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Augmented Listening: Aufführung, Hörerfahrung und Theoriebildung

Performing, Experiencing and Theorizing Augmented Listening

Christian Utz (ORCID: 0000-0002-5528-8780)
  • Grant-DOI 10.55776/P30058
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.09.2017
  • Projektende 31.08.2020
  • Bewilligungssumme 399.990 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Kunstwissenschaften (100%)

Keywords

    Musical Performance And Musical Analysis, Large-Scale Musical Form, Musical Macroform, Musical Performance And Perception, Perception-Sensitive Music Analysis, Close And Distant Listening, History Of Musical Performance And Perception

Abstract Endbericht

Als Folgeprojekt zu einem wahrnehmungsbezogenen musikanalytischen Ansatz, der im FWF-Projekt Eine kontextsen- sitive Theorie posttonaler Klangorganisation [CTPSO] (201214) entwickelt wurde, konzentriert sich das gegenwärti- ge Projekt Augmented Listening: Aufführung, Hörerfahrung und Theoriebildung [PETAL] auf das Grenzgebiet zwischen musikalischer Analyse und musikalischer Aufführung und baut dabei auf interdisziplinären Forschungsmethoden auf, die hier durch den Begriff augmented listening (Nicholas Cook) bezeichnet werden. Das PETAL-Projekt stellt eine aufführungsbezogene Analyse musikalischer Großform in den Mittelpunkt, indem Strategien ausführender Musike- rInnen zur Interpretation zyklischer Werke systematisch untersucht und kategorisiert werden; dabei wird der Gedan- ke aufgegriffen, dass musikalische Form nicht allein in der Partitur begründet ist, sondern auch in Echtzeit durch einen Interpreten hervorgebracht wird (Robert Hill). Wir führen unterschiedliche Perspektiven auf die wechselseitige Beeinflussung von lokalen und globalen Dimensionen musikalischer Form in ein umfassendes analytisches Modell zusammen; dieses Modell versucht dabei die weit verbreitete Annahme in Frage zu stellen, dass musikalische Groß- form irrelevant für die Wahrnehmung und Aufführung von Musik sei. Unsere Hypothese lautet dagegen, dass unter- schiedliche Aufführungskonzepte in Bezug auf die Großform bei ein und demselben Musikwerk substantielle Auswir- kungen auf die Art und Weise haben können, wie diese Form erfahren oder analysiert wird. Die am Projekt mitwirkenden ForscherInnen werden eine Reihe bekannter Werkzyklen aus dem Solo-Klavier- und Lied-Repertoire des 18. bis 20. Jahrhunderts untersuchen, darunter komplexe Zyklen wie Bachs Goldberg Varia- tions, Beethovens Diabelli Variations oder Kurtgs Kafka-Fragmente. Dabei folgen wir einer dreigliedrigen For- schungsstrategie: (1) Umfassende Forschungen zu historischen Quellen in Bezug auf das Verhältnis zwischen formbe- zogener Analyse und Aufführungspraxis zielen auf eine Einbeziehung historischer Dimensionen von musikalischem Hören und musikpraktischer Interpretation in das Projektmodell. (2) Eine Studie musikalischer Aufnahmen und ver- wandter Quellen dokumentiert eine umfassende Aufführungs- und Aufnahmegeschichte des ausgewählten Reper- toires und wendet dabei eine Kombination von computergestützten und qualitativen Forschungsmethoden an. (3) Neue, innovative dialogische Formen der Forschung werden in einer Reihe von drei interaktiven Workshops entwi- ckelt, in denen PETAL-ForscherInnen, kooperierende MusikerInnen und MusikologInnen sowie HörerInnen mit und ohne Fachwissen ihre Perspektiven auf das Repertoire einbringen. Aufführung und Analyse werden dabei eng inei- nander verwoben und es wird mit unterschiedlichen Aufführungs- und Hörmodellen experimentiert. Die drei Workshops werden durch Video- und Audiomitschnitte sowie durch Texttranskriptionen dokumentiert. Diese Dokumentationen werden vor dem Hintergrund der Ergebnisse aus den anderen beiden Bereichen interpre- tiert, wobei die Verknüpfung der Bereiche durch eine Datenbank mittels Schlagworten und Metadaten erleichtert wird. Die Forschungsergebnisse werden über eine Projektwebseite, eine Reihe von begutachteten Artikeln in Fach- zeitschriften (Open Access), zwei Monographien, eine Aufsatzsammlung und einige annotierte Partiturausgaben kommuniziert.

