Der Beitrag nicht-manueller Elemente zur Syntax der ÖGS
The Interplay of Nonmanuals and Clauses in ÖGS Texts
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Austrian Sign Language (ÖGS),
Corpus,
Syntax,
Usage-based perspective,
Nonmanuals,
Gesture
Die Gebärdensprachforschung wandte sich in den letzten Jahren verstärkt den sprachlichen und gestischen Funktionen nicht-manueller Elemente zu. In der Forschung zur Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) zeigen erste Untersuchungen, dass nicht-manuelle Elemente als Grenzsignale zur Segmentation des prosodischen Gebärdenflusses und als Signale zum Gesprächsrollenwechsel verwendet werden. Eine Studie zu Kopf- und Körperbewegungen ergibt, dass nicht-manuelle Elemente auch zur Satz- und Textstrukturierung beitragen können. Das Folgeprojekt widmet sich nun der Rolle nicht-manueller Elemente in der Syntax der ÖGS. Einheiten mit Satzstatus und die in ihnen vorkommenden nicht-manuellen Elemente sollen von mehreren gehörlosen InformantInnen annotiert werden. Deren Auswertung sowie die grammatische Analyse werden die Grundlage für ein Modell zur Beschreibung nicht-manueller Elemente in ÖGS bieten, welches die Spezifizierung der Bedeutung und dieser nicht-manuellen Elemente und ihre Einbindung in die syntaktische Struktur darstellen soll. Hypothesen: Bestimmte nicht-manuelle Elemente treten regelmäßigin bestimmtensyntaktischen Konstruktionen auf. Die jeweilige Gesamtheit aller Vorkommnisse der einzelnen nicht-manuellen Elemente besitzt eine breitere Bedeutung, welche durch sprachliche und pragmatische Mittel sowie den Kontext im Diskurs spezifiziert wird. Ein grammatisches Modell für die Verwendung dieser nicht-manuellen Elemente kann entwickelt werden. Einem empirisch-induktiven Ansatz zufolge wird ein umfassender ÖGS-Korpus aufgebaut. In einer Auswahl an verschieden Diskursen aus diesem Korpus werden Einheiten mit Satzstatus von gehörlosen InformantInnen segmentiert und deren Bedeutung mittels Paraphrase in der ÖGS und Beschreibung potentieller Funktionen wiedergegeben. Auch werden Form und Bedeutung nicht- manueller Elemente, welche diese Einheiten begleiten, beschrieben. Die Auswertung und grammatische Analyse wird zeigen, in welchen syntaktischen Konstruktionen welche nicht-manuellen Elemente auftreten, inwiefern diese Elemente obligatorisch sind, und welche Komplexität syntaktische Strukturen hinsichtlich der syntaktischen Kodierung mittels nicht-manueller Elemente zeigen. Schließlich soll ein Modell zur grammatischen Beschreibung nicht-manueller Elemente aus dem Projekt hervorgehen. Innovationen: Ausbau eines bestehenden ÖGS-Korpus, Anwendung eines neuartigen methodischen Ansatzes zur Identifikation und Analyse nicht- manueller Elemente, Entwicklung eines grammatischen Modells zur Beschreibung nicht-manueller Elemente, welches sowohl die sprachspezifische sequentiell-simultane Satzstruktur als auch die ikonische und konzeptuell-metaphorische Produktivität von Gebärdensprachen darstellt; Die Arbeit in einem bilingualen und bikulturellen Team sichert die Validität der Ergebnisse.
