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Erotische Ökonomien der Wissenschaft

Erotic Economies of Science

Waltraud Ernst (ORCID: 0000-0002-1891-3540)
  • Grant-DOI 10.55776/T58
  • Förderprogramm Hertha Firnberg
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2001
  • Projektende 31.12.2003
  • Bewilligungssumme 144.328 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (70%); Soziologie (30%)

Keywords

    NATURAL SCIENCES, EPISTEMOLOGIES, GENDER RELATIONS, EROTIC ECONOMIES, CULTURAL CHANGE, NATURALIZATION PROCESSES

Abstract Endbericht

Hertha-Firnberg-Stelle T 58Erotische Ökonomien der WissenschaftWaltraud ERNST27.06.2000 Erotische Ökonomien der Wissenschaft ziehen sich als ein produktives und reproduktives, erklärendes und zu erklärendes Moment des Erkenntnisvrozesses als verändernde und veränderbare Variable durch die europäische Wissenschafts- und Philosophiegeschichte. Dabei scheinen im Laufe des 19. Jahrhunderts, bei der Etablierung und Professionalisierung moderner Naturwissenschaften genauso wie bei der Entwicklung vom romantischen Liebesideal zur Idee der bürgerlichen Ehe immense Veränderungen und (Be-) deutungsverschiebungen stattgefunden zu haben, die bis heute wirksam sind. Ich möchte sowohl die Prozesse der Erotisierung epistemischer Verhältnisse, als auch die Prozesse der Naturalisierung erotischer Verhältnisse, die in Erkenntnistheorien und naturwissenschaftlichen Abhandlungen stattfinden, in ihrer multilateralen Verwobenheit untersuchen. Erotische Verhältnisse in ihrer Vielfältigkeit und im historischen Wandel sollen insbesondere hinsichtlich ihrer Sensibilität gegenüber Macht- und Herrschaftsverhältnissen und Definitionen von Geschlecht erforscht werden. Diese Erforschung erotischer Ökonomien der Wissenschaft könnte zu einem umfassenderen Verständnis wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion in ihren kulturellen Zusammenhängen sowie epistemischen und sozialen Veränderungsprozessen beitragen.

Entgegen der weitverbreiteten Annahme, dass die Naturwissenschaften mit dem sozialen Zusammenleben von Menschen nichts zu tun hätten, zeigt diese Studie, dass von der Aufklärung bis zum späten 19. Jahrhundert, die Untersuchung natürlicher Zusammenhänge sehr eng mit Fragen des sozialen Lebens verknüpft waren. Theorien über die Anziehungskräfte von Körpern und der Entwicklung des Lebens in der Natur waren auf vielfältige Weise mit einem sehr lebendigen Diskurs über erotische Verhältnisse zwischen Menschen und einer "politischen Ökonomie der Bevölkerung" verbunden. Meine Arbeit konzentrierte sich auf folgende Fragen: Wie waren Begriffe des Erotischen in wissenschaftlichen Theorien mit Begriffen des Erotischen in ihrem jeweiligen soziokulturellen Kontext verwoben? Welche Verhältnisse in der Natur wurden in welchen historischen Kontexten als erotische Verhältnisse repräsentiert? In welchem Ausmaß korrespondierten Konzeptionen des Erotischen in den Naturwissenschaften mit solchen in einem größeren kulturellen Rahmen und wo gab es Widersprüche? Inwiefern waren Macht- und Herrschaftsbeziehungen in Begriffen von erotischem Begehren und erotischer Anziehung effektiv? In welchem Sinn waren erotische Verhältnisse, die in wissenschaftlichen Abhandlungen über die Natur und das Universum auftauchten, Gegenstand von Standardisierung, Stigmatisierung und Pathologisierung? In dieser Studie analysierte ich wissenschaftliche Theorien von chemischen Elementen, Pflanzen und Tieren, die zwischen der Mitte des 18. und dem späten 19. Jahrhundert entwickelt wurden, hinsichtlich ihrer Definitionen von erotischem Begehren, erotischen Verhältnissen und Praktiken als natürliche Phänomene. Ich konzentrierte mich auf Entwicklungstheorien, Affinitätstheorien in der Chemie und Evolutionstheorien in der Biologie. Ich konnte zeigen, dass Fragen danach, welche Kräfte erotischem Begehren, erotischen Verhältnissen und Praktiken zugrunde lagen, eine zentrale Rolle in diesen Theorien spielte - ebenso wie in den spekulativen Zivilisationsgeschichten seit der Aufklärung. Diese Kräfte wurden in früheren Ansätzen als organische Anziehungskräfte zwischen Körpern beschrieben, deren Resultat und Dauer als letztendlich nicht berechenbar waren. In späteren Ansätzen, insbesondere in Charles Darwins Evolutionstheorie, vollzog sich erotische Anziehung nach natürlichen Mechanismen der Selektion, die in Begriffen von Naturgesetzen beschrieben und vorausberechnet werden konnten. In dieser Weise lieferten Theorien der Natur Argumente, die dazu genutzt werden konnten, legitime erotische Verhältnisse von illegitimen Verhältnissen zu unterscheiden und natürliche von unnatürlichen. Darüber hinaus wurden manche erotische Praktiken mit dem Argument legitimiert, dass sie hinsichtlich der Entstehung neuen Lebens oder der Reproduktion der Art einen übergeordneten Zweck erfüllten, während andere, insbesondere Masturbation und gleichgeschlechtliche Beziehungen als problematisch betrachtet wurden. Wissenschaftsgeschichte wurde hier als Kulturgeschichte untersucht, insofern ich wissenschaftliche Wissensproduktion als situiert in einem dynamischen multilateralen Austausch mit anderen soziokulturellen Prozessen betrachtete. Mit meiner Konzentration auf eine Analyse von Naturalisierungsprozessen erotischer Verhältnisse möchte ich zu einem umfassenderen Projekt historischer Epistemologie beitragen. Hierfür war eine methodologische Klärung nicht nur von einzelnen wissenschaftshistorischen Ansätzen notwendig, sondern auch von "historischer Epistemologie" als Forschungsprogramm. Diese Arbeit deckt die Signifikanz erotischer Ökonomien der Wissenschaft für die Plausibilität und den Erfolg wissenschaftlicher Wissensproduktion auf. Es wurde deutlich, auf welche Weise Theorien der Natur ihre innere Logik von erotischen Ökonomien erhalten. Mit dieser Untersuchung möchte ich zu einer Philosophie der Naturwissenschaften beitragen, die epistemische und soziale Veränderungen erfassen und in Beziehung setzen kann.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Herta Nagl-Docekal, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in

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