Bürokratie und Beamte in Österreich II 1848 - 1914
Bureaucracy and Civil Servants in Austria II 1848 - 1914
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (3%); Geschichte, Archäologie (85%); Rechtswissenschaften (2%); Soziologie (10%)
Keywords
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Bureaucracy,
Social History,
Officials,
Austro - Hungarian Monarchy,
Administration,
19th / 20th century
Nach meinem Buch "Gehorsame Rebellen. Bürokratie und Beamten in Österreich 1780 - bis 1848", wird in der vorliegenden Studie der Entwicklung der österreichischen / cisleithanischen Bürokratie von 1848 bis 1914, vor allem Fragen des politischen und sozialen Wandels, nachgegangen. Der Begriff Bürokratie wird in doppelter Bedeutung begriffen, als Institution und als personelle Gruppe, die sich im Sinne von Norbert Elias gegenseitig beeinflussten. Der Zeitraum wird in zwei Einheiten gegliedert. Die erste Periode umfasst die Jahre 1848 bis 1867, die Zeit des Neoabsolutismus und der Verfassungsexperimente, in der die Modernisierung des bürokratischen Apparates zu einer einflussreichen Institution im Vordergrund stand. Obwohl die Beamten im absolutistischen System in ihrer dienenden Stellung gefangen blieben, bereiteten die in dieser Zeit vorwiegend liberal gesinnten Beamteneliten mit ihren reformierenden Strategien entscheidend den Sturz des absolutistischen Systems vor. In der zweiten Periode, im Verfassungsstaat nach 1867, wurde den Beamten neue Rechte gesichert, gleichzeitig ergaben sich völlig neue Probleme. Der gut ausgebaute Machtapparat verlieh der Bürokratie Möglichkeiten, ihren Einfluss auszubauen. Doch blieben die Beamten - kraft dieser 1867er Verfassung - in erster Linie dem Kaiser und erst in zweiter Linie dem Staat verpflichtet. Denn Kaiser Franz Joseph, in der Tradition seines Hauses und in den frühneuzeitlichen Theorien des Justus Lipsius erzogen (er war der bevorzugte Staatstheoretiker und nahm Einfluss auf den Umgang mit Beamten) beanspruchte die Entscheidungsgewalt über die Beamten und ihre ungeteilte Loyalität für sich. Er weigerte sich, diese dem Parlament zu überlassen. Damit gerieten die gebildeten Bürokraten, die an den politischen Institutionen des neuen Verfassungsstaates, an Regierung, Parlament und Parteien partizipieren wollten, in einen Loyalitätskonflikt, der sich später mit dem Aufkommen der neuen Massenparteien (Christlich-Soziale, Sozialdemokratie, Deutsch-Nationale) und der Explosion der Nationalitätenfrage wesentlich verstärken sollte. Die Beamten standen zwischen Kaiser und Staat, Nation und Parteien. Die jeweilige persönliche Entscheidung beeinflusste ihr Berufs- und Privatleben. Ökonomisch-sozial profitierten allerdings die Beamten von den verfassungsmäßigen politischen Machtfaktoren, weil sich alle ihre Stimmen sichern wollten. Im Rahmen des Kapitels "Das soziale Umfeld" werden die Gewohnheiten der Beamten im Amt (Rekrutierung, Routine, Hierarchie, Qualifikation, Karriere etc.) sowie im Privatleben (Einkommen, soziale Gewohnheiten, Bildungsverhalten, Heiratsverhalten, Familie etc.) untersucht. Die Alltagskultur, die sie entwickelten, weisen die bürokratischen Eliten - trotz der vergleichsweise bescheidenen Bezahlung - als Bildungselite mit einem speziellen bürgerlich-kulturellen Habitus (P. Bourdieu) aus, die eine beträchtliche Reputation in der Gesellschaft besaß und dies besonders nach der Jahrhundertwende, als eine selbstbewusste junge Generation herangewachsen war, die auch manchmal ungewöhnliche Interessen entwickelte und außergewöhnliche Wege ging. Die Beamtenwelt wurde bunter. Beispiele beweisen die zunehmende Differenzierung in der homogenen Beamtenwelt. Das Ansehen sowie das Aufsehenerregende und Befremdliche dieser beachteten gesellschaftlichen Gruppe werden aus den (Fremd)Wahrnehmungen - aus den Aussagen von Autoren und Dichtern, die dem Thema Beamten besondere Sorgfalt zuwendeten - konstruiert. Diese werden dem Selbstbild der Bürokratie, ihren eigenen Ansprüchen an Kenntnissen, Eigenschaften, Tugenden - deutlich in den zahlreichen Selbstzeugnissen (Autobiographien, Erinnerungen und Briefen) - gegenüber gestellt. Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung deckten sich erwartungsgemäß nicht. Aus ihnen tritt jedoch ein Phänomen deutlich hervor: die Josephinische Ethik (so genannt, weil sie unter Joseph II. ihre Ausformulierung erhielt) blieb bis zum Ende der österreichischen Monarchie erhalten. Sie umfasste rechtsstaatliches Denken, unbedingte Gesetzestreue und starke sozialstaatliche Komponenten. Mit diesem Rüstzeug bewältigte die Bürokratie in diesem krisenhaften Staat mit der komplexen Gesellschaft Probleme und garantierte ein erhebliches Maße an Rechtssicherheit. Sie stellte damit keine ideale Bürokratie im Sinne Max Webers dar, doch sie entwickelte in einer zunehmend unübersichtlichen Gesellschaft mit eventuell nicht normgetreuen aber originellen Lösungskompetenzen eine starke Funktionsfähigkeit im Sinne von Niklas Luhmann. Der Einfluss der bürokratischen Kultur auf die Politik der ausgehenden Monarchie wurde entscheidend verstärkt, da zwischen 1848 und 1914 beinahe die Hälfte aller Minister und 17 von 26 Ministerpräsidenten aus der hohen Bürokratie kamen. Wie der Titel "Josephinische Mandarine" bereits andeutet, hatten die gebildeten bürokratischen Eliten die Möglichkeiten des Verfassungsstaats genützt und sich von "Gehorsamen Rebellen" zu Entscheidungsträgern des Staates entwickelt.