Augmented Listening: Aufführung, Hörerfahrung und Theoriebildung
Performing, Experiencing and Theorizing Augmented Listening
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
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Musical Performance And Musical Analysis,
Large-Scale Musical Form,
Musical Macroform,
Musical Performance And Perception,
Perception-Sensitive Music Analysis,
Close And Distant Listening,
History Of Musical Performance And Perception
Als Folgeprojekt zu einem wahrnehmungsbezogenen musikanalytischen Ansatz, der im FWF-Projekt Eine kontextsen- sitive Theorie posttonaler Klangorganisation [CTPSO] (201214) entwickelt wurde, konzentriert sich das gegenwärti- ge Projekt Augmented Listening: Aufführung, Hörerfahrung und Theoriebildung [PETAL] auf das Grenzgebiet zwischen musikalischer Analyse und musikalischer Aufführung und baut dabei auf interdisziplinären Forschungsmethoden auf, die hier durch den Begriff augmented listening (Nicholas Cook) bezeichnet werden. Das PETAL-Projekt stellt eine aufführungsbezogene Analyse musikalischer Großform in den Mittelpunkt, indem Strategien ausführender Musike- rInnen zur Interpretation zyklischer Werke systematisch untersucht und kategorisiert werden; dabei wird der Gedan- ke aufgegriffen, dass musikalische Form nicht allein in der Partitur begründet ist, sondern auch in Echtzeit durch einen Interpreten hervorgebracht wird (Robert Hill). Wir führen unterschiedliche Perspektiven auf die wechselseitige Beeinflussung von lokalen und globalen Dimensionen musikalischer Form in ein umfassendes analytisches Modell zusammen; dieses Modell versucht dabei die weit verbreitete Annahme in Frage zu stellen, dass musikalische Groß- form irrelevant für die Wahrnehmung und Aufführung von Musik sei. Unsere Hypothese lautet dagegen, dass unter- schiedliche Aufführungskonzepte in Bezug auf die Großform bei ein und demselben Musikwerk substantielle Auswir- kungen auf die Art und Weise haben können, wie diese Form erfahren oder analysiert wird. Die am Projekt mitwirkenden ForscherInnen werden eine Reihe bekannter Werkzyklen aus dem Solo-Klavier- und Lied-Repertoire des 18. bis 20. Jahrhunderts untersuchen, darunter komplexe Zyklen wie Bachs Goldberg Varia- tions, Beethovens Diabelli Variations oder Kurtgs Kafka-Fragmente. Dabei folgen wir einer dreigliedrigen For- schungsstrategie: (1) Umfassende Forschungen zu historischen Quellen in Bezug auf das Verhältnis zwischen formbe- zogener Analyse und Aufführungspraxis zielen auf eine Einbeziehung historischer Dimensionen von musikalischem Hören und musikpraktischer Interpretation in das Projektmodell. (2) Eine Studie musikalischer Aufnahmen und ver- wandter Quellen dokumentiert eine umfassende Aufführungs- und Aufnahmegeschichte des ausgewählten Reper- toires und wendet dabei eine Kombination von computergestützten und qualitativen Forschungsmethoden an. (3) Neue, innovative dialogische Formen der Forschung werden in einer Reihe von drei interaktiven Workshops entwi- ckelt, in denen PETAL-ForscherInnen, kooperierende MusikerInnen und MusikologInnen sowie HörerInnen mit und ohne Fachwissen ihre Perspektiven auf das Repertoire einbringen. Aufführung und Analyse werden dabei eng inei- nander verwoben und es wird mit unterschiedlichen Aufführungs- und Hörmodellen experimentiert. Die drei Workshops werden durch Video- und Audiomitschnitte sowie durch Texttranskriptionen dokumentiert. Diese Dokumentationen werden vor dem Hintergrund der Ergebnisse aus den anderen beiden Bereichen interpre- tiert, wobei die Verknüpfung der Bereiche durch eine Datenbank mittels Schlagworten und Metadaten erleichtert wird. Die Forschungsergebnisse werden über eine Projektwebseite, eine Reihe von begutachteten Artikeln in Fach- zeitschriften (Open Access), zwei Monographien, eine Aufsatzsammlung und einige annotierte Partiturausgaben kommuniziert.