Das Projekt PETAL strebte an, mittels einer Verknüpfung quantitativer und qualitativer Methoden, zusammengefasst im Konzept des "augmented listening" (Nicholas Cook), das Feld von musikalischer Analyse und Aufführung auszuleuchten. In den Mittelpunkt rückte eine aufführungsbezogene Analyse musikalischer Großform, indem Strategien ausführender Musiker*innen zur Interpretation zyklischer Werke systematisch untersucht und kategorisiert wurden. Dabei wurde der Gedanke aufgegriffen, dass musikalische Form nicht allein in der Partitur begründet ist, sondern auch "in Echtzeit" (R. Hill) durch Interpret*innen mittels einer spezifischen Disposition von Tempo, Dynamik, Artikulation etc. hervorgebracht wird. Diesen Gedanken weitergedacht könnte eine Folgerung lauten, dass musikalische Form sich letztlich erst im Moment der Aufführung konstituiere. Gleichwohl haben wir den musikalischen Text und die klingende(n) Interpretation(en) als maßgebliche Repräsentationsformen eines Musikwerks betrachtet. Ziel war es nicht, Aufführungen bloß als verschiedene Interpretationen eines fixierten Notentexts miteinander zu vergleichen oder Werturteile über sie abzugeben, sondern vielmehr die Eigenständigkeit einer klingenden Interpretation in Bezug auf die schriftliche Vorlage hervorzuheben. Wir haben Korpusstudien zu zyklischen Werken des Soloklavier- und Liedrepertoires des 18. bis 20. Jahrhunderts angestrengt, darunter so komplexe Zyklen wie Bachs "Goldberg-Variationen", Beethovens "Diabelli-Variationen", Schuberts Winterreise, Mahlers Lied von der Erde, Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke op. 19 und Kurtgs Kafka-Fragmente für Sopran und Violine op. 24. Zur Anwendung gelangte ein dreigliedriger methodischer Ansatz: 1. Forschungen zu Sekundärquellen über das Verhältnis von Analyse der musikalischen Großform und Aufführungspraktiken; 2. Auf der Kombination von quantitativen (computergestützten) und qualitativen Methoden basierende Untersuchungen von Tonaufnahmen mit dem Ziel, die Aufführungs- und Aufnahmegeschichte der genannten Werke umfassend zu dokumentieren; 3. Dialogische Formen von Aufführungsforschung in einer Serie von interaktiven Workshops, um den Austausch zwischen Forscher*innen und ausführenden Musiker*innen auf eine neue Stufe zu heben (einschließlich Hörer*innen mit und ohne Expert*innenwissen) Forschungsleitend war die Hypothese, dass unterschiedliche Aufführungskonzepte in Bezug auf die Großform bei ein und demselben Musikwerk substantielle Auswirkungen auf die Art und Weise haben können, wie diese Form (klingend) erfahren und (theoretisch) analysiert wird, und diese Konzepte aufführungspraktisch ebenso merkliche Konsequenzen zeitigen können. Unsere Forschung versuchte so, den Nachweis zu führen, dass praktische, klingende Interpretationen vollgültige Analysen eines Werks darstellen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität für Musik und darstellende Kunst Graz - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Markus Neuwirth, Anton Bruckner Privatuniversität , nationale:r Kooperationspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Danielle Sofer, Maynooth College - Irland
  • Edward Klorman, McGill University - Kanada
  • John Rink, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
  • Mine Dogantan-Dack, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 10 Zitationen
  • 25 Publikationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 0
    Titel Dimensionen des Zyklischen im Lichte von 64 Tonaufnahmen von Schuberts Winterreise aus dem Zeitraum 1928-2019
    Typ Journal Article
    Autor Utz C
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie
  • 0
