Katalog der mittelalterlichen Musikhandschriften der ÖNB
Catalogue of the medieval music manuscripts in the OeNB
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (60%); Philosophie, Ethik, Religion (40%)
Keywords
-
Austiran National Library,
Music Manuscripts,
Gregorian Chant,
Polyphonie,
Austiran Music History,
Liturgy
Das Forschungsprojekt der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Musikalische Quellen des Mittelalters in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien wird durch den Fonds zur Wissenschaftlichen Forschung in Österreich (FWF) gefördert. Das auf sechs Jahre konzipierte Projekt hat das Ziel, alle handschriftlichen Quellen (inkl. Fragmente) des Mittelalters, die mit musikalischer Notation ausgestattet sind, zu beschreiben. Dazu gehören in erster Linie liturgische Handschriften mit einstimmigem Choral, aber auch einige wenige Quellen mit ein- und mehrstimmiger weltlicher Musik. Die musiktheoretischen Traktate wurden bereits in dem entsprechenden RISM-Band beschrieben. Bisher konnten 365 Codices und 668 Fragmente gefunden werden, die eine musikalische Notation aufweisen. Wir haben die Erlaubnis, Fotografien der Quellen anzufertigen und auf der Projektwebsite zu veröffentlichen. Aktuell stehen 22.000 Digitalisate von Codices und 2.000 von Fragmenten online zur Verfügung. Die Art und Weise der Handschriftenbeschreibung entwickelte sich im Laufe des Projektes. Grundsätzlich beruhen die kodikologischen und paläographischen Teile der Beschreibungen auf allgemein gültigen Konventionen. Bei der inhaltlichen Beschreibung wurde eine neue, sich von älteren Katalogisierungsprojekten deutlich unterscheidende Art und Weise erarbeitet. Dazu gehören z.B. die Kennzeichnung der Nocturnresponsorien für die Sonn- und Quatembertage im Advent nach René-Jean HESBERT sowie die Analyse der Responsorien des Officium defunctorum nach Knud OTTOSEN. Ferner die Auflistung und Kennzeichnung besonderer Reimoffizien nach Andrew HUGHES. Bei der Beschreibung von Messhandschriften werden vor allem die Alleluia für Sonn- und Ferialtage nach Ostern und Pfingsten berücksichtigt (Systematik von David HILEY und Peter WITTWER). Ferner werden Sequenzen vollständig in die Beschreibungen mit aufgenommen, und das nicht nur in der bisher üblichen und eher verwirrenden Weise mit der Angabe des AH-Bandes und -nummer sondern zusätzlich mit Textincipit und Angabe der liturgischen Zeit. Erwähnung finden auch Messformulare für besondere Feste, Prozessionsgesänge, Tropen oder andere liturgische Besonderheiten. Unter den 108 Codices, zu denen Vollbeschreibungen vorliegen, befinden sich bekannte und in der Literatur bereits ausführlich besprochene Handschriften wie das Klosterneuburger Graduale-Sakramentar Cod. 13314, das Graduale-Antiphonar aus St. Peter Salzburg (Cod. Ser.n. 2700) oder das Lorscher Sequentiar Cod. 1043. Bei einigen Codices wurden durch unsere Forschungen Neulokalisierungen vorgenommen oder alte korrigiert. Eine bedeutende Grundlage unserer Forschung ist das breite Netzwerk von Wissenschaftlern verwandter mittelalterlicher Disziplinen. So besteht ein reger Austausch mit der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters, dem Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien, dem Otto-Pächt-Archiv und vor allem auch zu den wissenschaftlichen Mitarbeitern der Nationalbibliothek. In Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen Eva Veselovsk und Ana Cizmic konnte ein für westeuropäische Forscher eher unbekanntes Corpus an böhmischen und mährischen Handschriften näher beschrieben werden. Darunter befindet sich das sog. Kuttenberger Cantionale als Vertreter verschiedener hussitischer Handschriften aus Praha (Prag), Kutn Hora (Kuttenberg) und Cslav (Tschaslau). Bemerkenswert ist ferner eine Gruppe von zisterziensischen Codices aus dem Kloster Staré Brno (Maria Saal) sowie mehrere Handschriften aus dem Kartäuserkloster Krlovo Pole (Königsfeld) bei Brno (Brünn).