Wittgenstein, Kierkegaard und religiöser Glaube
Wittgenstein, Kierkegaard and Religious Belief
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Wittgenstein,
Nonsense,
Kierkegaard,
Ineffable,
Religious Belief,
Revocation
Wittgenstein und Kierkegaard sind beide Denker, die sich in kein herkömmliches Schema pressen lassen. Jeder von ihnen hat durch die Form und den Inhalt ihrer Werke, die althergebrachte Konzeption von Philosophie revolutioniert und die Annahmen in Frage gestellt, die mit dieser Konzeption einher gehen und die sich oftmals bis heute gehalten haben. Wittgenstein hatte Zeit seines Lebens die größte Hochachtung vor Kierkegaard und ihn als einen der tiefsinnigsten Denker seiner Zeit betrachtet. Den großen Einfluß, den Kierkegaard auf das Denken Wittgensteins hatte, vor allem im Bereich des religiösen Glaubens, ist jedoch in der Wittgenstein-Rezeption bisher wenig beachtet worden. Es ist daher das Ziel meiner Arbeit, die Affinitäten, die zwischen den Werken der beiden Philosophen bestehen, aufzugreifen und zu explizieren, um so zu einem tieferen Verständnis beider Philosophien zu gelangen. Abgesehen von dem unkonventionellen Stil, in dem beide Philosophen ihre Werke verfaßten, besteht die größte Ähnlichkeit Wittgensteins und Kierkegaards in dem Bestreben, ihren Lesern klarzumachen, daß die traditionellen Dichotomien in der Philosophie (z.B. Rationa-lis-mus / Irrationalismus, Theismus / Atheismus) nicht die einzigen möglichen Alternativen darstellen, sondern, daß es gerade diese Dichotomien sind, die uns in die Irre führen und unseren Verstand verhexen. Nirgends kommt das klarer zum Ausdruck als in der Religionsphilosophie, wo bis heute angenommen wird, daß religiöser Glaube nur in eine von zwei Kategorien fallen kann: Entweder es handelt sich um eine "propositionale Einstellung", die meist auf unzureichendem Grund basiert, oder es handelt sich um eine rein "subjektive" oder "emotionale" Einstellung, die schon von vornherein nichts mit der "objektiven Realität" zu tun haben kann. Wittgenstein und Kierkegaard versuchen beide, diese Dichotomie von innen her zu unterminieren, und zu zeigen, daß beide Konzeptionen dem religiösen Glauben nicht gerecht werden. Dieses Bestreben wurde jedoch bis heute immer wieder falsch interpretiert, und so wurden beide Denker oftmals als "Irrationalisten", "Nihilisten" und "Relativisten" verunglimpft. Keines dieser Epitheten könnte jedoch von der richtigen Interpretation weiter entfernt sein. Daher soll gezeigt werden, daß das, was der "Vater des Existentialismus" und der "Vater der analytischen Philosophie" gemeinsam haben, nicht eine Ablehnung der Vernunft ist, sondern, daß beide eine Charakterisierung des Glaubens anbieten, die die Fehler eines "realistischen" sowie eines "antirealistischen" Verständnisses vermeiden. Das ist besonders aktuell in einer Zeit, wo immer mehr angenommen wird, daß der "westlichen" Wissenschaftsgläubigkeit und dem Kommerzialismus nur ein religiöser Fundamenta-lismus ent-gegen gesetzt werden kann. Wittgensteins und Kierkegaards "ethischer" Zweck ist es jedoch, die Menschheit vor genau diesen perniziösen "Ismen" zu bewahren.
- Universität Wien - 100%
- Konrad Paul Liessmann, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in