    Titel Der Abschied als Telos. Herbert von Karajans Einspielungen des Lied von der Erde im Kontext der Mahler-Interpretation der 1950er bis 70er Jahre; In: Musikalische Interpretation bei Herbert von Karajan
    Typ Book Chapter
    Autor Utz C
    Verlag Olms
  • 0
    Titel "'Intellektuelles' Musizieren gegen 'spontanes', musikantisches []" - Schönbergs Phantasy for Violin with Piano Accompaniment op. 47 in den Einspielungen mit Kolisch und Steuermann; In: Eduard Steuermann. Musiker und Virtuose
    Typ Book Chapter
    Autor Glaser T
    Verlag edition text + kritik
  • 0
    Titel Zur Plastizität verklanglichte Form. Tempo-, Klang- und Formgestaltung in Eduard Steuermanns Einspielungen von Arnold Schönbergs Sechs kleinen Klavierstücken op. 19 im Kontext der Interpretationsgeschichte des Werkes; In: Eduard Steuermann. Musiker und Virtuose
    Typ Book Chapter
    Autor Utz C
    Verlag edition text + kritik
  • 0
    Titel Die zyklische Anlage der Goldberg-Variationen und ihre (Neu-)Deutungen in der Interpretationsgeschichte: Analyse in Echtzeit?
    Typ Journal Article
    Autor Motavasseli M
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie
  • 0
    Titel Beethovens 33 Veränderungen über einen Walzer von A. Diabelli op. 120: Formgestaltung aus aufführungspraktischer Perspektive
    Typ Journal Article
    Autor Glaser T
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie
  • 2021
    Titel Formgestaltung aus aufführungspraktischer Perspektive: Zur Interpretationsgeschichte von Beethovens 33 Veränderungen über einen Walzer von A. Diabelli op. 120
    DOI 10.31751/1128
    Typ Journal Article
    Autor Glaser T
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music
    Seiten 253-285
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Interpretation of Cyclic Form in Bach’s “Goldberg Variations” through Performance History
    DOI 10.31751/1119
    Typ Journal Article
    Autor Motavasseli M
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music
    Seiten 19-69
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Editorial
    DOI 10.31751/1118
    Typ Journal Article
    Autor Glaser T
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music
    Seiten 5-16
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Using Linear Mixed-Effects Models to Analyze Historical Trends in Performance Strategies: Commentary on Majid Motavasseli’s Article “Interpretation of Cyclic Form in Bach’s ‘Goldberg Variations’ through Performance History”
    DOI 10.31751/1120
    Typ Journal Article
    Autor Gingras B
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music
    Seiten 71-77
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Performative Analysis: Reimagining Music Theory for Performance. By Jeffrey Swinkin
    DOI 10.1093/mts/mtz001
    Typ Journal Article
    Autor Utz C
    Journal Music Theory Spectrum
    Seiten 179-183
  • 2019
    Titel Form und Sinn in Gustav Mahlers Abschied. Konkurrierende Deutungen in der Geschichte der Mahler-Interpretation; In: Musik im Zusammenhang. Festschrift Peter Revers zum 65. Geburtstag
    Typ Book Chapter
    Autor Utz C
    Verlag Hollitzer
    Seiten 685-722
  • 2018
    Titel Multivalent Form in Gustav Mahlers Lied von der Erde from the Perspective of Its Performance History
    Typ Journal Article
    Autor Utz C
    Journal Musicologica Austriaca
    Link Publikation
  • 2020
    Titel "Ein Kaleidoskop im klassischen Rahmen." Zum Zyklusproblem in György Kurtgs Kafka-Fragmenten.; In: György Kurtg (Musik-Konzepte Sonderband)
    Typ Book Chapter
    Autor Motavasseli M
    Verlag edition text + kritik
    Seiten 255-278
  • 2020
    Titel "() aus mehr oder weniger zerklüfteten Bruchstücken große, weitläufige musikalische Formgebilde () bauen." Klanglich-aufführungspraktische Gestaltung makroformaler Zusammenhänge in Tonaufnahmen von György Kurtgs Kafka-Fragmenten für Sopran und Violine op. 24; In: György Kurtg (Musik-Konzepte Sonderband)
