Gemeinschaftliche Kreativität in Musikalischen Ensembles
Coordination and Collaborative Creativity in Music Ensembles
Wissenschaftsdisziplinen
Informatik (25%); Kunstwissenschaften (15%); Psychologie (60%)
Keywords
-
Creativity,
Joint Action,
Ensemble Performance,
Human-Computer Interaction,
Interpersonal Communication
Musizierende von Musikalischen Ensembles müssen ihr Spiel mit höchster Präzision miteinander koordinieren, um koherente Aufführungen zu erzeugen. Dabei müssen sie die jeweiligen Aktionen ihrer Mitspielenden vorhersagen. Musik als Kunstform erfordert aber auch originelle, einzigartige Interpretationen, welche im scheinbaren Kontrast zur gegenseitigen Vorhersagbarkeit steht. In dem Projekt wird untersucht, wie also Musizierende die Tendenz zur Einzigartigkeit mit der Notwendigkeit der gegenseitigen Vorhersagbarkeit balancieren. Als kreativer Akt benötigt Musizieren eine kreative Interpretation von Musik, wenn nicht sogar die Schaffung neuer Musik wie beispielsweise in Improvisition. In diesem Projekt wird auch Ensemble-Koordination in mehrdeutigen musikalischen Kontexten untersucht (beispielsweise in improvisierter Musik mit freien Rhythmen). Wir untersuchen sowohl die Zusammenarbeiten von Mensch zu Mensch als auch von Mensch zu Maschine (Computer), um Kommunikationsaspekte im Detail zu studieren. Folgende Hauptfragen werden untersucht: 1) Wie sagen Musizierende die Intentionen der anderen voraus?, 2) Wie passen sich die Musizierenden in ihren persönlichen Interpretationen an) und 3) sind Musizierende weniger kreativ oder weniger wollend, wenn sie mit einem adaptiven Computersystem als Partner musizieren als wenn sie mit einem anderen Menschen spielen? Diese Fragen werden in einer Serie von Experimenten mit professionellen MusikerInnen untersucht, welche zu zweit miteinander musizieren. Mithilfe von Motion-Capture- und Eye-Tracking- Systemen werden die Körper-Bewegungen (z.B. Kopfbewegungen beim Einsatz) und der Augenkontakt zwischen den Musizierenden aufgezeichnet und ausgewertet. In einem weiteren Experiment wird untersucht, in welcher Weise die Musizierenden ihre Interpretation über eine Probenphase an einander anpassen, indem man ihre Solo- mit der sich verändernden Duo- Interpretation vergleicht. Ein weiteres Experiment verwendet ein, an diesem Institut entwickeltes computer-gestütztes Begleitsystem, das einem menschlichen Partner zuhört und sein Spiel dem Spiel des anderen anpasst, sodass eine koherente Aufführung zustande kommt. Es soll dabei untersucht werden, wie die Mensch-Maschine-Interaktion von der Mensch-Mensch-Interaktion sich unterscheidet, besonders wenn die Versuchsteilnehmenden im Unklaren gelassen werden, ob es sich bei dem Partner um einen Computer oder einen Menschen handelt. Dieses Begleitsystem wird auch erweitert werden, dass es spezifische visuelle Gesten von Musikern selbst zur Kommunikation verwenden kann. Dieses Forschungsprojekt ist eine erste systematische Untersuchung, wie musikalische Kreativität in musikalischen Gruppen erreicht wird. Es sollen Richtlinien für zukünftige System etabliert und verifiziert werden, die kreative musikalische Zusammenarbeit zwischen Mensch und Computern ermöglicht und somit das vorhandene Begleitsystem zu einem potentiell wertvollen Werkzeug für Forschende wir Musizierende machen soll.
Die Mitglieder eines Musikensembles koordinieren ihr Spiel mit bemerkenswerter Präzision. Für geübte Musizierende ist eine präzise Koordination sogar möglich, noch bevor sich das Ensemble sich auf eine bestimmte Interpretation der Partitur explizit geeinigt hat. Dieses Projekt untersuchte die Koordination von musikalischen Ensembles während der Einstudierungsphase notierter Musik, wenn die Musiker verschiedene Interpretationsmöglichkeiten der Partitur ausloten. Wir untersuchten die Rolle der visuell-motorischen Interaktion bei der Koordination des Ensembles. Unser Hauptziel war es, zu beurteilen, wie viel Zeit Musizierende beim Spielen miteinander verbringen, zu zeigen, wie sich die Bewegungen der Musizierenden zwischen Solo- und Ensembleaufführungen unterscheiden, und zu erklären, wie verschiedene Strategien den Ensemblemusizierenden helfen, sich in der kreativen musikalischen Interaktion zurechtzufinden (z.B. flexibler Einsatz von Leadship und Following). Darüber hinaus wurde ein optisches Bewegungserfassungssystem (MoCap) mit mobiler Blickverfolgung (Eye Tracking) kombiniert, und ein künstliches computergestütztes Begleitsystem entwickelt, das in der Lage ist, vierhändige Klavierduos ausdrucksstark und zeitlich adaptiv mit einem menschlichen Gegenüber zu spielen. Wir haben Aufführungen von Duos (Klavier, Geige, Klarinette) aufgenommen, analysiert und dabei festgestellt, dass sich die Musizierenden beim Spielen sehr oft gegenseitig anschauen, insbesondere bei unregelmäßig getakteten Passagen, wo es mehr Ausdrucksfreiheit gibt. Die Zeit, die die Musizierenden damit verbrachten, sich gegenseitig zu beobachten, nahm zu, je vertrauter sie mit der Musik und ihrem Gegenüber wurden. Die Körperbewegungen der Musizierenden waren kommunikativer, wenn sie zu zweit spielten, als wenn sie allein spielten. Während der Duo-Proben wurden ihre Körperbewegungen im Laufe der Probe größer und koordinierter. Die Bewegungen der Musizierenden waren auch kommunikativer, wenn sie sich gegenseitig sehen konnten, als wenn ihre Sicht aufeinander blockiert war. Das Fehlen des Sichtkontakts