Aktivitätsunabhängige synaptische Langzeitpotenzierung im nozizeptiven System
Activity-independent synaptic long-term potentiation in nociceptive pathways
Wissenschaftsdisziplinen
Klinische Medizin (20%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (80%)
Keywords
-
Pain,
Spinal Cord,
Long-Term Potentiation (Ltp),
Glia,
Cytokine,
Synapse
Entzündungen, Verletzungen oder operativen Eingriffe lösen Erregungen in den neuro- nalen Sinnesfühlern für Schmerz aus. Dies kann im Rückenmark zu einer lang anhal- tende Zunahme der synaptischen Übertragungsstärke (engl. long-term potentiation", LTP) führen. Die aktivitätsabhängige LTP gilt als bedeutender Mechanismus einer an- haltenden Schmerzverstärkung am Ort der Schmerzursache (die sogenannte primäre Hyperalgesie"). Chronische Schmerzen entstehen aber häufig auch in Körperregionen, ohne dass zuvor dort eine erhöhte neuronale Aktivität nachweisbar gewesen wäre, z.B. in der Umgebung einer Verletzung oder Entzündung (sekundäre Hyperalgesie"), an spiegelbildlichen Körperstellen oder weit verteilt im Körper. Hyperalgesie kann auch un- abhängig von jeglichen sensorischen Reizen entstehen, z.B. nach dem abrupten Entzug von Opioiden. Wir wollen nun die Hypothese prüfen, wonach LTP nicht nur an aktivier- ten Synapsen im nozizeptiven System des Rückenmarks auftritt, sondern auch inaktive Synapsen erfassen kann. Wir wissen, dass sowohl Schmerzreize, als auch Opioide Gli- azellen im Rückenmark aktivieren, die dann vermehrt Zytokine, Chemokine und anderer Gliotransmitter synthetisieren und sezernieren. Einige dieser Überträgerstoffe, wie z.B. die Zytokine Interleukin-1ß oder Tumornekrosisfaktor könnten dann innerhalb des Rü- ckenmarks diffundieren, inaktive Synapsen erreichen und dort eine LTP auslösen. Die- ser neuartige Mechanismus könnte so zu aktivitätsunabhängigen Formen der LTP und in dessen Folge zu einer Schmerzverstärkung an nicht stimulierten Körperregionen füh- ren. Wir wollen zur Überprüfung dieser Hypothese technisch anspruchsvolle elektrophy- siologische Ableitungen von Neuronen in einem Rückenmark-Hinterwurzel Schnittpräpa- rat von adulten Ratten durchführen. In diesem in vitro Modell können wir den synapti- sche Eingang aus unabhängigen nozizeptiven Hinterwurzelafferenzen quantitativ be- stimmen. In früheren Arbeiten hatten wir bereits die aktivitätsabhängige synaptische LTP eingehend charakterisiert. Wir konnten kürzlich ferner zeigen, dass die selektive Aktivie- rung von spinalen Mikroglia mit Fraktalkin die synaptische Übertragung reversibel fazili- tiert. In dem beantragten Projektvorhaben wollen wir nun auf diesen Vorarbeiten auf- bauen und prüfen, ob Aktivität in afferenten Nervenfasern die Übertragungsstärke von inaktiven Synapsen erhöhen kann. Wir wollen prüfen ob Gliazellen an einer solchen he- terosynaptischen" LTP beteiligt sind und welche Gliotransmitter hierbei eine Rolle spie- len. Wir wollen ferner die Rolle der Gliazellen bei der LTP nach Opiatentzug bestimmen. Dazu stehen uns moderne bildgebende Verfahren wie die 2-Photonenlaserscanning Mikroskopie zur Verfügung, sowie Analysemethoden zum Nachweis von Gliotransmit- tern wie die Amperometrie, ELISA und Zytokine-Assays. Sollten sich unsere Hypothesen bestätigen lassen, würde dies neue Ansatzpunkte für die zukünftige Vermeidung und Behandlung chronischer Schmerzen bieten, die derzeit noch schwer zu behandeln sind. 1
Akute Schmerzen erfüllen eine wichtige Schutzfunktion für unseren Körper, indem sie adäquates Vermeidungsverhalten und ggf. Schonverhalten auslösen. Dadurch werden potentiell gewebeschädigende Situationen vermieden und Heilungsprozesse begünstigt. Wenn Schmerzen die eigentliche Schmerzursache überdauern verlieren sie ihre protektive Wirkung und werden zu einer eigenständigen Krankheit, dem chronischen Schmerz. Bislang wurde angenommen, dass neuronale Erregungen beim akuten Schmerz zu neuroplastischen Veränderungen, wie der synaptischen Langzeitpotenzierung, an schmerzauslösenden sensiblen C-Fasern