Kollektives Gedächtnis & Raumplanung: Transkulturelle (Grenz)Räume
COMPASS - Collective Memory & Planning: Across Social Separation
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (50%); Politikwissenschaften (25%)
Keywords
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Spatial Planning,
Collective Memory,
Borders,
Planning Culture,
Cross-border Cooperation,
Identity
In der Europäischen Raumentwicklung wird die Komplexität von Staatsgrenzen vielfach ignoriert. Staatsgrenzen werden aufgrund ihrer "Durchlässigkeit" verallgemeinert und in den meisten Fällen einer der folgenden zwei Kategorien zugeordnet: "geschlossene Grenzen", die Außengrenzen der Europäischen Union und "offene Grenzen", die Binnengrenzen der Europäischen Union. Diese stark vereinfachte Betrachtungsweise - welche für einzelne Themenbereiche, wie im Falle der Europäischen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen durchaus seine Berechtigung hat - bewirkt, dass die tatsächliche Komplexität von Grenzen immer mehr in den Hintergrund rückt. Innerhalb der Europäischen Union stellen gut funktionierende grenzüberschreitende Netzwerke trotz zahlreicher finanzieller Förderprogramme sowie vertraglicher Möglichkeiten, noch immer Einzelphänomene dar. Eine Situation, die es insbesondere im Hinblick auf die Grenzkomplexität zu hinterfragen gilt. Räumliche Grenzen sind das Ergebnis anthropogenem Handelns, welches sowohl Einfluss auf die Funktionen und Wahrnehmung einer bestimmten Grenze hat aber auch für das ständige Neuformieren von Grenzen (Auflösung bestehender Grenzen bzw. Entstehung neuer Grenzen) verantwortlich ist. Grenzen müssen daher in ihrer systemischen Gesamtheit verstanden werden und nicht nur hinsichtlich ihrer "Durchlässigkeit". Anhand konkreter Projekte wurde nachgewiesen, dass der moderate Erfolg von Kooperationen nicht, wie oft angenommen, in der Unterschiedlichkeit nationaler Planungssysteme liegt. Es wird angenommen, dass die Lösung zum Aufbau langfristiger und effektiver grenzüberschreitender Kooperationsnetzwerke im Bereich des transkulturellen Verständnisses zu suchen ist. Doch auch (Planungs)Kulturen sind einem ständigen Wandel unterworfen und werden insbesondere durch Gefühle und Emotionen aber auch Wertvorstellungen einzelner Personengruppen maßgeblich beeinflusst. Es sind vor allem diese - die (Planungs)Kulturen wesentlich prägenden - Elemente, welche aufgrund ihrer schwierigen Erfassbarkeit in der gegenwärtigen Planungsdiskussion lediglich als "gegebene" Faktoren einfließen. Ziel des COMPASS Projektes ist es, durch das Zusammenspiel von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus den Bereichen "Kollektives Gedächtnis" und "Raumplanung", aufzuzeigen in wie weit subjektive und im Unterbewußtsein verankerte Erinnerungen und Empfindungen den Erfolg und die Qualität von formellen Planungsentscheidungen im Allgemeinen und von grenzüberschreitenden Kooperationsprozessen im Speziellen beeinflussen. Es geht dabei nicht um das Herausfiltern eines für Europa allgemeingültigen kulturellen Nukleus für grenzüberschreitende Planungspraxis, sondern es wird anhand zwei ausgewählter Grenzregionen untersucht, ob und wenn ja wie transkulturelles Verständnis aufgebaut werden kann. Davon ausgehend, dass die Basis für grenzüberschreitende Kooperation im gegenseitigen transkulturellen Verständnis liegt, mit welchem auch negative Stereotypbilder "der Anderen hinter der Grenze" abgebaut werden können, trägt das COMPASS Projekt wesentlich zur Verbesserung des sozialen Zusammenhalts in Grenzregionen bei.
