Arbeitsplatzabhängiges Wohnen im (post-)kolonialen Afrika
Employment-tied Housing in (post)colonial Africa
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
Employment-Tied Housing,
Language Usage,
Colonial And Development Policies,
Governance,
Disciplining Of African Citizens,
Agency In Urban Settings
Die Dekaden unmittelbar vor und nach der Unabhängigkeit zeichneten sich durch eine bis dahin noch nie dagewesene Nachfrage nach Wohnraum aus. Wohnen blieb seither ein drängendes Anliegen von Urbanisierung und ein relevantes Schlüsselthema der kolonialen und postkolonialen Geschichte Afrikas. Übergreifende Zielsetzung des Forschungsvorhabens bildet die Untersuchung dessen, wie arbeitsplatzabhängiges Wohnen zwischen den 1940er und 1970er Jahren als Instrument kolonialer Imperien (und später der unabhängigen afrikanischen Staaten) diente, um Machtausübung über Gesellschaften zu planen und koloniale Subjekte (später StaatsbürgerInnen) zu disziplinieren. Dazu verwenden wir drei unterschiedliche analytische Ebenen: Handlungsmacht (agency), Sprachverwendung (language usage) und Governance. Herausgearbeitet wird dabei, wer in das arbeitsplatzabhängige Wohnen involviert war, zu welchen kommunikativenMitteln die eingebundenen Akteure griffen und wie eine Reihe von Regeln und Entscheidungen im Zusammenhang mit arbeitsplatzabhängigem Wohnen Veränderungen von Machtbeziehungen schufen. Die Unterbringung von Arbeitern repräsentierte innerhalb der kolonialen Landschaft das am weitesten verbreitete Bauelement und dominierte die Gestaltung des kulturellen urbanen Raums. Drei Fallstudien (Livingstone, Lubumbashi, Thika) dienen dabei als Lupe, um die sich permanent wandelnden Spannungen und Beziehungen zwischen Staat, Hauptarbeitgebern und Gesellschaft zu ergründen. Wir werden den Fokus auf mittelfristige Veränderungen und Kontinuitäten der Wohnverhältnisse von Männern und Frauen legen, die in der Bergbauindustrie, der kommerziellen Landwirtschaft oder als Schreibkräfte/Büroangestellte in der Lokalverwaltung lebten und arbeiteten. Das Projekt zeichnet sich durch gelebte Interdisziplinarität aus. Als ForscherInnengruppe aus unterschiedlichen Disziplinen können wir auf ein breites Spektrum von Expertise, Erfahrungen und Methoden zurückgreifen: a) einen sozio-historisch orientierten rekonstruierenden Zugang; b) auf Sprach-, Diskurs- und Bildanalyse; und c), auf Oral History und qualitative Interviews. Dieses Projekt ist höchst innovativ und verfügt durch die Verknüpfung von Fragen des Wohnens mit solchen der Regierungskontrolle über ein bedeutendes Potential, um der internationalen akademischen Öffentlichkeit neue Einsichten zu unterbreiten. Ansätze zu einer systematischen, vergleichenden Dokumentation in einer Langzeitperspektive, wie sich die Umsetzung der Schaffung von Wohnraum für AfrikanerInnen auswirkte, blieben bisher aus. Die ausgewählten Fallstudien aus drei atypischen urbanen Kontexten in der DR Kongo, in Kenia, und Sambia erlauben eine breit gefächerte Diskussion zu Wohnen und Stadtentwicklung. Angestrebt wird daher nicht nur eine vergleichende, inter-afrikanische Perspektive, sondern auch eine über Afrika hinausgehende Öffnung hin zu den jeweiligen Metropolen (Brüssel resp. London). In Überwindung der eher gängigen Unterscheidung von kolonial vs. postkolonial planen wir, zugrunde liegende Kontinuitäten und Veränderungen im arbeitsplatzabhängigen Wohnen über zwei wesentliche Zeitperioden hinweg zu beleuchten, bisweilen auch auf Fragen gegenwärtiger Wohn- und Stadtentwicklung hinzuweisen.