Das Projekt PETAL strebte an, mittels einer Verknüpfung quantitativer und qualitativer Methoden, zusammengefasst im Konzept des "augmented listening" (Nicholas Cook), das Feld von musikalischer Analyse und Aufführung auszuleuchten. In den Mittelpunkt rückte eine aufführungsbezogene Analyse musikalischer Großform, indem Strategien ausführender Musiker*innen zur Interpretation zyklischer Werke systematisch untersucht und kategorisiert wurden. Dabei wurde der Gedanke aufgegriffen, dass musikalische Form nicht allein in der Partitur begründet ist, sondern auch "in Echtzeit" (R. Hill) durch Interpret*innen mittels einer spezifischen Disposition von Tempo, Dynamik, Artikulation etc. hervorgebracht wird. Diesen Gedanken weitergedacht könnte eine Folgerung lauten, dass musikalische Form sich letztlich erst im Moment der Aufführung konstituiere. Gleichwohl haben wir den musikalischen Text und die klingende(n) Interpretation(en) als maßgebliche Repräsentationsformen eines Musikwerks betrachtet. Ziel war es nicht, Aufführungen bloß als verschiedene Interpretationen eines fixierten Notentexts miteinander zu vergleichen oder Werturteile über sie abzugeben, sondern vielmehr die Eigenständigkeit einer klingenden Interpretation in Bezug auf die schriftliche Vorlage hervorzuheben. Wir haben Korpusstudien zu zyklischen Werken des Soloklavier- und Liedrepertoires des 18. bis 20. Jahrhunderts angestrengt, darunter so komplexe Zyklen wie Bachs "Goldberg-Variationen", Beethovens "Diabelli-Variationen", Schuberts Winterreise, Mahlers Lied von der Erde, Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke op. 19 und Kurtgs Kafka-Fragmente für Sopran und Violine op. 24. Zur Anwendung gelangte ein dreigliedriger methodischer Ansatz: 1. Forschungen zu Sekundärquellen über das Verhältnis von Analyse der musikalischen Großform und Aufführungspraktiken; 2. Auf der Kombination von quantitativen (computergestützten) und qualitativen Methoden basierende Untersuchungen von Tonaufnahmen mit dem Ziel, die Aufführungs- und Aufnahmegeschichte der genannten Werke umfassend zu dokumentieren; 3. Dialogische Formen von Aufführungsforschung in einer Serie von interaktiven Workshops, um den Austausch zwischen Forscher*innen und ausführenden Musiker*innen auf eine neue Stufe zu heben (einschließlich Hörer*innen mit und ohne Expert*innenwissen) Forschungsleitend war die Hypothese, dass unterschiedliche Aufführungskonzepte in Bezug auf die Großform bei ein und demselben Musikwerk substantielle Auswirkungen auf die Art und Weise haben können, wie diese Form (klingend) erfahren und (theoretisch) analysiert wird, und diese Konzepte aufführungspraktisch ebenso merkliche Konsequenzen zeitigen können. Unsere Forschung versuchte so, den Nachweis zu führen, dass praktische, klingende Interpretationen vollgültige Analysen eines Werks darstellen.