Im Projekt "Der Beitrag nicht-manueller Elemente zur Syntax der ÖGS" wurde die Rolle nicht-manueller Elemente - das sind Bewegungen des Gesichtsfeldes, Kopfes und Körpers, die eine Sprachfunktion innehaben - in Einheiten mit Satzstatus in der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) untersucht. Die Sprachanalyse basierte auf natürlichen, gebärdensprachlichen Diskursen, die im Rahmen der Erweiterung des ÖGS-Korpus (der derzeit 49 gehörlose Muttersprachler*innen umfasst) mit Annotationen und Metadaten versehen wurden. In einem innovativen, empirisch-induktiven Ansatz wurden von gehörlosen Muttersprachler*innen Einheiten mit Satzstatus und nicht-manuelle Elemente (anhand einer Parameterliste) bestimmt und im Anschluss den damit assoziierten semantisch-propositionalen, diskurs-pragmatischen und/oder interaktiven Funktionen zugeschrieben. Diese konnten aus einer Liste möglicher Funktionen ausgewählt werden, die auf einer Unterteilung in kognitiv-funktionale Domänen beruhen. Die Ergebnisse zeigen: (1) Gehörlose Muttersprachler*innen assoziieren bestimmte Funktionen mit einzelnen nicht-manuellen Elementen. Diese nicht-manuellen Elemente treten regelmäßig (aber nicht immer) in bestimmten syntaktischen Konstruktionstypen auf. (2) In solchen syntaktischen Konstruktionen können mehrere nicht-manuelle Elemente auftreten, die (i) dieselbe Funktion innehaben, (ii) eine andere Funktion ausfüllen, aber tendenziell in denselben Konstruktionstypen auftreten oder (iii) eine andere Funktion besitzen, die eine semantisch/pragmatische Kontiguität zu den gleichzeitig auftretenden nicht-manuellen Elementen aufweist. (3) Auch wenn sich in den Korpusdaten eine hohe Varianz an nicht-manuellen Elementen in einzelnen syntaktischen Konstruktionstypen zeigt, assoziieren gehörlose Muttersprachler*innen dieselben oder ähnliche Funktionen mit den auftretenden nicht-manuellen Elementen. (4) In Bezug auf eine erwartete Konstanz und Frequenz des Auftretens bestimmter nicht-manueller Elemente in bestimmten syntaktischen Konstruktionen, zeigt sich, dass andere nicht-manuelle Elemente tendenziell dann in Erscheinung treten, wenn zu erwartende nicht-manuelle Elemente nicht auftreten. Die Korpusdaten zeigen beispielsweise, dass negierten Satzkonstruktionen auch dann eine negierende Funktion zugeschrieben wird, wenn sie von keinem zu erwartendem Kopfschütteln begleitet werden. In solchen Konstruktionen treten stattdessen tendenziell andere nicht-manuelle Elemente, wie beispielsweise ein Hinunterziehen der Mundwinkel, auf. Die Auswertung anhand einer gebrauchsorientierten (usage-based) und auf Apperzeption gehörloser Muttersprachler*innen basierten (user-based) Sprachbeschreibung zeigt, dass die Ergebnisse unseres Modells, das sowohl die sprachspezifisch sequentiell-simultane Satzstruktur wie auch die ikonische und konzeptuell-metaphorische Produktivität von Gebärdensprachen darstellt, eine funktionale Sprachbeschreibung stützen. Die jeweilige Gesamtheit aller Vorkommnisse der einzelnen nicht-manuellen Elemente in den unterschiedlichen Satzkonstruktionstypen zeigt, dass nicht-manuelle Elemente einer Bedeutungsspezifizierung durch sprachliche und semantisch-pragmatische Mittel sowie durch den Kontext im Diskurs unterliegen, aber auch dem stetigen Sprachgebrauch gehörloser Muttersprachler*innen. Die Arbeit in einem bilingualen/bikulturellen und interdisziplinären Team aus Sprachwissenschaftler*innen, Tranlationswissenschaftler*innen, IT-Expert*innen und Studierenden der Sprach- und Translationswissenschaft sicherte die Validität der Ergebnisse, bot jungen Wissenschaftler*innen die Einbindung in die ÖGS-Forschung und verstärkte die Zusammenarbeit zwischen Forschungs- und Gehörlosengemeinschaft. Der internationale Workshop "SignNonmanuals" in Graz (2019) förderte die nationale und internationale Reputation der ÖGS Forschung sowie die Intensivierung der internationalen Zusammenarbeit.
