Grenzregionforschung trifft auf Kindheitsforschung
Borderland Studies Meets Child Studies
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (30%); Geschichte, Archäologie (70%)
Keywords
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Borderland Studies,
Europeanisation,
Child Studies,
Nationalism
Wenngleich sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts viele Grenzverläufe in Europa änderten und sich europäische Nationalstaaten zunehmend für Kinder zu interessieren begannen, gibt es nur wenig Forschung über Kinder aus Europas Grenzregionen. Diese Publikation hat eine Fallstudie über jene annektierten Grenzregionen durchgeführt, die Deutschland umgeben und deren Souveränität mehrmals im 20. Jahrhundert wechselte: die französisch-deutsche Grenzregion vom Elsass und Lothringen, die belgisch-deutsche Region Eupen-Malmedy, das dänisch-deutsche Gebiet Nordschleswig, die polnisch-deutschen Grenzregionen, die tschechisch-deutsche Grenzgegend Hlucin und das litauisch-deutsche Memel-Territorium. Deutschland verlor diese nach dem Ersten Weltkrieg und alle außer Nordschleswig wurden während des Zweiten Weltkriegs annektiert, bis sich die Landesgrenzen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wiederum verschoben. Unsere Fallstudie sollte zeigen, ob uns vergleichende Forschung zur Geschichte von Kindern aus Grenzregionen zu einem neuen Verständnis der europäischen Geschichte führen kann. Die in diesem Sammelband versammelten Autoren kamen zu diversen Resultaten. In erster Linie hat die Fallstudie die Komplexität aufgezeigt, die der Nationalisierung in unterschiedlichen, vorher oft unbekannten Sphären des Lebens von Kindern aus Grenzregionen zu Grunde liegt. Jene Kinder lagen im Mittelpunkt der nationalistischen Interessen von speziellen Programmen, die geschaffen wurden, um Grenzregionen in den Nationalstaat zu integrieren. In solchen Programmen zeigen sich die Absichten des Nationalismus oft in ihrer reinsten Form. Unser Vergleich zeigt, wie verblüffend ähnlich diese Absichten sowohl in der westlichen, als auch in der östlichen Hälfte des europäischen Kontinents anscheinend waren. Zusätzlich zum Erforschen der Frage, wie Kinder aus Grenzregionen mit unterschiedlichen nationalen und lokalen Identitäten in Nachbarschaft zueinander lebten, haben die Autoren eine Abgrenzungslinie nicht zwischen zwei gegenüberstehenden Nationalismen, sondern zwischen der nationalen versus nicht-nationalen Haltung von Bewohnern der Grenzregionen gefunden. Dadurch hat die Fallstudie einen großen Schritt dazu beigetragen, die Einsichten in die Dichotomie zwischen nationalistischer Politik für Kinder aus Grenzregionen und nicht-nationalen Praktiken dieser Kinder während der Zwischenkriegszeit und der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu vertiefen. Es haben also ähnliche Mechanismen die nationalen und nicht-nationalen Praktiken von Kindern aus Grenzregionen in der östlichen und westlichen Hälfte Europas ausgezeichnet. Am überraschendsten ist, dass dies trotz all der unterschiedlichen Vorstellungen vom Osten und Westen geschah, die nach beiden Weltkriegen die Entscheidungen der Friedensverhandelnden beeinflusst haben, während sie die annektierten europäischen Grenzregionen ins Leben riefen. Darum bestärkt die Lesart der europäischen Geschichte von unten das weitere Untersuchen von vergangenem Alltagsleben der nicht-hegemonialen Menschen auf dem europäischen Kontinent.
- Universität Wien - 100%