- Markus Neuwirth, Anton Bruckner Privatuniversität , nationale:r Kooperationspartner:in
- Danielle Sofer, Maynooth College - Irland
- Edward Klorman, McGill University - Kanada
- John Rink, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
- Mine Dogantan-Dack, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 10 Zitationen
- 25 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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Titel Dimensionen des Zyklischen im Lichte von 64 Tonaufnahmen von Schuberts Winterreise aus dem Zeitraum 1928-2019 Typ Journal Article Autor Utz C Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie -
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Titel Der Abschied als Telos. Herbert von Karajans Einspielungen des Lied von der Erde im Kontext der Mahler-Interpretation der 1950er bis 70er Jahre; In: Musikalische Interpretation bei Herbert von Karajan Typ Book Chapter Autor Utz C Verlag Olms -
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Titel "'Intellektuelles' Musizieren gegen 'spontanes', musikantisches []" - Schönbergs Phantasy for Violin with Piano Accompaniment op. 47 in den Einspielungen mit Kolisch und Steuermann; In: Eduard Steuermann. Musiker und Virtuose Typ Book Chapter Autor Glaser T Verlag edition text + kritik -
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Titel Zur Plastizität verklanglichte Form. Tempo-, Klang- und Formgestaltung in Eduard Steuermanns Einspielungen von Arnold Schönbergs Sechs kleinen Klavierstücken op. 19 im Kontext der Interpretationsgeschichte des Werkes; In: Eduard Steuermann. Musiker und Virtuose Typ Book Chapter Autor Utz C Verlag edition text + kritik -
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Titel Die zyklische Anlage der Goldberg-Variationen und ihre (Neu-)Deutungen in der Interpretationsgeschichte: Analyse in Echtzeit? Typ Journal Article Autor Motavasseli M Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie -
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Titel Beethovens 33 Veränderungen über einen Walzer von A. Diabelli op. 120: Formgestaltung aus aufführungspraktischer Perspektive Typ Journal Article Autor Glaser T Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie -
2021
Titel Formgestaltung aus aufführungspraktischer Perspektive: Zur Interpretationsgeschichte von Beethovens 33 Veränderungen über einen Walzer von A. Diabelli op. 120 DOI 10.31751/1128 Typ Journal Article Autor Glaser T Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music Seiten 253-285 Link Publikation -
2021
Titel Interpretation of Cyclic Form in Bach’s “Goldberg Variations” through Performance History DOI 10.31751/1119 Typ Journal Article Autor Motavasseli M Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music Seiten 19-69 Link Publikation -
2021
Titel Editorial DOI 10.31751/1118 Typ Journal Article Autor Glaser T Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music Seiten 5-16 Link Publikation -
2021
Titel Using Linear Mixed-Effects Models to Analyze Historical Trends in Performance Strategies: Commentary on Majid Motavasseli’s Article “Interpretation of Cyclic Form in Bach’s ‘Goldberg Variations’ through Performance History” DOI 10.31751/1120 Typ Journal Article Autor Gingras B Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music Seiten 71-77 Link Publikation -
2019
Titel Performative Analysis: Reimagining Music Theory for Performance. By Jeffrey Swinkin DOI 10.1093/mts/mtz001 Typ Journal Article Autor Utz C Journal Music Theory Spectrum Seiten 179-183 -
2019
Titel Form und Sinn in Gustav Mahlers Abschied. Konkurrierende Deutungen in der Geschichte der Mahler-Interpretation; In: Musik im Zusammenhang. Festschrift Peter Revers zum 65. Geburtstag Typ Book Chapter Autor Utz C Verlag Hollitzer Seiten 685-722 -
2018
Titel Multivalent Form in Gustav Mahlers Lied von der Erde from the Perspective of Its Performance History Typ Journal Article Autor Utz C Journal Musicologica Austriaca Link Publikation -
