Leben lesen. Zur Theorie der Biographie um 1800
Reading Lives. On the Theory of Biography Around 1800
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
-
Biography,
Life Writing,
Eighteenth-Century Studies,
Johann Gottfried Herder,
German Literature
Die vorliegende Untersuchung widmet sich den Voraussetzungen biographischer Konstruktionen von Individualität an der Epochenschwelle um 1800. Mit Johann Georg Wiggers` Ueber die Biographie liegt 1777 die erste deutschsprachige Monographie vor, die sich explizit der Frage widmet, wie eine Biographie zu verfassen sei. Das Thema ist virulent, denn bereits in den Jahren zuvor war eine Reihe kürzerer Beiträge als Teil eines gelehrten Disputs um den erkenntnistheoretischen, pädagogischen und anthropologischen Status der Lebensbeschreibung erschienen. Im Rahmen der vorliegenden Studie wird anhand ausgewählter Texte aus dieser Debatte die historische Konstellation am Ursprung der modernen deutschsprachigen Biographik nachgezeichnet. Es gilt, die Entwicklungslinien aufzuzeigen, die zu dem bedeutsamen Status führen, die der Biographie als medienübergreifender Erzählform bis heute zukommt. Aus sich gegenseitig ergänzenden Perspektiven wird die Rolle der Biographie als Werkzeug des kollektiven Gedächtnis analysiert, das Verhältnis von bildhafter und erzählerischer Personendarstellung ausgelotet und der Identifikation mit biographischen Vorbildern nachgegangen. Darüber hinaus wird die für das 18. Jahrhundert typische Form der Biographiesammlung untersucht, in der nicht alleine das Einzelleben, sondern das Zusammenspiel unterschiedlicher Lebensläufe in den Vordergrund tritt. Zusammengehalten wird die Untersuchung von der Frage, was es bedeutet, einen Menschen als Summe seiner Lebensgeschichte zu betrachten. Die versammelten Texte, die in der vorliegenden Arbeit erstmals einer vergleichenden Analyse unterzogen werden, entwerfen dabei ein hermeneutisches Menschenbild, das eine Persönlichkeit in Analogie zum Medium Buch über seine Biographie `lesbar` machen will. Die Studie zeigt, wie die zentrale Stellung, die biographische Erzählmuster vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart inne haben, auf der Vorstellung gründet, dass ein Mensch über seine individuelle Lebensgeschichte wie ein literarischer Text interpretierbar wird, damit dem Verstehen zugänglich und so letztlich von einer lebendigen Existenz zum Gegenstand kulturellen Wissens werden kann.