Die Aschacher Mautprotokolle (1706-1740): Datenbank und Analyse
The Toll Registers of Aschach (1706-1740): Database and Analysis
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (66%); Wirtschaftswissenschaften (34%)
Keywords
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Toll Registers,
Austrian History,
Economic History,
Central European History,
History of Trade,
History of Transport
Der Austausch von Waren ist ein wesentliches Kennzeichen menschlicher Kultur aller Epochen. In den langen Jahrhunderten vor der technischen Revolution der Eisenbahn waren Landverbindungen überwiegend in schlechtem Zustand und besonders für den Transport von Massenwaren und schweren Gütern wenig geeignet. Wo es die naturräumlichen und politischen Bedingungen ermöglichten, kam daher der See- wie auch der Binnenschifffahrt eine herausragende Rolle zu. Die technische Entwicklung korrespondierte mit der staatlichen: Die frühmodernen Territorien Mitteleuropas kannten bis weit in das 18. Jahrhundert keine statistische Erfassung von Wirtschaftsdaten. Für die Geschichtswissenschaft stellen daherdieRekonstruktion vonWarenströmen und Handelskonjunkturen, von Konsumgewohnheiten etwa der Integration von Kolonialwaren wie Schokolade, Kaffee oder Tee in den Speiseplan oder die Identifikation der Träger von Handel und Transport (Schiffsführer und Kaufleute) große Herausforderungen dar. Den besten Zugang zur Erforschung des Güterverkehrs bieten sog. Mautregister (Mautprotokolle). In solchen Rechnungsbüchern der zahlreichen Mautstellen in der Vormoderne nichts anderes als Zollstationen wurden die Frächter, die von ihnen transportierten Güter, deren Besitzer aber auch die beförderten Passagiere vermerkt. Eine herausragende Serie solcher Rechnungsbücher bilden die Protokolle der Maut zu Aschach in Oberösterreich, von denen für den Zeitraum von 1627 bis 1775 194 Bände erhalten sind. In Aschach hatten die auf der Donau, dem wichtigsten Verkehrsweg im süddeutsch-österreichischen Raum, verkehrenden Fahrzeuge Abgaben zu leisten. Mit den in den Mautprotokollen enthaltenen Informationen kann daher der Warenverkehr zwischen den österreichischen Donauländern und den angrenzenden Regionen rekonstruiert werden. Angeschlossen an das Verkehrsnetz der Donau und ihrer Nebenflüsse waren sowohl bedeutende Handels- und Gewerbestädte wie Ulm, Augsburg oder Linz, Gewerbe- und Agrarregionen wie etwa das ober- und niederösterreichische Eisenrevier oder die niederösterreichischen Weinbaugebiete sowie die alles überragende Konsumptionsstadt Wien. Über Hall in Tirol war der Donauraum mit Italien verbunden, während vor allem in Regensburg Waren aus Übersee und Osteuropa umgeschlagen wurden. Das Projekt Der Donauhandel erschließt die Aschacher Mautprotokolle von 1706 bis 1740 über eine frei zugängliche Online-Datenbank. Damit kann diese für Österreich einzigartige Quelle erstmals nach den darin verzeichneten Schiffsbewegungen, Personen, Waren und Orten durchsucht und für einen Zeitraum von dreieinhalb Jahrzehnten wissenschaftlich ausgewertet werden. Das umfangreiche Datenmaterial aus Aschach erlaubt eine differenzierte Analyse ökonomischer Konjunkturen, des realen Handelsaufkommens sowie der an Handel und Transport beteiligten Personen.