Unsere Landkarten konfrontieren uns mit einem spezifischen Bild der Erde: eine Erdoberfläche, die mit Hilfe von Grenzen in klar abgegrenzte Staatsgebiete eingeteilt ist. In diesem Sinne verstehen wir Grenzen sehr gerne als etwas Selbstverständliches. Doch Grenzen sind nicht nur sichtbare Linien in einer Karte. Ganz im Gegenteil, Grenzen sind komplexe soziale Konstrukte mit räumlicher Wirkung. Das COMPASS Projekt hat aufgezeigt, dass an Grenzen eine Vielzahl individueller geopolitischer, soziokultureller, ökonomischer und naturräumlicher Aspekte entscheidend sind. Daraus kann schlussgefolgert werden, dass jede Grenze und jeder Grenzabschnitt einzigartig ist (je nachdem welche und wie viele dieser räumlich umgrenzbaren Aspekte dort aufeinander treffen oder sich überlagern). Je mehr dieser räumlich relevanten Aspekte auf einer Grenze zusammentreffen, desto dicker wird die Grenze und desto schwieriger kann diese überwunden werden, physisch und mental. In Anbetracht der Tatsache, dass Grenzen immer wieder Brennpunkt diverser Probleme und Konflikte sind, stellt sich die Frage, ob wir nicht danach trachten sollten, Grenzen komplett auszuradieren. Die COMPASS Projektergebnisse haben klar gezeigt, dass dies weder sinnvoll noch notwendig ist. Nicht sinnvoll, da Grenzen wesentlich dazu beitragen, dass wir unser Leben gemeinsam organisieren und gestalten können. Jede Aktivität, egal ob sozial, kulturell oder wirtschaftlich benötigt einen klar definierten Geltungsraum. Beispielsweise könnten sich keine Identitäten oder Traditionen herausbilden, wenn wir nicht zwischen uns und den anderen unterscheiden würden; in einer solchen Situation wären alle gleich. Auch könnten wir unsere Erde nicht verwalten, wenn diese nicht in kleinere Verwaltungseinheiten eingeteilt wäre. Erst durch diese kleineren Einheiten ist es möglich, zum Beispiel einzelne Stadtteile entsprechend zu entwickeln. Andererseits ist es auch nicht notwendig Grenzen komplett auszuradieren, da (kulturelle) Unterschiede nicht zwangsläufig zu unüberwindbaren Barrieren führen. Problematisch wird es erst dann, wenn Außenstehende (Menschen, die weder in der Grenzregion leben noch arbeiten) die Rahmenbedingungen für die Menschen in der Grenzregion festlegen. Diese Rahmenbedingen transportieren sehr oft die Wertvorstellungen und Sichtweisen und im schlimmsten Fall die Vorurteile der Außenstehenden über die anderen hinter der Grenze. Wenn es in der Grenzregion keinen Austausch zwischen den Menschen dies- und jenseits der Grenze gibt, führen diese transportierten Bilder oft zu Unbehagen in der Grenzregion selbst. Was bedeutet das alles für Raumplaner/innen? Einerseits sollten Raumplaner/innen verstehen lernen, dass es kein allgemeingültiges Allheilmittel für Herausforderungen in Grenzregionen gibt. Jede Grenzregion ist einzigartig und Lösungsvorschläge müssen für und mit den Menschen in den Grenzregionen entsprechend ihrer konkreten Bedürfnisse entwickelt werden. Andererseits, erscheint es sinnvoll, wenn Raumplaner/innen sich verstärkt mit dem Ökoton-Konzept aus der Ökologie beschäftigen würden. Dies würde bessere und menschen-freundlichere Erkenntnisse zum Umgang mit Vielfalt und zum Aufbau von transkulturellen Grenzräumen hervorbringen.
- Technische Universität Wien - 100%
- Aleida Assmann, Universität Konstanz - Deutschland
- Anssi Paasi, University of Oulu - Finnland
- Andreas Faludi, Delft University of Technology - Niederlande
- Henk Van Houtum, Radboud University Nijmegen - Niederlande
Research Output
- 98 Zitationen
- 9 Publikationen
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2015
Titel Conference Report DOI 10.3828/tpr.2015.14 Typ Journal Article Autor Menzies W Journal Town Planning Review Seiten 229-240 Link Publikation -
2015
Titel Travelling Planning Educators DOI 10.1080/02513625.2015.1140450 Typ Journal Article Autor Haselsberger B Journal disP - The Planning Review Seiten 97-102 Link Publikation -
2014
Titel Decoding borders. Appreciating border impacts on space and people DOI 10.1080/14649357.2014.963652 Typ Journal Article Autor Haselsberger B Journal Planning Theory & Practice Seiten 505-526 Link Publikation -
2014
Titel Debating Planning Cultures: Austrian Researchers in Conversation with John Friedmann DOI 10.2478/esrp-2014-0001 Typ Journal Article Autor Haselsberger B Journal European Spatial Research and Policy Seiten 5-10 Link Publikation -
2014
Titel Report on the Evolution of Planning Thought Lecture Series DOI 10.1080/13673882.2014.11006058 Typ Journal Article Autor Haselsberger B Journal Regions Magazine Seiten 29-30 -
2014
Titel The Evolution of Planning Thought Symposium, 19–23 May 2014, Vienna University of Technology, Austria DOI 10.1080/02665433.2014.963139 Typ Journal Article Autor Haselsberger B Journal Planning Perspectives Seiten 285-290 Link Publikation -
2014
Titel Debating Borders DOI 10.1080/13673882.2014.10806798 Typ Journal Article Autor Haselsberger B Journal Regions Magazine Seiten 4-5 -
2014
Titel Weinviertel: jonge wijnmakers zetten gebied op de kaart. Typ Journal Article Autor Benneworth P Et Al Journal Geografie. Vaktijdschrift voor geografen -
2014
Titel The Evolution of Planning Thought DOI 10.1080/02513625.2014.979052 Typ Journal Article Autor Haselsberger B Journal disP - The Planning Review Seiten 121-124 Link Publikation