im Zentralen Nervensystem führen und so die Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen begünstigen. Wir haben in diesem FWF-Projekt jedoch entdeckt, dass neuronale Plastizität im Rückenmark auch ohne neuronale Erregungen entstehen kann, wenn Gliazellen, wie die Astrozyten, im Rückenmark aktiviert werden. Die Aktivierung von Astrozyten kann, ähnlich wie der akute Schmerz, zu neuroplastischen Veränderungen an C-Faser Synapsen führen. Aktivierung von Astrozyten führt auf subzellulärer Ebene zu der von uns entdeckten "gliogenen synaptischen Langzeitpotenzierung". Dies Ergebnisse haben wir in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht. Die gliogene synaptische Langzeitpotenzierung ist von verstärktem Schmerzverhalten begleitet und stellt eine mögliche Ursache für chronische Schmerzen dar. Wir konnten ferner zeigen, dass der abrupte Entzug von Opiaten, die häufig zur Schmerztherapie eingesetzt werden, spinale Astrozyten aktiviert und so die synaptische Langzeitpotenzierung an C-Fasern auslöst. Hier fanden wir fundamentale Unterschiede in den zugrundeliegenden Mechanismen zwischen den Geschlechtern. Wegen der herausragenden Bedeutung der spinalen Astrozyten an den Prozessen im schmerzverarbeitenden System haben wir diese bislang kaum beachtete Zellpopulation erstmals eingehend studiert und quantitativ beschrieben.
Research Output
- 264 Zitationen
- 11 Publikationen
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2023
Titel Differential activation of spinal and parabrachial glial cells in a neuropathic pain model DOI 10.3389/fncel.2023.1163171 Typ Journal Article Autor Mussetto V Journal Frontiers in Cellular Neuroscience Seiten 1163171 Link Publikation -
2023
Titel Opioids Induce Bidirectional Synaptic Plasticity in a Brainstem Pain Center in the Rat DOI 10.1016/j.jpain.2023.05.001 Typ Journal Article Autor Mussetto V Journal The Journal of Pain Seiten 1664-1680 Link Publikation -
2023
Titel Probing pain aversion in rats with the "Heat Escape Threshold" paradigm. DOI 10.1177/17448069231156657 Typ Journal Article Autor Baltov B Journal Molecular pain Seiten 17448069231156657 -
2021
Titel Lamina-specific properties of spinal astrocytes DOI 10.1002/glia.23990 Typ Journal Article Autor Kronschläger M Journal Glia Seiten 1749-1766 Link Publikation -
2022
Titel Anti-Nociceptive and Anti-Aversive Drugs Differentially Modulate Distinct Inputs to the Rat Lateral Parabrachial Nucleus DOI 10.1016/j.jpain.2022.03.234 Typ Journal Article Autor Teuchmann H Journal The Journal of Pain Seiten 1410-1426 Link Publikation -
2021
Titel Spontaneous, Voluntary, and Affective Behaviours in Rat Models of Pathological Pain DOI 10.3389/fpain.2021.672711 Typ Journal Article Autor Draxler P Journal Frontiers in Pain Research Seiten 672711 Link Publikation -
2022
Titel GABAergic CaMKIIa+ Amygdala Output Attenuates Pain and Modulates Emotional-Motivational Behavior via Parabrachial Inhibition DOI 10.1523/jneurosci.2067-21.2022 Typ Journal Article Autor Hogri R Journal The Journal of Neuroscience Seiten 5373-5388 Link Publikation -
2019
Titel Withdrawal from an opioid induces a transferable memory trace in the cerebrospinal fluid. DOI 10.1097/j.pain.0000000000001688 Typ Journal Article Autor Drdla-Schutting R Journal Pain Seiten 2819-2828 Link Publikation -
2016
Titel Gliogenic LTP spreads widely in nociceptive pathways DOI 10.1126/science.aah5715 Typ Journal Article Autor Kronschläger M Journal Science Seiten 1144-1148 Link Publikation -
2020
Titel Interferon-? facilitates the synaptic transmission between primary afferent C-fibres and lamina I neurons in the rat spinal dorsal horn via microglia activation DOI 10.1177/1744806920917249 Typ Journal Article Autor Reischer G Journal Molecular Pain Seiten 1744806920917249 Link Publikation -
2020
Titel Fundamental sex differences in morphine withdrawal-induced neuronal plasticity. DOI 10.1097/j.pain.0000000000001901 Typ Journal Article Autor Hadschieff V Journal Pain Seiten 2022-2034