Das Forschungsprojekt widmete sich der Frage, wie und ob Wohnen als "tool of empire" (und später postkolonialer, unabhängiger Staaten) während der sogenannten "Entwicklungsära" von den 1940er bis zu den 1970er Jahren diente. Die Untersuchung konzentrierte sich auf drei analytische Ebenen: a) Akteure/ Akteurinnen, b) Sprachgebrauch (angewandte Kommunikationsmittel) und c) "governance" (Regeln, Normen, Entscheidungen und Handlungen, die Machtbeziehungen hervorbrachten) - und zwar wie sie sich in den drei unterschiedlichen, aber aufeinander beziehbaren Orten Thika (Kenia), Lubumbashi (Demokratische Republik Kongo) und Livingstone (Sambia) entwickelten. Unsere Forschung trug zum Wissen über die Bereitstellung von Wohnraum in (post-)kolonialen Umgebungen in kleinen, eher marginalisierten afrikanischen Städten bei, die bisher nur wenig Aufmerksamkeit erhalten haben. In all diesen Kontexten war Wohnungsbau weder generell noch immer in eine größere, umfassendere Stadtentwicklungsagenda integriert. Im kolonialen Kontext zielte Stadtplanung nicht unbedingt darauf ab, ein Gefühl der Gemeinschaft oder der Zugehörigkeit unter den Stadtbewohner*innen zu schaffen. Die im Rahmen des Projekts gewonnenen Erkenntnisse belegen Folgendes: - In ihrem Bemühen, Arbeitskräfte einzu"hegen" und zu kontrollieren und die afrikanische Bevölkerung in der Stadt unterzubringen, haben die Kolonialmächte den persönlichen Lebensraum, das Haus, beeinflusst, umgestaltet und kolonisiert. In vielerlei Hinsicht schufen sie sogar Vorstellungen von "Zuhause" und "Wohnraum", die es in dieser Form zuvor und im "städtischen" Sinne nicht gegeben hatte. - Wohnungsbau bietet eine fruchtbare analytische Linse, um a) komplexere Entwicklungen und Transformationsprozesse, die Gesellschaften im Allgemeinen prägen, zunächst einmal zu hinterfragen und b) zu analysieren. Der Wohnungsbau diente als Mittel des "social engineering" und zur Schaffung produktiver und gehorsamer Bürger. Er prägte auch einen Diskurs über Versprechungen und Erwartungen, der sich sowohl auf die entstehende Mittelschicht wie auch auf die Industriearbeiter*innenschaft und ihre Familien bezog. - Wohnungsbaupolitik ist selten ein Selbstzweck. Sie wird eingesetzt, um andere Ziele wie sozialen Aufstieg, Sicherheit und Kontrolle zu erreichen. - Fragen des Wohnungswesens können durch die Befragung einer Vielzahl von Dokumenten und gesprochenen Worten nachvollzogen werden. Eine Fülle verfügbarer Quellen, die von bürokratischer Korrespondenz bis zu persönlichen Erinnerungen reichen, ermöglicht es uns, Komplexitäten der Wohnungspolitik und der Erfahrung des nachzuvollziehen. Es lohnt sich, ein breit gefächertes Szenario von Quellen zu konsultieren, um die Besonderheiten des Wohnens in historischen Kontexten herauszuarbeiten. Wir haben in einem stark interdisziplinären Rahmen mit Fachleuten aus den Bereichen Architektur, Ingenieurwesen (Risikomanagement) sowie mit einem Kunstzentrum in der Demokratischen Republik Kongo zusammengearbeitet. Das Projekt befasste sich auch mit der Frage der Zusammenführung offizieller Standpunkte und Kenntnisse, wie sie in Archivdokumenten zum Ausdruck kommen, mit stärker auf die Menschen ausgerichteten Ansichten und Wissensbeständen.
- Universität Wien - 100%
- Johan Lagae, Ghent University - Belgien
- Brigitte Reinwald, Universität Hannover - Deutschland
- Rose Marie Beck, Universität Leipzig - Deutschland
- Peter Kamau, Kenyatta University - Kenya
- Wilma Nchito, University of Zambia - Sambia
- Frederick Cooper, New York University - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 8 Zitationen
- 12 Publikationen
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2019
Titel Asking Appropriate Questions, Reconsidering Research Agendas: Moving between London and Lusaka, in- and outside the Archive DOI 10.2478/adhi-2019-0007 Typ Journal Article Autor Rüther K Journal Administory Seiten 110-124 Link Publikation -
2022
Titel Building ideology - a spatial history of Livingstone Typ PhD Thesis Autor Car-Philipp Bodenstein Link Publikation -
2022
Titel Building ideology - a spatial history of Livingstone DOI 10.25365/thesis.72183 Typ Other Autor Bodenstein C Link Publikation -
2023
Titel << C'était bien à l'époque mais l'avenir iko sombre >> - Negotiating Nostalgia with and among Ex-Mineworkers in Lubumbashi (DR Congo) Typ Postdoctoral Thesis Autor Daniela Waldburger -
2019
Titel Review of David Morton: Age of Concrete. Housing and the Shape of Aspiration in the Capital of Mozambique, 2019, Ohio: Ohio University Press. ISBN: 978-0-8214-2367-7 Typ Journal Article Autor Bodenstein C-P; Waldburger D; Journal H-Soz-u-Kult Rezensionen -
2020
Titel 6. House, Home, Health and Hygiene – Social Engineering of Workers in Elisabethville/ Lubumbashi (1940s to 1960s) Through the Lens of Language Usage DOI 10.1515/9783110601183-006 Typ Book Chapter Autor Waldburger D Verlag De Gruyter Seiten 141-166 Link Publikation -
2020
Titel 2. The Rule of Rent: The State, Employers and the Becoming Urban Dweller in Northern Rhodesia Acting Across a Societal Field of Force, c. 1948–1962 DOI 10.1515/9783110601183-002 Typ Book Chapter Autor Rüther K Verlag De Gruyter Seiten 31-65 Link Publikation -
2020
Titel 1. Introduction DOI 10.1515/9783110601183-001 Typ Book Chapter Autor Barker-Ciganikova M Verlag De Gruyter Seiten 1-30 Link Publikation -
2020
Titel Why language matters - on ex-mineworkers' nostalgia in Lubumbashi (DR Congo) Typ Other Autor Waldburger D -
2020
Titel "There is a fault here!" - a report on a more inclusive research method in a project in Lubumbashi (DR Congo) Typ Journal Article Autor Bodenstein C-P; Waldburger D; Journal FIELD: A Journal of Socially-Engaged Art Criticism Link Publikation -
2020
Titel The Politics of Housing in (Post-)Colonial Africa: Accommodating workers and urban residents Typ Book Autor Ruther Kirsten Verlag De Gruyter -
2023
Titel ‘C’était bien à l’Époque’: Work and Leisure among Retrenched Mineworkers in the Democratic Republic of the Congo DOI 10.1080/00020184.2023.2195358 Typ Journal Article Autor Waldburger D Journal African Studies Seiten 24-42 Link Publikation