Simone Verovio. Prints, intabulations and basso continuo
Simone Verovio. Prints, intabulations and basso continuo
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
-
Music Printing,
Basso Continuo,
Rome,
Inatabulations,
Canzonettas,
Verovio
Der gebürtige Niederländer Simone Verovio, der von 1575 bis zu seinem Tod in 1607 in Rom tätig war, hat als Erster eine größere Zahl an Musikdrucken mit gravierten Kupferplatten produziert, eine Methode, die bis dahin hauptsächlich für Kunstdrucke und Karten verwendet wurde. Obwohl Verovio heutzutage vor allem für Drucke von Musik von Luzzaschi (1601) und Merulo (1598, 1604) bekannt ist, fehlt bisher eine systematische Untersuchung aller 13 Musikdrucke. Eine umfassende Auseinandersetzung mit den überlieferten Kopien der Verovio-Drucke kommt zu neuen Ergebnissen zu den fundamentalen Unterschieden zwischen Hoch- und Tiefdrucktechniken, nicht nur im Bezug auf Produktionsprozesse und ökonomische Folgen, sondern auch auf die differenzierten Personengruppen von Produzenten und Konsumenten dieser Drucke. Die Verwendung der Tiefdrucktechnik ermöglichte es, verschiedene Arten von Notation auf einer Seite zu kombinieren: sowohl Stimmen in mensuraler Notation mit Intavolierungen für Cembalo und Laute in Chorbuch-Anordnung als auch Stimmen in Partitur mit Intavolierungen. Die Intavolierungen in den mit Verovio assoziierten Drucken wurden schon öfters herangezogen, um die Praxis des concertare, also die Integration eines begleitenden Akkordinstruments in das Ensemble vor dem Auftreten des Basso Continuo zu rekonstruieren. Dabei wurde stets davon ausgegangen, dass sich die Intavolierungen an Amateure adressieren, wobei häufig ein anachronistischer Begriff von Amateur unterstellt wurde. Um Charakter und technische Anforderungen der Intavolierungen einschätzen zu können, werden diese mit theoretischen Quellen und der Praxis des Spielens aus einer Bassstimme um 1600 verglichen. Es stellt sich heraus, dass bereits in den mit Verovio assoziierten Drucken der 1580er Jahren diverse Techniken auftreten, wie Stimmen für perfekte Instrumente adaptiert werden können. Weiterhin wird gezeigt, dass Intavolierungen viele jener Eigenschaften enthalten, die üblicherweise mit (früher) Barockmusik und dem Basso Continuo assoziiert werden; dazu gehören die Tendenz zu harmonischem Denken, zu Freistimmigkeit, zu einer wichtigeren Rolle der linken Hand oder zur Zulässigkeit von bestimmten sonst verbotenen Stimmfortschreitungen. Schließlich widmet sich die Arbeit der Anwendbarkeit der neu gewonnenen Erkenntnisse in der musikalischen Praxis. Es werden Modelle von Intavolierungen präsentiert zur Ausarbeitung von Kadenzen, Kadenzformeln, Ornamenten inklusive Brückenpassagen, Oktavverdoppelungen und von Nachschlägen. Diese Modelle lassen sich auch auf Musik anwenden, die in anderen (nicht spezifisch auf ein bestimmtes Instrument bezogenen) Notationen überliefert ist. Schließlich liefern Verovios Drucke den Beweis, dass die Kombination von Laute und Tasteninstrument nicht unüblich war, oft mit einer sorgfältigen Verteilung der Rollen. Zusammenfassend macht die Arbeit deutlich, dass die Unterschiede zwischen Hoch- und Tiefdruck- Techniken nicht nur neues Licht auf die Produktion von Musikausgaben rund um 1600 werfen, sondern auch für grundlegenden Fragen der historischen Aufführungspraxis nutzbar gemacht werden können.