- Universität Graz - 70%
- Universität Klagenfurt - 30%
- Marlene Hilzensauer, Universität Klagenfurt , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Jens Hessmann, Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) - Deutschland
- Martje Hansen, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
- Christian Rathmann, Universität Hamburg - Deutschland
- Jette Hedegaard Kristoffersen, Centre for Sign Language - Dänemark
- Connie De Vos, Max-Planck-Gesellschaft - Niederlande
- Onno Crasborn, Radboud University Nijmegen - Niederlande
- Penny Boyes Braem, Sonstige Forschungs- oder Entwicklungseinrichtungen - Schweiz
Research Output
- 9 Zitationen
- 19 Publikationen
- 3 Datasets & Models
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2021
Titel Hände aus dem Dolmetschfokus. Eine qualitative Studie zu Schwierigkeiten von Studierenden beim Dolmetschen von Nonmanuals der Österreichischen Gebärdensprache. [Out of interpreters hands. Challenges Nonmanuals present for Austrian Sign Language interpreting students: A qualitatively driven study.] Typ Other Autor Raffer L Link Publikation -
2021
Titel Gebärdensprachlicher Diskurs: Narrative Kompetenzen gehörloser Kinder in der Österreichischen Gebärdensprache. [Sign Language Discourse: Narrative Competences of Deaf Children in Austrian Sign Language.] Typ Other Autor Frank V Link Publikation -
2021
Titel Sign Languages' Nonmanuals. Linguistic contributions from the international sign language workshop on nonmanuals and other sign language related issues held at the University of Graz in May 2019 Typ Book Autor Lackner A editors Lackner A Verlag Grazer Linguistische Studien Link Publikation -
2021
Titel Language is an "activity of the whole body": A memorial to Franz Dotter Typ Journal Article Autor Lackner A Journal Grazer Linguistische Studien Seiten 225-259 Link Publikation -
2021
Titel Nonmanuals in sign languages: a research desideratum Typ Journal Article Autor Lackner A Journal Grazer Linguistische Studien Seiten 1-27 Link Publikation -
2019
Titel Austrian Sign Language (ÖGS) Corpus Annotation / Annotation des ÖGS-Korpus Typ Other Autor Graf I -
2019
Titel Deaf annotators' associations with 'head forward' in Austrian Sign Language Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lackner A Konferenz TISLR13 - Theoretical Issues in Sign Language Research Seiten 308-309 -
2019
Titel The nonmanuals-gesture-interface: An emic approach for evaluating the status of nonmanuals by sign language users Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lackner A Konferenz Gesture-Sign Workshop Prague 2019. Converging the perspectives on theories, methods, and applications Seiten 42 -
2019
Titel Describing nonmanuals by using an emic, functional approach Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lackner A Konferenz SignNonmanuals Workshop 2. Graz, 3 - 4 May 2019 -
2019
Titel Lexicon-based analysis of hand configurations Typ Conference Proceeding Abstract Autor Riemer Kankkonen N Konferenz SignNonmanuals Workshop 2. Graz, 3 - 4 May 2019 -
2019
Titel Describing Nonmanuals in Sign Language Typ Journal Article Autor Lackner A Journal Grazer Linguistische Studien Seiten 45-103 Link Publikation -
2018
Titel Most Characteristic Elements of Sign Language Texts Are Intricate Mixtures of Linguistic and Non-linguistic Parts, Aren't They? Typ Journal Article Autor Dotter F Journal Colloquium - New Philologies Seiten 1-62 Link Publikation -
2017
Titel Functions of Head and Body Movements in Austrian Sign Language DOI 10.1515/9781501507779 Typ Book Verlag De Gruyter Link Publikation -
2017
Titel Tense; In: SignGram Blueprint. A Guide to Sign Language Grammar Writing Typ Book Chapter Autor Kristoffersen J Verlag De Gruyter Mouton Seiten 558-562 -
2017
Titel Plurality and Number; In: SignGram Blueprint. A Guide to Sign Language Grammar Writing Typ Book Chapter Autor Kristoffersen J Verlag De Gruyter Mouton Seiten 600-603 -
2017
Titel Possession; In: SignGram Blueprint. A Guide to Sign Language Grammar Writing Typ Book Chapter Autor Kristoffersen J Verlag De Gruyter Mouton Seiten 613-621 -
2017
Titel Register and Politeness; In: SignGram Blueprint. A Guide to Sign Language Grammar Writing Typ Book Chapter Autor Kristoffersen J Verlag De Gruyter Mouton Seiten 775-779 -
2017
Titel Modality; In: SignGram Blueprint. A Guide to Sign Language Grammar Writing Typ Book Chapter Autor Lackner A Verlag De Gruyter Mouton Seiten 572-577 -
2017
Titel Communicative Interaction; In: SignGram Blueprint. A Guide to Sign Language Grammar Writing Typ Book Chapter Autor Lackner A Verlag De Gruyter Mouton Seiten 766-774
-
0
Link
Titel ÖGS-L2 Korpus. Korpus von L2-Lerner*innen der Österreichischen Gebärdensprache / L2 Corpus ÖGS. Austrian Sign Language second language learner corpus Typ Database/Collection of data Link Link -
0
Link
Titel ÖGS-Korpus. Korpus der Österreichischen Gebärdensprache / Corpus ÖGS. Austrian Sign Language Corpus. Typ Database/Collection of data Link Link -
0
Link
Titel ÖGS-Korpus Kindersprache. Aufnahmen mit Kindern in Österreichischer Gebärdensprache. / Children Corpus ÖGS. Corpus of children using Austrian Sign Language. Typ Database/Collection of data Link Link
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2019
Titel The Contribution of Nonmanuals to Clauses in Austrian Sign Language (ÖGS). Describing Nonmanuals by Using an Emic, Functional Approach. Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2018
Titel Annotation und Analyse nicht-manueller Elemente im gebärdeten Diskurs. Ein funktionaler Ansatz zur Sprachbeschreibung der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) aus Sicht gehörloser MuttersprachlerInnen. Zürich. Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International