Ärztliche Indikationsstellung
Understanding Medical Decision Making
Wissenschaftsdisziplinen
Gesundheitswissenschaften (20%); Philosophie, Ethik, Religion (80%)
Keywords
-
Medical Ethics,
Medical Indication,
Theological Ethics,
Ethical Decision Making,
Medical Decision Making
Die Entwicklung der Patientenrechte, die verstärkte Autonomie der Patienten/innen, die Begrenzung finanzieller Ressourcen im Gesundheitswesen und die Ausweitung medizinischer Eingriffe stellen die genuinen Entscheidungen der Ärzte, d.h. die ärztliche Indikationsstellung, vor immer neue Herausforderungen. Ärztliche Indikation reicht dabei über die Anwendung rein medizinischen Wissens hinaus: Sie ist der einzige Punkt im ärztlichen Berufshandeln, wo ethische Überlegungen gezielt Eingang finden, weil der Arzt in einem Reflexionsprozess über das entscheidet, was dem Wohl und Heil des Patienten dient (F. Anschütz). Das Forschungsprojekt setzt hier an und deutet medizinische Indikation als eine ethische Entscheidung, die insbesondere bei schweren Erkrankungen auch Sinnfragen und religiöse Fragen sowie Werte integrieren muss. Sie kann dadurch als ein wertgeleitetes, moralisches Urteil mit charakteristischen Komponenten ethischer Urteile beschrieben werden. Zu diesen gehören die Interdisziplinarität (hier die Verknüpfung von wissenschaftlichem, medizinischem, aber auch lebensweltlichem und moralischem Wissen), die Wert- und Zielorientierung (hier die Gesundung oder Erhaltung der Lebensqualität der Patienten/innen) sowie die Interpersonalität (hier die Abstimmung von Arzt und Patient hinsichtlich einer gemeinsam tragbaren Zielsetzung und Methode der Behandlung). Durch seine Darlegung der ärztlichen Indikationsstellung als ethischem Urteil leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag für Medizin und theologische Ethik. Da medizinische Indikationen unmittelbar praxisbezogen sind und weitreichende Konsequenzen haben, kann die theologische Ethik präzisere Einsichten in die konkreten Probleme ethischer Entscheidung im medizinischen Kontext und dadurch an Realitätsnähe gewinnen. Die ärztliche Praxis wiederum gewinnt durch die Analyse ein differenzierteres Verständnis der Komponenten medizinischen Indikationsstellung und kann in Bindung an ihr Ziel, das Wohl des Patienten zu fördern, unter Rückgriff auf die behandelten ethischen Aspekte ihre Entscheidungen besser begründen und ihre Ziele nachhaltiger verfolgen. Das Projekt stützt sich auf medizinethische Untersuchungen, welche die ethische Dimension der ärztlichen Indikationsstellung herausstellen (z.B. F. Anschütz, K. Gahl), und auf die theologisch- ethischen Entwürfe von K. Demmer und D. Mieth, die sich mit der Verknüpfung von interdisziplinären, philosophischen und sinnbezogene bzw. glaubensbezogenen Elementen im Deutungsvorgang der ethischen Entscheidung beschäftigen. Unter Rückgriff auf die interreligiösen Arbeiten von H. Bouillard erarbeitet das Projekt, wie Menschen unterschiedlicher Auffassungen hinsichtlich des Lebens- und Werteverständnisses zu Übereinstimmung im Hinblick auf Behandlungsziele und Methoden finden können, und trägt so zum tieferen Verständnis des Zusammenwirkens von Arzt und Patient/innen bei.
- Universität Wien - 100%
- Alfred Simon, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
Research Output
- 6 Zitationen
- 5 Publikationen
- 1 Disseminationen
-
2019
Titel The influence of values in shared (medical) decision making DOI 10.1007/s00481-019-00549-y Typ Journal Article Autor Baldt B Journal Ethik in der Medizin Seiten 37-47 Link Publikation -
2020
Titel Werte im ärztlichen Handeln; In: Werte im Beruf. Ethik und Praxis im Gespräch Typ Book Chapter Verlag Aschendorff Verlag Seiten 113-128 -
2020
Titel The influence of values in shared (medical) decision making Typ Journal Article Autor Baldt Journal Ethik in der Medizin Seiten 37-47 Link Publikation -
2022
Titel Shared Medical Decision Making Reconsidered: Challenging an Overly Cognitivist Perspective with a Linguistic Approach DOI 10.1080/10410236.2022.2065736 Typ Journal Article Autor Baldt B Journal Health Communication Seiten 2281-2291 Link Publikation -
2022
Titel „Er weiß es noch nicht“ – Triadische Kommunikation und ihre Tücken am Beispiel eines onkologischen Visitengesprächs DOI 10.1007/s10354-022-00924-3 Typ Journal Article Autor Baldt B Journal Wiener Medizinische Wochenschrift Seiten 153-160 Link Publikation