Unterstützt Abstraktion eine geteilte Realität?
Does abstraction support shared reality?
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (100%)
Keywords
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Abstraction,
Construal Level,
Shared Reality,
Saying-is-Believing Paradigm
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie besprechen mit einer Kollegin, wie lange es wohl dauert, von Ihrem Arbeitsplatz zum Hauptbahnhof zu laufen. Sie schätzen, dass es 7 Minuten dauert, während Ihre Kollegin glaubt, dass es 12 Minuten dauert. Eine solche Meinungsverschiedenheit wird Ihnen wahrscheinlich nicht das Gefühl geben, dass Sie und Ihre Kollegin auf der gleichen Wellenlänge sind, eine gemeinsame Sicht auf das Thema haben oder überhaupt Geh-Dauern ähnlich einschätzen. Hätten Sie das Thema jedoch abstrakter betrachtet, wären Sie sich dagegen einig gewesen, dass der Hauptbahnhof in wenigen Minuten zu erreichen ist. Eine abstraktere Sicht auf ein Thema könnte also dazu führen, dass man eher eine gemeinsame Sicht auf ein Thema hat (das heißt: eine sogenannte geteilte Realität). Abgesehen von einem solch trivialen Thema wie dem Weg zum Hauptbahnhof können alle möglichen Themen, Situationen, Gegenstände, Personen und Handlungen mehr oder weniger abstrakt gedanklich konstruiert werden. Beispielsweise kann ein Objekt (z.B. ein Stück Obst) sehr breit als Teil einer Kategorie (z.B. Nahrungsmittel) gesehen werden oder viel spezifischer (z.B. ein Apfel). Eine Handlung kann mehr in Bezug auf ihr Ziel (abstrakt) oder ihre Umsetzung (konkret) gedanklich repräsentiert werden. Dieses Forschungsvorhaben adressiert die Frage, ob Abstraktionen grundsätzlich zur Schaffung einer geteilten Realität beitragen können. Geplant sind sechs Studien: Studie 1 testet, ob Abstraktion eines Gesprächsgegenstands das subjektive Erleben einer geteilten Realität in einem Gespräch steigert. Studien 2 und 3 verwenden ein experimentelles Paradigma, in dem die Versuchspersonen einem Publikum eine Person beschreiben sollen, die das Publikum angeblich mag oder nicht mag. Die Einstellungen zu der Person werden erfasst. Abstraktheit sollte vermehrt eine Verzerrung der Einstellung in Richtung der angeblichen Publikums- Einstellung, also eher eine geteilte Realität bewirken. Die Studien 4 und 5 untersuchen mit dem gleichen experimentellen Paradigma, ob Abstraktion eine geteilte Realität anregt, selbst wenn gar keine Beschreibung produziert wurde (Studie 4) oder das Publikum aus einem Fremdgruppenmitglied besteht (Studie 5) also ob Abstraktion eine geteilte Realität auch unter Bedingungen anregt, von denen in der Vergangenheit gezeigt wurde, dass sie eine geteilte Realität verhindern. Studie 6 testet, ob die Wirkung von Abstraktion auf die geteilte Realität mit einer anderen Methode (d.h. mit einem Reaktionszeitverfahren) erfasst werden kann. Es wurde bisher selten untersucht, wie sich bestimmte Situationen darauf auswirken, ob Menschen eine geteilte Realität bilden oder nicht. Dieses Forschungsvorhaben stellt somit eine wertvolle Ergänzung zur vorherigen Forschung zur geteilten Realität dar, insbesondere als es einen potenziell wichtigen Einflussfaktor auf die Entstehung von geteilten Realitäten einführt (nämlich Abstraktion).
- Universität Salzburg - 100%
- Gerald Echterhoff - Deutschland