Ziel des Projekts war die Erschließung der Rechnungsbücher der Donaumaut im oberösterreichischen Aschach mit Hilfe einer online zugänglichen Datenbank. Darüber hinaus wurden auf Basis der in den Büchern enthaltenen Informationen Forschungen zur vormodernen Handelsgeschichte vorgelegt. In den Jahrhunderten vor Eisenbahn und LKW bildeten Wasserstraßen die wichtigsten Verkehrsrouten. Flüsse boten die Möglichkeit, wesentlich ökonomischer Güter von einem Ort zum anderen zu befördern als auf den schlecht ausgebauten Landstraßen. Die für den Zeitraum von ca. 1670 bis Mitte der 1760er Jahre dicht überlieferten Jahresrechnungen der Aschacher Mautstation bilden die wichtigste Quelle zur Geschichte des Gütertransports im österreichischen Donauraum und den daran angrenzenden Regionen. Sie enthalten detaillierte Informationen zu den auf der Donau tätigen Schiff- und Floßmeistern, zu den von ihnen betriebenen Wasserfahrzeugen sowie zu den darauf transportierten Gütern und Personen. Die Ladungslisten der Fahrzeuge geben Aufschluss über Art und Umfang der gehandelten Güter, wichtige Transportzentren, den regionalen Verkehr ebenso wie über die Integration des Donauhandels in globale Wirtschaftsbeziehungen. Durch die dichte Überlieferung der Rechnungsbücher können Handelskonjunkturen, Änderungen im Konsumverhalten der Bevölkerung oder die Einführung neuer Produkte in den zentraleuropäischen Markt ermittelt werden. In der Datenbank wurden für den Zeitraum 1706 bis 1740 ca. 84.500 Passagen von Wasserfahrzeugen durch die Aschacher Maut, auf denen ca. 364.500 Einzelladungen transportiert wurden, verzeichnet. Klar erkennbar ist die Rolle von Hall in Tirol als Knotenpunkt des Gütertransports vom Mittelmeer in den nordalpinen Raum. Typische Güter aus Italien waren etwa (Süd)Früchte, Olivenöl oder Seidenstoffe. Der regionale Handel war geprägt von einzelnen Gewerberegionen wie der Nürnberger Buchproduktion, den Augsburger Silberwaren, dem oberösterreichischen Leinengewerbe oder der Baumwollverarbeitung in Hallein im Erzstift Salzburg, um nur einige Beispiele zu nennen. Nicht zuletzt für die barocken Schloss- und Klosterbauten und für den Ausbau der rasant wachsenden Stadt Wien wurden große Mengen an Holz, Steinen und andere Baumaterialien donauabwärts transportiert. Die Knoten zum Welthandel bildete Regensburg, wo Güter aus Nord- und Osteuropa, Amerika und Asien auf die Donau umgeladen und auf die Märkte nach Linz, Krems und Wien verschifft wurden. Exportprodukte aus Österreich waren vor allem Wein aus Niederösterreich sowie Eisen- und Stahlwaren. Neben dem Gütertransport verzeichnen die Aschacher Mautrechnungen auch den Personenverkehr. Abgesehen von namentlich genannten Personen wie beispielsweise ausländischen Botschaftern wurden besonders Personengruppen wie Wallfahrer oder deutsche Auswanderer nach Ungarn registriert. Eine besondere Rolle spielten jüdische Personen, die neben ihren Waren auch für sich selbst den diskriminierenden "Leibzoll" bezahlen mussten. Begleitend zur Erschließung der Rechnungsbücher führte das Projektteam Forschungen zum Buch- und Weinhandel, zur Rolle von Wiener, Linzer, Regensburger oder jüdischen Kaufleuten im Donauhandel oder zu den türkisch-deutschen bzw. bayerisch-österreichischen Handelbeziehungen durch. Weitere Informationen sind auf der Projektwebsite https://donauhandel.univie.ac.at/ zu finden.
- Karlheinz Mörth, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 7 Publikationen
- 4 Disseminationen
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2021
Titel Juden auf der Oberen Donau: Transport und Verkehr im Österreich des frühen 18. Jahrhunderts Typ Journal Article Autor Rauscher P Journal Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden Seiten 123-149 Link Publikation -
2021
Titel Habsburgischer Protektionismus und deutsch-türkische Handelsbeziehungen im Raum der Oberen Donau zwischen dem Frieden von Passarowitz und dem Frieden von Belgrad (1718-1739). Eine Analyse der Aschacher Mautprotokolle Typ Conference Proceeding Abstract Autor Rauscher P Konferenz Neuaufbau im Donauraum nach der Türkenzeit. Wissenschaftliche Konferenz anlässlich des 300-jährigen Jubiläums des Passarowitzer Friedens Seiten 81-105 Link Publikation -
2019
Titel Weinhandel im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit; In: Wein in Österreich. Die Geschichte Typ Book Chapter Autor Rauscher P Verlag Brandstätter Seiten 10 -
2019
Titel Gehandeltes Wissen - Der Buchtransport auf der Donau in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Spiegel der Aschacher Mautprotokolle Typ Other Autor Donabaum S Link Publikation -
2019
Titel Weinkonsum in der Ständegesellschaft (spätes Mittelalter bis 18. Jahrhundert); In: Wein in Österreich. Die Geschichte Typ Book Chapter Autor Rauscher P Verlag Brandstätter Seiten 11 -
2022
Titel Büchertransport auf der Donau - Das Potential der Aschacher Mautprotokolle als Quelle der Buchforschung Typ Journal Article Autor Donabaum S. Journal Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich Seiten 27-50 Link Publikation -
2022
Titel Zur kay. Hofstatts Notturfttn nacher Wienn. Der Gütertransport auf der Donau für den kaiserlichen Hof in Wien im frühen 18. Jahrhundert Typ Other Autor Fritsch U. Link Publikation