Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden
´Heimatrecht´ and Citizenship of the Austrian Jews
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (30%); Geschichte, Archäologie (50%); Rechtswissenschaften (20%)
Keywords
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Citizenship,
Jewish Emanzipation,
Austrian Monarchy,
Statelessness,
Jews,
Nazi persecution
Die Bedeutung von Heimatrecht und Staatsbürgerschaft für die Emanzipation der Juden, d.h. ihre Inklusion in den Staatsverband durch Erlangung vollkommener rechtlicher und politischer Gleichstellung, blieb bisher wenig bedacht. Heimatrecht und Staatsbürgerschaft, zwei gänzlich verschiedene Konzeptionen der Integration die moderne staatsbürgerliche in den großen Raum der österreichischen Monarchie, die ältere heimat-rechtliche in den engeren Raum der Gemeinde , bestimmen noch weit über die Monarchie hinaus nicht nur den Rechtsstatus einer Person, sondern in hohem Maße auch deren Identität. Dies gilt im Besonderen für die österreichischen Juden, die nach einem sich über mehrere Generationen erstreckenden Transformationsprozess in religiöser, politischer und kultureller Hinsicht eher eine Vielheit differenter Gruppierungen als eine geschlossene Entität verkörperten. Vor der Folie der Entrechtung und Ausbürgerung der österreichischen Juden während der NS-Zeit wird in dieser Studie versucht, diskursanalytisch wie normativ und rechtspraktisch den umgekehrten Prozess einer stufenweisen Inklusion von Juden und Jüdinnen in Heimatrecht (politisches Domicil) und Staatsbürgerschaft der österreichischen Monarchie seit den josephinischen Reformen zu beschreiben. Dabei werden Juden nicht mehr, wie es in der älteren Literatur häufig geschieht, als Fremde gesehen, als ewige Wanderer, Kosmopoliten und Universalisten, sondern als (Staats)Bürger als cives nostri. Die gewählte Forschungsperspektive nähert sich dem Thema Staatsbürgerschaft gleichsam vom Rand her, dabei wird der "Ausnahmefall" (jener der Juden) zum Indikator für die Entwicklung der Staatsbürgerschaft insgesamt gilt als Ausweis guter Gouvernementalität. Die Beschreibung des sich über mehr als ein Jahrhundert erstreckenden, steinigen, von vielen Rückschlägen gekennzeichneten Weges der Einbeziehung der Juden in die allgemeine Staatsbürgerschaft (vom exklusiven Judenregal über die Toleranz oder Familienstelle bis zur vollen Staatsbürgerschaft) ermöglicht aber zugleich auch einen neuen Blick auf den bisher wenig beleuchteten Akt der Ausbürgerung der Juden während der nationalsozialistischen Herrschaft. Dieser war ein überaus komplexer, in mehreren Schüben ablaufender Prozess, der sich zwar ähnlich wie im übrigen Deutschen Reich, doch zeitlich verschoben und bereits unter dem Signum von Flucht und Vertreibung, ereignete. Die Entrechtung und Entpersonalisierung der österreichischen Juden und Jüdinnen stellt jedoch so die These - nicht bloß einen nationalsozialistischen Willkürakt dar, sondern die wie in einem Zeitraffer vorgenommene Umkehrung des Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden Emanzipationsprozesses. Der auf den ersten Blick abstrus anmutende Verordnungswust der Nationalsozialisten entpuppt sich bei genauerer Analyse als fast spiegelbildliche Rückführung der historischen "Judenemanzipation". Mit zahlreichen Fallbeispielen und in drei großen biographischen Studien am Ende des Buches wird gezeigt, wie sehr Heimatrecht und Staatsbürgerschaft, oder umgekehrt: das Schicksal der Staatenlosigkeit, Leben und Identität von Menschen prägten noch weit über die Zeit der österreichischen Monarchie hinaus.