2020
Titel "Ein Kaleidoskop im klassischen Rahmen." Zum Zyklusproblem in György Kurtgs Kafka-Fragmenten.; In: György Kurtg (Musik-Konzepte Sonderband) Typ Book Chapter Autor Motavasseli M Verlag edition text + kritik Seiten 255-278 -
2020
Titel "() aus mehr oder weniger zerklüfteten Bruchstücken große, weitläufige musikalische Formgebilde () bauen." Klanglich-aufführungspraktische Gestaltung makroformaler Zusammenhänge in Tonaufnahmen von György Kurtgs Kafka-Fragmenten für Sopran und Violine op. 24; In: György Kurtg (Musik-Konzepte Sonderband) Typ Book Chapter Autor Glaser T Verlag edition text + kritik Seiten 279-300 -
2020
Titel Kontinua aus Diskontinuitäten. Dimensionen der performativen Form in Interpretationen von György Kurtgs Kafka-Fragmenten; In: György Kurtg (Musik-Konzepte Sonderband) Typ Book Chapter Autor Utz C Verlag edition text + kritik Seiten 211-254 -
2020
Titel Shaping Form: Performances as Analyses of Cyclic Macroform in Arnold Schoenberg's Sechs kleine Klavierstücke, op. 19 (1911), in the Recordings of Eduard Steuermann and Other Pianists Typ Journal Article Autor Glaser T Journal Music Theory Online Link Publikation -
2020
Titel Zur Poetik und Interpretation des offenen Schlusses. Inszenierungen raum-zeitlicher Entgrenzung in der Musik der Moderne Typ Journal Article Autor Utz C Journal Die Musikforschung Seiten 324-354 -
2020
Titel Gestaltete Form. Interaktion von Mikro- und Makroform in 46 Interpretationen (1925-2018) von Arnold Schönbergs Sechs kleinen Klavierstücken op. 19; In: Aufführung und Interpretation. Aspekte, Perspektiven, Diskussionen zur performativen Expressivität des KClaviers Typ Book Chapter Autor Utz C Verlag Allitera Seiten 155-220 -
2022
Titel Zur Plastizität verklanglichte Form. Tempo-, Klang- und Formgestaltung in Eduard Steuermanns Einspielungen von Arnold Schönbergs Sechs kleinen Klavierstücken op. 19 im Kontext der Interpretationsgeschichte des Werkes; In: Eduard Steuermann. Musiker und Virtuose Typ Book Chapter Autor Utz C Verlag edition text + kritik Seiten 341-413 Link Publikation -
2023
Titel »[…] aus mehr oder weniger zerklüfteten Bruchstücken große, weitläufige musikalische Formgebilde […] bauen.«: Klanglich-aufführungspraktische Gestaltung makroformaler Zusammenhänge in Tonaufnahmen von György Kurtágs Kafka-Fragmenten für Sopran und Vi DOI 10.31751/p.273 Typ Journal Article Autor Glaser T Journal GMTH Proceedings Seiten 1-1 Link Publikation -
2023
Titel Kontinua aus Diskontinuitäten: Dimensionen der performativen Form in Interpretationen von György Kurtágs Kafka-Fragmenten (1985–87) DOI 10.31751/p.271 Typ Journal Article Autor Utz C Journal GMTH Proceedings Seiten 1-1 Link Publikation -
2021
Titel Dimensionen des Zyklischen im Lichte von 64 Tonaufnahmen von Schuberts Winterreise aus dem Zeitraum 1928-2019 Typ Journal Article Autor Utz C Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie Seiten 341-431 Link Publikation -
2021
Titel Exzentrisch geformte Klang-Landschaften: Dimensionen des Zyklischen im Lichte von 106 Tonaufnahmen von Schuberts Winterreise aus dem Zeitraum 1928–2020 DOI 10.31751/1132 Typ Journal Article Autor Utz C Journal Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie [Journal of the German-speaking Society of Music Seiten 341-421 Link Publikation -
2016
Titel Time-Space Experience in Works for Solo Cello by Lachenmann, Xenakis and Ferneyhough: a Performance-Sensitive Approach to Morphosyntactic Musical Analysis DOI 10.1111/musa.12076 Typ Journal Article Autor Utz C Journal Music Analysis Seiten 216-256 Link Publikation
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2017
Titel Best Paper Award 2017 - Musicologica Austriaca - Journal for Austrian Music Studies - Austrian Society for Musicology (ÖGMW) Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country)