Aspekte und Gestalten (akara) im Sakarasiddhisastra
The role of Aspects and forms (akara) for the constitution of Buddhist doctrinal models as presented in Jnanasrimitras Sakarasiddhisastra
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (70%); Sprach- und Literaturwissenschaften (30%)
Keywords
-
BUDDHISM,
EPISTEMOLOGY,
SAKARASIDDHISASTRA,
JNANASRIMITRA,
REPRESENTIATIONALISM,
IDEALISM
Das gegenwärtige Projekt ist als die erste Phase eines längerfristigen Unterfangens gedacht, die auf die Untersuchung des Status von `Gestalten` oder `Aspekten` (akara) in indischer buddhistischer Philosophie abzielt. Als erster Schritt in Richtung einer umfassenden historischen. sowie theoretischen Studie dieses Themas umfaßt das gegenwärtige Projekt zwei konkrete Ziele: (a) Den Beginn einer kritischen Ausgabe von Jnanasrimitras Sakarasiddhisastra (SSS) gemeinsam mit einer Übersetzung und einer Strukturanalyse; (b) eine Untersuchung der Rolle der verschiedenen relevanten Standpunkte als konstitutiv für verschiedene doktrinäre Modelle des Buddhismus in der Darstellung von SSS. Diskussionen, über `Gestalten` und `Aspekte` in der indischen Philosophie befassen sich im wesentlichen. mit zwei thematisch verschiedenen Problemkomplexen vorwiegend erkenntnistheoretischer Natur. Der erste, die `Gestaltfrage`, thematisiert, ob einzelne Erkenntnisse eine `Gestalt` oder einen `Eindruck` tragen, die von nicht- erkenntnishaften wirklichen Dingen auf sie projiziert wird. Dabei werden Vertreter einer repräsentationalistischen Abart buddhistischer Erkenntnistheorie als Anhänger jener Theorie klassifiziert werden, nach der Erkenntnis `mit Gestalten` auftritt (sakara); im Gegensatz dazu gelten die Anhänger realistischer Strömungen. indischer Philosophie als Vertreter jener Theorie, nach der Erkenntnis `ohne Gestalten` erfolgt (nirakara). Der zweite Problemkomplex, das, `Aspektproblem`, problernatisiert den Status des subjektiven und objektiven Aspekts eines einheitlichen Erkenntnisphänomens irn Bewußtsein. Im Rahmen idealistischer buddhistischer Denkrichtungen führen die dabei eingenommenen gegensätzlichen Standpunkte zum `Aspektproblem` zu den konträren Theorien vom `Aspektbesitz` (sakaravijnanavada) und von der `Aspektlosigkeit` (nirakaravijnanavada) des Bewußtseins. In den Texten der erkenntnistheoretischen `Schule` werden `Formfrage` und `Aspektproblem` nebeneinander diskutiert, oft in komplexen Argumentationen miteinander verschlungen, sodaß eine Untersuchung ihrer historischen und theoretischen Beziehung nötig ist. Des weiteren macht die enge Verbindung dieser beiden Problemkomplexe mit der Priäsenz sowohl repräsentationalistischer als auch idealistischer Elemente in der erkenntnistheoretischen `Schule` eine Untersuchung der Frage erforderlich, auf welche Weise die jeweiligen Standpunkte zur `Formfrage`/zum `Aspektproblem` als die entsprechenden doktrinären `Schulen` buddhistischer Philosophie konstituierend betrachtet werden. Das gegenwärtige Projekt befaßt sich mit der letztgenannten Problernstellung. Unter Verwendung von SSS als textlicher Ausgangsbasis wird untersucht, wie einzelne Theoreme im Rahmen von `doktrinären Modellen` präsentiert werden. Unter `doktrinärem Modell` werden dabei logisch konsistente und. theoretisch kohäsive Gruppen von Theoremen verstanden, wobei Anhängerschaft zu solchen Theoremgruppen verschiedene `Schulen` konstituiert. Die Ergebnisse des gegenwärtigen Projekts sind dazu angetan, die Position von erkenntnistheoretischem Denken in der letzten Phase des indischen Buddhismus in ein neues Licht zu rücken und zu einer notwendigen Neubewertung der Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen buddhistischen philosophischen `Schulen` - verbunden mit den Etiketten Sautrantika und Vijnanavada - auf der einen Seite und der sogenannten erkenntnistheoretischen `Schule` auf der anderen Seite beizutragen.
Ursprüngliches Ziel des Projektes war eine Untersuchung der Frage, inwieweit die Diskussion über den Status von "Gestalten"/"Aspekten" (akara) für so genannte Doktrinmodelle (doctrinary models) in der erkenntnistheoretisch- logischen Schule des Buddhismus in Indien konstitutiv war. Diese Frage sollte konkret am Sakarasiddhisastra (SSS) des Jñanasrimitra (ca. 11.Jh. u.Z.) untersucht werden, von dem auch eine kritisch Textedition erstellt werden sollte. Während der Projektlaufzeit zeigte sich aber, dass sich SSS aufgrund seiner sprachlichen und ideengeschichtlichen Besonderheiten als Ansatzpunkt für das Projekt schlecht eignet. Es wurde beschlossen, an seiner Stelle den Madhyamakala kara (MA) des Santarak ita mit dem Kommentar Madhyamakala karapañjika des Kamalasila zu untersuchen. Von diesem Text liegt nun eine philologische Bearbeitung nebst deutscher Übersetzung vor. Das Projekt steht im Rahmen einer umfassenden, langfristig angelegten Untersuchung des Verhältnisses der so genannten "dogmatischen" Schulen des Buddhismus Sautrantika und Vijñanavada/Yogacara zur so genannten erkenntnistheoretisch-logischen Schule des Buddhismus. Als solches soll es auch Ansätze zu einer präziseren Ausarbeitung des Schulbegriffs, wie er sich sinnvoll auf den Buddhismus als philosophisch-religiöse Strömung anwenden lässt, liefern. Durch die konkrete Arbeit an MA konnte das ursprüngliche Konzept eines Doktrinmodells (doctrinary model) präzisiert werden. Es wird nun im Rahmen eines Anschlußprojektes zur Anwendung gebracht werden, das die Lehren von "Aspekten"/"Gestalten" in der Literatur der Vijñanavada-Schule selbst untersucht. Dieses Anschlußprojekt, durchgeführt am Institut für Kultur und Geschichte Indiens und Tibets der Universität Hamburg, wird durch ein Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung gefördert.
- Universität Wien - 100%
- Ernst Steinkellner, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in