    Typ Book Chapter
    Autor Glaser T
    Verlag edition text + kritik
    Seiten 279-300
  • 2020
    Titel Kontinua aus Diskontinuitäten. Dimensionen der performativen Form in Interpretationen von György Kurtgs Kafka-Fragmenten; In: György Kurtg (Musik-Konzepte Sonderband)
    Typ Book Chapter
    Autor Utz C
    Verlag edition text + kritik
    Seiten 211-254
  • 2020
    Titel Shaping Form: Performances as Analyses of Cyclic Macroform in Arnold Schoenberg's Sechs kleine Klavierstücke, op. 19 (1911), in the Recordings of Eduard Steuermann and Other Pianists
    Typ Journal Article
    Autor Glaser T
    Journal Music Theory Online
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Zur Poetik und Interpretation des offenen Schlusses. Inszenierungen raum-zeitlicher Entgrenzung in der Musik der Moderne
    Typ Journal Article
    Autor Utz C
    Journal Die Musikforschung
    Seiten 324-354
  • 2020
    Titel Gestaltete Form. Interaktion von Mikro- und Makroform in 46 Interpretationen (1925-2018) von Arnold Schönbergs Sechs kleinen Klavierstücken op. 19; In: Aufführung und Interpretation. Aspekte, Perspektiven, Diskussionen zur performativen Expressivität des KClaviers
    Typ Book Chapter
    Autor Utz C
    Verlag Allitera
    Seiten 155-220
  • 2022
    Titel Zur Plastizität verklanglichte Form. Tempo-, Klang- und Formgestaltung in Eduard Steuermanns Einspielungen von Arnold Schönbergs Sechs kleinen Klavierstücken op. 19 im Kontext der Interpretationsgeschichte des Werkes; In: Eduard Steuermann. Musiker und Virtuose
    Typ Book Chapter
    Autor Utz C
    Verlag edition text + kritik
    Seiten 341-413
    Link Publikation
  • 2023
    Titel »[…] aus mehr oder weniger zerklüfteten Bruchstücken große, weitläufige musikalische Formgebilde […] bauen.«: Klanglich-aufführungspraktische Gestaltung makroformaler Zusammenhänge in Tonaufnahmen von György Kurtágs Kafka-Fragmenten für Sopran und Vi
    DOI 10.31751/p.273
    Typ Journal Article
    Autor Glaser T
    Journal GMTH Proceedings
    Seiten 1-1
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Kontinua aus Diskontinuitäten: Dimensionen der performativen Form in Interpretationen von György Kurtágs Kafka-Fragmenten (1985–87)
    DOI 10.31751/p.271
    Typ Journal Article
    Autor Utz C
    Journal GMTH Proceedings
    Seiten 1-1
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Dimensionen des Zyklischen im Lichte von 64 Tonaufnahmen von Schuberts Winterreise aus dem Zeitraum 1928-2019
    Typ Journal Article
    Autor Utz C
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie
    Seiten 341-431
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Exzentrisch geformte Klang-Landschaften: Dimensionen des Zyklischen im Lichte von 106 Tonaufnahmen von Schuberts Winterreise aus dem Zeitraum 1928–2020
    DOI 10.31751/1132
    Typ Journal Article
    Autor Utz C
    Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music
    Seiten 341-421
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Time-Space Experience in Works for Solo Cello by Lachenmann, Xenakis and Ferneyhough: a Performance-Sensitive Approach to Morphosyntactic Musical Analysis
    DOI 10.1111/musa.12076
    Typ Journal Article
    Autor Utz C
    Journal Music Analysis
    Seiten 216-256
    Link Publikation
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2017
    Titel Best Paper Award 2017 - Musicologica Austriaca - Journal for Austrian Music Studies - Austrian Society for Musicology (ÖGMW)
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad National (any country)

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