Die textgeborenen Kinder Marie de Gournays und Montaignes
Texts as the (orphaned) children of MdG and Montaigne
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (90%)
Keywords
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Family networks,
Renaissance literature,
Renaissance history,
Textual Inheritance,
History Of Gender Equality
Wenn jemand in Frankreich im 16. Jahrhundert ein Buch schrieb, aber plötzlich verstarb und nicht zu Ende verfassen konnte, was passierte dann mit dem unfertigen Text? Welche Personen konnten und durften ihn veröffentlichen und dabei vielleicht sogar zu Ende schreiben oder verändern? Wie gingen sie vor und welche Rolle spielten dabei Frauen, die lange Zeit selbst keine Bücher herausgeben, schreiben und veröffentlichen durften? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die vorliegende Doktorarbeit, und zwar am Beispiel der besonderen Freundschaft zwischen dem Autor Montaigne (15331592) und der Autorin Marie de Gournay (15651645). Michel de Montaigne hinterließ nach seinem Tod 1592 einen ungeordneten Stapel Notizen zu seinem Hauptwerk, genannt Les Essais (dt. etwa: Die Versuche), das viele hunderte Seiten umfasste. Les Essais hatte Montaigne zum ersten Mal im Jahr 1571 als Buch veröffentlicht. Es sorgte für Aufsehen, denn damit zeigte er den Menschen seiner Zeit eine vollkommen neue Art, zu denken und zu schreiben. Dass Les Essais nach Montaignes Tod und über die Jahrzehnte hinweg nicht in Vergessenheit geriet, ist allerdings Marie de Gournay zu verdanken. Als Jugendliche las sie Les Essais und war begeistert von dem Werk. Dies war außergewöhnlich, denn damals sollten Frauen vor allem Hausfrau und Mutter sein, nicht jedoch sich bilden. Dass Marie de Gournay niemals heiraten wollte, viel las und später selbst eigene Texte veröffentliche, galt folglich als skandalös. Trotzdem traf sie im Jahr 1588 Montaigne persönlich und es entwickelte sich eine so genannte alliance zwischen den beiden, das heißt eine sehr enge Freundschaft. Seitdem nannten sie einander Vater und Tochter. Allerdings adoptierte Montaigne, der bereits Vater einer eigenen Tochter namens Léonor war, Marie nie. Umso erstaunlicher ist es, dass Marie de Gournay nach Montaignes Tod von seiner Familie um Hilfe gebeten wurde, jenen ungeordneten Stapel Notizen durchzuarbeiten und die letzte Fassung von Les Essais zu veröffentlichen. Marie war als Verlegerin unerfahren und hatte als Frau in der Buchwelt kaum Unterstützung. Dennoch schaffte sie es, ab 1594 Les Essais herauszubringen. Auch in den folgenden Jahrzehnten meisterte sie es, den Text an die Nachwelt so weiterzugeben, dass er bis heute gedruckt wird. Mit welchen Strategien ihr dies gelang, zeichnet diese Doktorarbeit nach: Zum einen stellte Marie sich durch ihre eigenen Texte immer wieder als Mitglied der Familie Montaigne dar. Zum anderen schrieb sieh über Les Essais und über ihr eigenes Gesamtwerk, Les Advis, als ihre (Waisen-)Kinder, die sie als Kinder und Texte für die Zeit nach ihrem eigenen Tod verschiedenen Personen anvertraute. Parallel zu dieser Arbeit als Herausgeberin, traute sich Marie de Gouenay, als Frau einen für die damalige Zeit außergewöhnlichen Weg zu gehen: Sie lebte unverheiratet in ihrer Wohnung in Paris, schrieb und veröffentliche viele Texte und beteiligte sich an gesellschaftlichen Diskussionen.