werks, die Art und Weise, wie der Arzt sein Wissen generierte, und die von ihm gewählten Vermittlungsstrategien zu ermitteln, um seine Beteiligung am zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurs zu veranschaulichen. Die skizzierten Fragen mussten dabei stets im zeitlichen und räumlichen Kontext seiner Karriereschritte in Prag, Innsbruck und Czernowitz/Bukowina gesehen werden. Als Hauptergebnisse des Projektes lassen sich drei Bereiche definieren, die die besondere Vernetzung des Arztes Kleinwächter aufzeigen. Zunächst muss hier die Analyse der von Kleinwächter in seiner Innsbrucker Zeit initiierten und später in der gesamten Habsburgermonarchie gesetzlich durchgesetzten Implementierung antiseptischen Wissens und antiseptischer Praktiken in die Hebammenausbildung und Hebammenpraxis genannt werden. Sie zeigt, wie wissenschaftliche Netzwerke im geburtshilflichen und gynäkologischen Bereich funktionierten, wie Deutungsmacht über wissenschaftliche Netzwerke ausgeübt und wie neue wissenschaftliche Erkenntnisse an verwandte Berufsgruppen und an die Öffentlichkeit weitergegeben wurden. Ein zweites wichtiges Ergebnis ist in der Intensivierung medizinhistorischer Forschung im osteuropäischen, vormals habsburgischen Territorium der Bukowina (heute geteilt zwischen der Ukraine und Rumänien) zu sehen. Dabei ist es gelungen, den geburtshilflichen Markt für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren und dabei die Sonderstellung Kleinwächters, als geburtshilflich-gynäkologischem Experten, hervorzuheben. Doch nicht nur die Analyse auf der Ebene des medizinischen Sachverständigen hat das historische Wissen über die Bukowina erweitert, sondern auch die Konzentration auf Kleinwächters Patientinnen, die fast ausschließlich aus den jüdischen Gemeinschaften der Bukowina stammten. Es gelang am Beispiel der Unfruchtbarkeit, ein spezifisches medizinisches Problem aus patientinnengeschichtlicher Perspektive zu identifizieren und zu kontextualisieren. Die genannten sozial- und medizinhistorischen Ansätze bieten eine neue Lesart der Sozialgeschichte der Bukowina. Ein dritter innovativer Ansatz wurde mit der Recherche rund um die Prager Vierteljahrschrift für die Praktische Heilkunde (VJPH) realisiert. Da sich die tschechische medizinhistorische Forschung auf dem Gebiet der Gynäkologie und Geburtshilfe bisher vor allem auf ihre tschechischen Vertreter und die Zeit nach der Teilung der Medizinischen Universität in eine deutsche und eine tschechische Universität konzentriert hat, wurde dem umfangreichen und hochinteressanten Material bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Am Beispiel der deutschsprachigen Zeitschrift lassen sich die Machtverhältnisse zwischen der Universität Wien und ihrem böhmischen Pendant aufzeigen. Die Zeitschrift ermöglicht eine Rekonstruktion der strategischen Profilierung der Prager Medizinischen Fakultät, der medizinischen Karrieren und der Konjunktur medizinischer Themen. Im weiteren Kontext zur Geschichte der Periodika erlaubt die Erforschung der VJPH Einblicke in das Redaktionsmanagement medizinischer Zeitschriften, sowie zu Nachfrage und Rezeption regionaler Medien im Kontext der europäischen Medizin.
- Universität Innsbruck - 100%
- Volker Hess, Charité - Universitätsmedizin Berlin - Deutschland
- Heiner Fangerau, Universitätsklinikum Düsseldorf - Deutschland
Research Output
- 4 Zitationen
- 6 Publikationen
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2021
Titel Obstetric expertise in the Austrian periphery: Ludwig Kleinwächter’s private practice in Czernowitz, Bukovina (1884–1906) DOI 10.1080/13507486.2021.1977245 Typ Journal Article Autor Hilber M Journal European Review of History: Revue européenne d'histoire Seiten 663-688 Link Publikation -
2024
Titel Medizin in Der Deutschsprachigen Periodischen Presse Des Langen 19. Jahrhunderts: Akteure, Praktiken Und Formate Typ Book Autor Doms Misia Sophia Verlag Peter Lang AG -
2020
Titel Mustergültige Fälle. Josef Maschkas Sammlungen von gerichtsmedizinischen Fakultätsgutachten der Universität Prag (1853-1873) Typ Journal Article Autor Maria Heidegger Journal Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften Seiten 76-101 Link Publikation -
2020
Titel Unfruchtbarkeit verhandeln – Arzt und Patient*innen in der gynäkologischen Privatpraxis Ludwig Kleinwächters, Czernowitz 1884–1895 DOI 10.1553/virus18s103 Typ Journal Article Autor Hilber M Journal VIRUS - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin Seiten 103-126 Link Publikation -
2021
Titel Antiseptics leave the Clinic—The Introduction of (Puerperal) Prophylaxis in Austrian Midwifery Education (1870s–1880s) DOI 10.1093/shm/hkab097 Typ Journal Article Autor Hilber M Journal Social History of Medicine Seiten 97-120 Link Publikation -
2021
Titel „Nach den Regeln der Kunst“. Leitmotive in der Geschichte der europäischen Geburtshilfe (18.–20. Jahrhundert) DOI 10.1515/9783110719864-010 Typ Book Chapter Autor Hilber M Verlag De Gruyter Seiten 191-208