Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
-
Yodel,
Tyrol,
Switzerland,
Cultural Transfer,
National identity,
Folk music
Als im 19. Jahrhundert Tiroler Sängergruppen das Jodeln international bekannt und populär machten, wurde der Tiroler Jodler auch in der Schweiz beliebt. Die Schweizer verloren das Interesse am heimischen Jodel, und er geriet beinahe in Vergessenheit. Um die Tirolerei den ungewollten Einfluss aus Tirol einzudämmen, gründeten im Jahr 1910 einige engagierte Schweizer Traditionalisten den Eidgenössischen Jodlerverband (EJV). In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts instrumentalisierten die Regierungen das Volkslied und den Jodler/Jodel sowohl in Österreich als auch in der Schweiz für politische Zwecke, und in den 1960er und 1970er Jahren war er als musikalischer Patriotismus verschrien. Heute wird der Jodel ganz anders wahrgenommen. Noch nie war er so populär wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts, und der Jodel findet seine Anhänger auch in einer urbanen Mittelschicht. Dieses Projekt vergleicht die historische Entwicklung des Jodelns in der Schweiz und in Tirol auf musikalischer und gesellschaftlicher Ebene. Ihre Einzigartigkeit in der Volksmusik trägt wertvolle Erkenntnisse in die interdisziplinäre und international geführte Diskussion um Authentizität, Nationalidentität und Kulturtransfer in der Popularmusik. Die Studie wird einer chronologischen Struktur folgen und neben schriftlichen Quellen, frühen Notationen auch Bildquellen und früheste Aufnahmen auswerten. Durch zusätzliche Feldforschungen wird dem aktuellen Stellenwert des Jodelns in Tirol und in der Schweiz nachgegangen. Die Ergebnisse des Projektes werden einerseits in einer Datenbank gespeichert und durch die Bibliothek des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Innsbruck öffentlich zugängig gemacht und andererseits an Konferenzen präsentiert und schließlich in Buchform publiziert werden. Das Projekt siedelt sich am Institut für Musikwissenschaft der Universität in Innsbruck an. Als Projektleiter fungiert der Schweizer Musikethnologe, Raymond Ammann, und als Projektmitarbeiterin die Tiroler Musikwissenschaftlerin, Sandra Hupfauf.
Der Blick auf 200 Jahre Jodelentwicklung in Österreich und der Schweiz lässt eine vielseitige Dynamik der Übernahmeprozesse erkennen, die je nach Epoche auf unterschiedliche Art und Weise vonstattengingen. Die Vermischungen und Übernahmen des alpinen Gesangsgutes verliefen vielseitig und auch gegenläufig, sodass komplexe, mehrdimensionale und teilweise beinahe unüberschaubare Übernahmeprozesse bei deren Verbreitung mitspielten. Die Namen, musikalischen Formen und Sprachen der Lieder, Jodler und Kuhreihen in den publizierten Sammlungen von Volksliedern der Alpenregionen aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts lassen die Komplexität der Abläufe deutlich erkennen. Durch den Bildungsprozess des 'kulturellen Gedächtnis' wurde aber das Jodeln per se zu einem festen Bestandteil des tradierten Erbes, wodurch das Jodeln über die Geschichte hinweg stets maßgebend zur (nationalen) Identitätsbildung beigetragen hat. Dieses musikalische Kulturgut beschritt vielfältige geographische und soziale Wege und durchlebte unterschiedliche Arten des Transfers. Damit einher ging ein sich mehrmals wandelndes Verständnis von Authentizität, das nicht nur den lokalen Umgang mit Jodlern und Jodelliedern maßgebend beeinflusste, sondern auch die Bereitschaft zur Aneignung und Übernahme fremden Musikgutes wesentlich bestimmte. Dabei wurde das ,angepasste', also nicht ,ursprüngliche' Jodeln auf der Bühne in der Schweiz als ,Tirolerei' beschimpft. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Jodeln instrumentalisiert, um kulturelle und nationale Abgrenzungen zu begründen. Diese Rolle hat sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts dahingehend gesteigert, dass das Jodeln für die Rechtfertigung von politischen Ideologien über Abstammung und ethnischer Zugehörigkeit herhalten musste. In Österreich ging nach der Wende zum 20. Jahrhundert die Instrumentalisierung des Jodlers weiter, indem es als vollkommener Ausdruck deutscher Überlegenheit gedeutet wurde. Die Funktionalisierung des Jodelns durch die NationalsozialistInnen sowie dessen Folklorisierung nach dem Zweiten Weltkrieg führten dazu, dass von den 1960er Jahren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts das Jodeln sowohl in Österreich als auch in der Schweiz bei der Mehrheit der städtischen Bevölkerung als hinterwäldlerisch und patriotisch verschrien war und abgelehnt wurde. Doch mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts erhält die Jodelgeschichte eine grundlegende Neuorientierung: Es scheint den ProtagonistInnen der 'Neuen Jodelbewegung' gelungen zu sein, ganz nach dem Motto 'Jodle dich frei', die Altlasten dieser besonderen Gesangsart abzulegen und ihr eine neue Funktion zu verleihen. Somit wird das Jodeln heute nicht mehr für eine Abgrenzung von Kulturen instrumentalisiert, sondern als ein menschen- und kulturverbindendes Hobby betrachtet. Während das Jodeln also in bestimmten Zeiten ein Mittel zur Abgrenzung und Distinktion darstellte sowie zur nationalen Profilierung eingesetzt wurde, wirkt es heute durch die Vermittlung bei Workshops und Jodlertreffs sowie durch die Verbindung mit verschiedenen Genres kulturverbindendend und stellt ein breites Identifikationsangebot zur Verfügung, das weit über den nationalen, traditionellen, historischen und stilistischen Grenzen hinausgeht.
- Universität Innsbruck - 100%
- Marc-Antoine Camp, Hochschule Luzern - Schweiz
Research Output
- 4 Publikationen
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2020
Titel Liaison fantastique, Jodeln und Berge; In: Heilige Berge Typ Book Chapter Autor Raymond Ammann Verlag Verlag Schnell & Steiner -
2018
Titel "Die Funktionen des Alphorn-Wettblasens von den ersten Unspunnenfesten bis heute".; In: Musikalische Wettstreite und Wettbewerbe Typ Book Chapter Autor Raymond Ammann Verlag Allitera Verlag Seiten 67 - 78 -
2016
Titel Der Jodler in Tirol, Eine kurze Einleitung zu Form, Funktion und Geschichte; In: Einen Jodler hör I gern. Studentische Feldforschungsberichte zum Wandel des Jodelns in Tirol zu Beginn des 21. Jahrhunderts Typ Book Chapter Autor Raymond Ammann Verlag innsbruck university press Seiten 3 - 32 -
0
Titel Tirolerei in der Schweiz Typ Book Autor Raymond Ammann Verlag Universitätsverlag Wagner