Erzählen vom Leben im 20. Jahrhundert
Telling about life in the 20th Century
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Soziologie (60%)
Keywords
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European Ethnology,
Contemporary History,
Narrative Traditions,
Oral History,
Biographical Narratives,
Alpine Regions
Lebensgeschichtliche Erzählungen werden von vielen Faktoren geformt. Von der gegenwärtigen Erzählsituation, über die individuelle Wahrnehmung des Vergangenen, bis hin zur Rekonstruktion in Form von Erinnerung und Erzählung prägen viele Einflüsse die Form, die alte Menschen schließlich für die retrospektive Darstellung ihres Lebens wählen. Am Beispiel von 67 lebensgeschichtlichen Erzählungen wird in der Arbeit "Erzählen vom Leben im 20. Jahrhundert" aufgezeigt, wie kulturelle Einflüsse die Erinnerungspraxis prägen und Erzähltraditionen letztlich über die Form der autobiographischen Darstellung entscheiden. Die zwischen 1910 und 1930 geborenen ErzählerInnen verbrachten den Großteil ihres Lebens im Vorarlberger Tal Montafon und bildeten im Laufe der Jahrzehnte bis heute eine Erzählgemeinschaft, innerhalb derer sich die individuellen lebensgeschichtlichen Erzählungen nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrer Darstellungsform soweit ähneln, dass von sogenannten "Mustererzählungen" gesprochen werden kann. Im Zuge einer Analyse von 50 ausgewählten Erzählstoffen kann aufgezeigt werden, wie sich persönliche Lebensgeschichten mit der Geschichte eines ländlich geprägten Gebirgstales verquicken, und welche kulturellen Vorlagen den Erinnerungserzählungen zugrunde liegen. Eine eingehende Betrachtung der autobiographischen Darstellungen der 67 ErzählerInnen offenbart, wie die untersuchten Generationen das nicht nur von einem atemberaubenden Wandel in sozialer, wirtschaftlicher und alltagsweltlicher Hinsicht, sondern auch von zwei Weltkriegen, mehreren Wirtschaftskrisen und unterschiedlichsten politischen Systemen geprägte 20. Jahrhundert reflektieren und seine Entwicklungen verarbeiteten und bewerten. Anhand der lebensgeschichtlichen Darstellungen der sehr unterschiedlichen Biografien ist deutlich zu sehen, dass es doch zahlreiche Parallelen gibt. Diese betreffen einerseits die Auswahl der Geschichten, die die eigene Lebensgeschichte konstituieren und repräsentieren sollen, und andererseits die Darstellungsformen und die Aussagen, die über das eigene Leben getroffen werden. Lebensgeschichtliche Erzählungen sind beispielgebend für die rastlose Tätigkeit des Sinnmachens der Menschen - und was als Sinn und Zusammenhang interpretiert wird, wurde dem und der Einzelnen ein Leben lang soziokulturell vermittelt. Die Analyse von lebensgeschichtlichen Erzählungen kann somit deutlich vorführen, wie kulturelle Schemata das Erinnern und Erzählen von Individuen prägen und gewährt damit Einblicke in die Werte und Normen, die letztlich das Fundament für unsere heutige Gesellschaft legten.