Referenz, Quantifikation und ontologische Festlegung
Reference, Quantification and Ontological Commitment
Wissenschaftsdisziplinen
Mathematik (20%); Philosophie, Ethik, Religion (80%)
Keywords
-
REFERENCE,
QUANTIFICATION,
ONTOLOGICAL COMMITMENT,
EXISTENCE,
ABSTRACT OBJECTS,
EMPTY NAMES
Hertha-Firnberg-Stelle T 75Referenz, Quantifikation und ontologische FestlegungElisabeth REICHER27.06.2000 Ziel des Projekts ist die systematische Behandlung einiger fundamentaler Fragen betreffend die Grundlagen der Ontologie. Dies sind insbesondere Fragen der Referenz, der Quantifikation und der ontologischen Festlegung. Ausgangspunkt des Problems der ontologischen Festlegung ist die Annahme, dass wissenschaftliche Theorien ebenso wie alltägliche Überzeugungen auf gewisse ontologische Voraussetzungen gegründet sind bzw. solche Voraussetzungen implizieren. Mit anderen Worten: Jede Theorie (bzw., allgemeiner, jedes System von Überzeugungen) enthält implizit ein ontologisches Rahmenwerk, das heißt, eine Auffassung darüber, welche Arten von Gegenständen existieren, wobei die Rede von "Arten" in diesem Zusammenhang so allgemein als möglich zu verstehen ist. ( Dies ist allerdings bereit eine Hypothese; sie ist zwar weithin akzepiert, aber sie hat auch ihre Gegner; und es ist eine der Aufgaben dieses Projekts, diese Hypothese zu verteidigen.) Für gewöhnlich werden ontologische Voraussetzungen nicht explizit gemacht, und oft sind sich Leute ihrer nicht einmal bewusst. Probleme entstehen dann, wenn ein System von Überzeugungen ontologische Annahmen impliziert, die in Widerspruch stehen zu jedem ontologischen Rahmenwerk, zu dem sich die Vertreter dier Theorie bekennen. So kann es etwa geschehen, dass ein Mathematiker, Linguist oder Soziologe sich einerseits zu einem nominalistischen oder gar materialistischen Weltbild bekennt, andererseits aber eine Theorie vertritt, die ihn anscheinend auf die Annahme abstrakter Gegenstände festlegt, also etwa auf die Annahme von Zahlen, linguistischen Typen, Nationen, Klassen und Staaten, zusätzlich zu konkreten Personen, linguistischen Tokens oder materiellen Dingen im Allgemeinen. Eine der Aufgaben des Projekts ist es, die logischen Prinzipien, welche die Ableitung ontologischer Annahmen erlauben, explizit zu machen und zu bewerten. Eine andere Aufgabe besteht darin, das Käuel der ontologischen Festlegungsprobleme zu entwirren und die verschiedenen Lösungsansätze auf ihre Tauglichkeit zu untersuchen. Es sind im Rahmen dieser Untersuchung unter anderem folgende Themen zu behandeln: Kriterien der ontologischen Festlegung; die logische Funktion von Eigennamen und das Problen der leeren Namen; das Problem negativer singulärer Existenzsätze; Paraphrasierungsstrategien; Existenzfreie Logiken; die Interpretation des Existenzquantors; Seinsweisen und nichtexistierende Gegenstände; das Problem der Intentionsalität und die Adverbialtheorie; die Stuktur ontologischer Argumente.
Jeder wissenschaftlichen Theorie sowie auch jedem alltäglichen Weltbild liegen "ontologische Annahmen" zugrunde. Ontologische Annahmen sind Annahmen darüber, welche Arten von Gegenständen ("Gegenstand" im weitesten Sinn verstanden) es gibt. Diese Annahmen können explizit oder implizit sein, und unter Umständen können implizite Existenzannahmen expliziten Überzeugungen widersprechen. Moderne Theorien und alltägliche Weltbilder enthalten oft eine explizite Ablehnung mentaler und/oder abstrakter Gegenstände. Es lässt sich jedoch zeigen, dass diese Theorien und Weltbilder vielfach implizite ontologische Festlegungen auf die explizit abgelehnten Gegenstände enthalten. Gegenstand dieses Projekts waren einige fundamentale Probleme im Grenzbereich der Ontologie (der "Wissenschaft vom Seienden"), der Philosophie der Logik und der Sprachphilosophie. Im Zentrum stand das Problem der ontologischen Festlegung: Eine der wichtigsten Aufgaben der Philosophie besteht in der Untersuchung der Frage, welche Gegenstände die fundamentalen Bausteine der Realität sind und in welchen Beziehungen diese zueinander stehen. Will man sich dabei nicht in wilden Spekulationen verlieren, muss man ausgehen von dem, was man bereits hat, nämlich Alltagsüberzeugungen und empirische Theorien über verschiedene Bereiche der Wirklichkeit. Diese bilden das Gesamtsystem unserer Überzeugungen, unser "Weltbild". Jedem Weltbild liegen (implizit oder explizit) bestimmte ontologische Annahmen zugrunde, also Annahmen darüber, welche Arten von Gegenständen es gibt. Den meisten Weltbildern liegt etwa die Annahme zugrunde, dass es gewöhnliche materielle Gegenstände gibt. Mit anderen Worten: Die meisten Menschen sind ontologisch festgelegt auf materielle Gegenstände. Das ist eine Tatsache, die auch die meisten PhilosophInnen akzeptieren. Umstrittener ist, ob unsere gewöhnlichen Weltbilder uns auch auf mentale Gegenstände festlegen (etwa ein "Bewusstsein", das nicht mit dem Gehirn identisch ist, oder "psychische Vorgänge", die nicht mit körperlichen Vorgängen identisch sind); und noch umstrittener ist, ob sie uns auf abstrakte (weder materielle noch mentale) Gegenstände festlegen. Man kann Fragen wie die, ob es außer materiellen auch noch mentale oder gar abstrakte Gegenstände gibt, rational diskutieren, wenn man akzeptiert, dass es ein gutes Argument für die Annahme solcher Gegenstände ist, wenn bewährte Weltbilder uns auf die Annahme solcher Gegenstände festlegen. Das aber wirft die Frage nach einem Kriterium der ontologischen Festlegung auf. Die Beantwortung dieser Frage führt unter anderem in eine Diskussion über logische Prinzipien sowie über die logische Struktur jener natürlichsprachlichen Sätze, mit denen wir unsere Weltbilder formulieren und die Interpretation gewisser logischer Symbole, namentlich des "Existenzquantors". In der Philosophie gibt es eine lange Tradition des Bemühens, möglichst wenige Arten von Gegenständen als Bausteine der Realität anzuerkennen. Insbesondere die Annahme mentaler, und noch mehr die Annahme abstrakter Gegenstände wurde und wird von vielen abgelehnt. In der aus diesem Projekt hervorgegangenen Arbeit wurde ein Kriterium der ontologischen Festlegung verteidigt, demgemäß gewöhnliche Weltbilder wie auch viele empirische wissenschaftliche Theorien die Existenz materieller sowie mentaler und auch abstrakter Gegenstände implizieren. Das ist, entgegen allen reduktionistischen Tendenzen, ein starkes Argument für die Annahme der Existenz mentaler und abstrakter Gegenstände.
- Universität Graz - 100%
- Reinhard Kamitz, Universität Graz , assoziierte:r Forschungspartner:in