Stile der Wissenskommunikation im dt.-amerik. Vergleich
Styles of Science Communication in Germany and the US
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (40%); Philosophie, Ethik, Religion (40%)
Keywords
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History of Science Communication,
Styles of Communication,
Transnational Comparision,
Ludwik Fleck,
Cold War History of Pupular Science,
Heinz Haber
"Populäre Wissenschaft ist ein besonderes, verwickeltes Gebilde", so Ludwik Fleck. Diese Verwicklungen populärer Wissenschaft werden in der vorliegenden Arbeit durch eine mikroskopische, lokale, dichte und transnationale Beschreibung des Genres analysiert. Im Zentrum stehen zwei populärwissenschaftliche Zeitschriften, Bild der Wissenschaft und Scientific American, die seit 1964 in Stuttgart beziehungsweise seit 1845 in New York erscheinen. Sie verbindet eine Geschichte der Imitation und Emanzipation, die von den Kaiser-Wilhelm-Instituten in Berlin zur Air University in Texas, von flugmedizinischen Menschenversuchen in Dachau zu weltraummedizinischen Tests in Ohio, von Wernher von Braun zu Walt Disney reicht. Die Arbeit gliedert sich in drei Teile: einen historiographisch ausgerichteten ersten Teil, die Untersuchung visueller und sprachlicher Formen populären Wissens im zweiten und die Analyse der expliziten und impliziten Wissenspolitiken in beiden Zeitschriften im abschließenden dritten Teil. Ich untersuche die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungen von Bild der Wissenschaft und Scientific American, den jeweiligen Autorenkollektiven sowie den Begriffen von Bildung, Öffentlichkeit und Wissenschaft, die beide Zeitschriften leiteten. Dabei wird deutlich, inwiefern der Stil der Wissenskommunikation durch die politischen Erfahrungen der Akteure im nationalsozialistischen Deutschland beziehungsweise in den USA der 1930er und 1940er Jahre geprägt war. Im zweiten Teil geraten die materialen Bedingungen und medialen Formen populären Wissens in den Blick. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass populäre Wissenskommunikation als Gesamteindruck aus Werbungen, Bildern, Sprache, Layout und verlegerischen Publikationsstrategien interpretiert werden muss. Die Arbeit untersucht die Produktionsweisen populären Wissens und zeigt, wie die Zusammenarbeit mit Autoren und Autorinnen, Illustratoren und Redakteuren verlief. Es wird deutlich gemacht, welche Effekte sich aus der Vermischung von Werbeinhalten und redaktionellen Inhalten ergaben, wie das Wissen in beiden Zeitschriften verlagsstrategisch abgesichert und autorisiert wurde und wie Bildsprache und Rhetorik eingesetzt wurden und sich im Untersuchungszeitraum veränderten. Der dritte Teil widmet sich den politischen und gesellschaftlichen Realitätsbildern, die Teil der Wissenskommunikation in Bild der Wissenschaft und Scientific American waren. Populäres Wissen wird als gesättigtes Wissen sichtbar gemacht, das implizit und explizit politische, gesellschaftliche und weltanschauliche Zielsetzungen verfolgt. Ich untersuche, wie sich beide Zeitschriften zu ihren politischen Kontexten verhielten und analysiere die Konzepte von Wissenschaftler, Amateur, Experte und Laie sowie die Vergeschlechtlichung dieser Figuren. Alle drei Teile verbindet die Frage, ob in der medialen Formierung des Wissens in beiden Zeitschriften ein prägnanter Stil erkennbar wird, der nicht nur die Auswahl der Autoren und Autorinnen sowie die Themenstellungen und Wissenspolitiken, sondern vor allem die rhetorische, visuelle und epistemische Strukturierung des Wissens geprägt hat. Durch die international vergleichende Untersuchung populären Wissens leistet die Arbeit einen Beitrag dazu, populäres Wissen als eigenständige politische, kulturelle und epistemische Praktik zu beschreiben. Die Arbeit wurde als beste Dissertation mit dem Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für die Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik 2011 ausgezeichnet.