Literatur und Boxen zwischen den Weltkriegen
Literature and boxing in the era of the Weimar Republic
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Geschichte, Archäologie (15%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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German literature,
The figure of the boxer in the Weimar Republic,
Weimar Republic,
The boxer in literature as a modern figure,
Boxing in literature,
Boxing as a model of modernity
Die Arbeit untersucht die vielfachen Wechselbeziehungen der sich nur auf den ersten Blick fern stehenden Bereiche Literatur und Boxen: Keine andere Sportart hat so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller fasziniert wie die planvolle Prügelei im Seilgeviert. Das Ergebnis der Arbeit besteht darin, auf folgende Fragen Antworten zu finden: Wie lauten die Motive und Konstanten für das Naheverhältnis der Betätigungsfelder Faustfechten und Schreiben? Auf welche Weise, in welcher Absicht und mit welchen sprachlichen und formalen Mitteln wird der Faustkampfsport von Autoren wie Bertolt Brecht, Robert Musil, Ödön von Horvth, Joachim Ringelnatz, Joseph Roth, Vicki Baum, Gottfried Benn, Leonhard Frank, Marieluise Fleißer, Kurt Tucholsky, Hannes Bork, Frank Thiess, Horst Hellwig, Werner Scheff, Victor Witte, Joseph Breitbach und Adolf Uzarski literarisiert? Welche mittelbaren und unmittelbaren literarischen Auswirkungen zeitigen die mitunter so archaischen wie dramatisch-theatralen Geschehnisse im Ring? Welche Box-Poetologien sind registrierbar? Welche sozialhistorischen Implikationen (Boxen als crossroad-fight, als Kampf um eine bessere Existenz; Boxen als Signum einer Zeit) und propagandistischen Anzeichen (Boxen als soldatische Übung) sind erkennbar? Der Untersuchungszeitraum Zwischenkriegszeit (unter Einbeziehung von zentralen Texten, die vor 1918 und nach 1945 entstanden sind) resultiert aus der zu jener Zeit herrschenden allgemeinen Boxeuphorie im deutschsprachigen Raum. (Boxen wurde 1904 erstmals in das Programm der Olympischen Spiele aufgenommen.) Zur Analyse des Motivs und der Erzählschemata wird ein strukturaltypologisches, auf diachrone Prozesse fokussierendes Verfahren angewandt. Im Verlauf der an Michel Foucaults Diskursanalyse angelegten Untersuchung, die sich im Speziellen entlang der Prämissen des Dispositivbegriffs orientiert, wird gezeigt, dass die Figur des Boxers als ein Phänotyp der anbrechenden Moderne gelten kann. Vor dem chronotopischen Alltagskontext in der Zeit zwischen den Weltkriegen erweist sich der Boxer als eine zentrale interdiskursive Bezugsgröße, die sich aus Praktiken, Techniken und Diskursen sowie aus Formationen des Wissens und der Macht zusammenfügt. Die detaillierte analytische Auffächerung der Erzählliteratur über Boxen ergibt, dass die Trivialliteratur dem Boxen in affirmativ-hymnisch gestimmter Tonart folgt und den Linien und Flächen, die Boxen ins diskursive Geflecht schraffiert, so bejahend wie kritiklos gegenübertritt; Körper- und Kampfkult, Sport- und Rekordboom werden bekräftigend bestätigt. Die vom Faustkampf enthusiasmierten neusachlichen Autoren über Boxen schreiben in den 1920er- und 1930er-Jahren überwiegend Männer unterziehen den Sport dagegen punktueller Ironisierung und Marginalisierung; die Bedeutungshoheit wird mittels karikierender Satiren hinterfragt, die zugleich neue diskursive Reflexionsräume ausbilden. Bertolt Brecht wiederum webt die mit Boxen assoziierten diskursiven, nicht diskursiven und institutionellen Phänomene in das Netz politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Transformation. Robert Musil testet die Phänomenologie des Boxens als reflexiven Erfahrungsraum im Denklaboratorium der Moderne.
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