schien die Qualität ihrer Darbietung, gemessen am Erfolg der Synchronisation, jedoch nicht zu beeinträchtigen. Wir fanden auch heraus, dass die Musizierenden beim gemeinsamen Spiel von Natur aus abwechselnd Führungsrollen und Begleitrollen einnahmen, und dass die expressive Variabilität (z.B. im Timing) geringer war, wenn sie zusammenspielten, als wenn sie alleine spielten. Diese Ergebnisse legen nahe, dass Musizierende ihr Verhalten in kollaborativen Situationen ändern, um die Vorhersehbarkeit ihres Spiels zu erleichtern. Zusammengefasst schlagen wir eine neue Hypothese vor: Anstatt die grundlegende Koordination zu unterstützen, motiviert die visuelle Interaktion zwischen den Ensemble-Musizierenden deren Auseinandersetzung miteinander und mit der Musik und ermöglicht es ihnen, eine kognitive Resonanz aufzubauen, die kreatives Denken erleichtert. Unsere Forschung hat zu einer allgemeinen Schwerpunktverlagerung in der Forschungsgemeinschaft beigetragen. Statt die Ensembleleistung als einfache Synchronisationsaufgabe zu behandeln, konzentriert sich die Forschung auf den Prozess der musikalischen Kreativität und behandelt das Verhalten der Musizierenden als Indikatoren eines kreativen Prozesses. Unser neues Aufnahmeparadigma bietet die Möglichkeit, diese Verhaltensweisen sehr detailliert zu messen und auszuwerten. Unser künstliches Begleitsystem bietet darüber hinaus der Forschung neue Möglichkeiten, die menschliche Interaktion unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen.
- Werner Goebl, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 298 Zitationen
- 12 Publikationen
- 1 Künstlerischer Output
- 3 Disseminationen
- 4 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2019
Titel Moving to Communicate, Moving to Interact: Patterns of Body Motion in Musical Duo Performance DOI 10.48550/arxiv.1911.09018 Typ Preprint Autor Bishop L -
2019
Titel Moving to Communicate, Moving to InteractPatterns of Body Motion in Musical Duo Performance DOI 10.1525/mp.2019.37.1.1 Typ Journal Article Autor Bishop L Journal Music Perception Seiten 1-25 Link Publikation -
0
Titel Beyond synchronization: How and why do ensemble performers communicate?; In: Together in Music: Participation, coordination, and creativity in ensembles Typ Book Chapter Autor Bishop Verlag Oxford University -
2019
Titel Eye gaze as a means of giving and seeking information during musical interaction DOI 10.1016/j.concog.2019.01.002 Typ Journal Article Autor Bishop L Journal Consciousness and Cognition Seiten 73-96 Link Publikation -
2019
Titel Linking and visualising performance data and semantic music encoding in real time Typ Conference Proceeding Abstract Autor Cancino-Chacòn C Konferenz Proceedings of the 20th International Society for Music Information Retrieval Conference Link Publikation -
2018
Titel Performers and an Active Audience: Movement in Music Production and Perception DOI 10.5964/jbdgm.2018v28.19 Typ Journal Article Autor Bishop L Journal Jahrbuch Musikpsychologie Seiten 1-17 Link Publikation -
2017
Titel The ACCompanion v0.1: An Expressive Accompaniment System DOI 10.48550/arxiv.1711.02427 Typ Preprint Autor Cancino-Chacón C -
2020
Titel Negotiating a Shared Interpretation During Piano Duo Performance DOI 10.1177/2059204319896152 Typ Journal Article Autor Bishop L Journal Music & Science Seiten 2059204319896152 Link Publikation -
2018
Titel Computational Models of Expressive Music Performance: A Comprehensive and Critical Review DOI 10.3389/fdigh.2018.00025 Typ Journal Article Autor Cancino-Chacón C Journal Frontiers in Digital Humanities Seiten 25 Link Publikation -
2018
Titel Collaborative Musical Creativity: How Ensembles Coordinate Spontaneity DOI 10.3389/fpsyg.2018.01285 Typ Journal Article Autor Bishop L Journal Frontiers in Psychology Seiten 1285 Link Publikation -
2017
Titel Beating time: How ensemble musicians’ cueing gestures communicate beat position and tempo DOI 10.1177/0305735617702971 Typ Journal Article Autor Bishop L Journal Psychology of Music Seiten 84-106 Link Publikation -
2017
Titel Communication for coordination: gesture kinematics and conventionality affect synchronization success in piano duos DOI 10.1007/s00426-017-0893-3 Typ Journal Article Autor Bishop L Journal Psychological Research Seiten 1177-1194 Link Publikation
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2017
Titel Musical composition Typ Composition/Score
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2017
Titel Open day at mdw Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2019
Titel Die Presse Typ A magazine, newsletter or online publication -
2019
Titel Der Standard Typ A magazine, newsletter or online publication
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2019
Titel Invited keynote lecture at the 2019 Herbert von Karajan Symposium Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2018
Titel Invited keynote lecture at Music Therapy Summer Academy (MUSA), Vienna, Austria Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2017
Titel AccompaniX Competition Typ Research prize Bekanntheitsgrad Continental/International -
2017
Titel Invited keynote lecture at the Annual Meeting of the German Society for Music Psychology Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
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2020
Titel Stand-Alone Project Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2020