RÜCKKEHR UNERWÜNSCHT. Deportationen i. d. Habsburgermonarchie
RETURN UNDESIRED. Deportations in the Habsburg Monarchy
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (80%)
Keywords
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Deportation,
European deportation prractises,
Early modern period,
Habsburg empire
Für die Historiographie der Habsburgermonarchie stellt die hier vorgelegte systematische Erforschung des Themenkomplexes "Deportation" völliges Neuland dar. Während fast alle Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker Deportationspraktiken so behandeln, als wären sie ausschließlich eine Begleiterscheinung der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts, ergibt eine Rekonstruktion ihrer "Frühgeschichte" ein vollkommen anderes Bild: als Instrument der Bestrafung, der Machtdemonstration und der Bevölkerungspolitik wurden sie im Habsburgerreich bereits im 18. Jahrhundert weitreichend und mit erschreckender "Modernität" praktiziert. Der erste Teil der Habilitationsschrift beschäftigt sich mit der europäischen Gesamtsituation. In einer synoptischen Schau werden die Großmächte der Zeit in ihrem Verhältnis zur Deportation dargestellt: Portugal, Frankreich, Spanien, Russland, England und die Niederlande experimentierten ausgiebig mit zwangsweisen Bevölkerungsverschiebungen, viele dieser Einzelaktionen konnten sich institutionalisieren. Das Osmanische Reich wiederum etablierte mit seiner sürgün-Methode ein Deportationssystem, das einen integralen Bestandteil der Herrschaftstechnik während seines "goldenen Zeitalters" darstellte. Der zweite Teil der Habilitationsschrift widmet sich allen bislang bekannten Deportationsmaßnahmen in der Habsburgermonarchie der Frühen Neuzeit sowie der um 1900 neu aufflammenden Deportationsdebatte. Die weitverbreitete Annahme, dass dort, wo es keine Kolonien gegeben habe, auch keine Deportation existiert hätte, erweist sich dabei als vollkommen verfehlt. Vielmehr bewegte sich die Habsburgermonarchie mit ihren Maßnahmen gegen Protestanten, Deviante und Modernisierungsverweigerer zahlenmäßig durchaus in einem europäischen Mittelfeld. Auf zentraleuropäischem Gebiet hatte sie aber immerhin auch die mit 25 Jahren längst andauernde Deportationsmaßnahme aller Zeiten (den sogenannten Temesvarer Wasserschub von 1744 bis 1768) zu verantworten. Die Basis der vorgelegten Studie bildet die intensive archivalische Recherche, die viele für die Fragestellung essentielle, bislang unbekannte oder kaum beachtete Dokumente zum Vorschein gebracht hat. Acht ausführlich behandelte Fallbeispiele aus den verschiedensten Regionen des Gesamtreiches und aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus werden hauptsächlich aus diesem Material rekonstruiert: 1) Die Ausschaffungen der Uskoken 1601 und 1618; 2) die Deportation spanischer Pensionisten 1735 und 1736; 3) die Transmigrationen von Protestanten 1734 bis 1737, 1752 bis 1757 und 1773 bis 1776; 4) der Temesvarer Wasserschub 1744 bis 1768; 5) die Fortschaffung der "Salpeterer" 1755; 6) die Deportation von kroatischen und slavonischen Insurgenten 1755; 7) der Fall der mährischen Protestanten 1777; 8) die Zerstreuung der "Böhmischen Deisten" 1783. Diese Fallstudien verstehen sich als wesentliche Bausteine zu einer noch zu schreibenden "Gewaltgeschichte der Habsburgermonarchie". Ein besonderes Anliegen der Habilitationsschrift war es zudem, Beziehungen zu den Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts herzustellen und dadurch eine Art Verklammerung der Zeitalter zu erreichen.