Tod & Leben: Lokale Konzeptionen der Wiedergeburt unter den Drusen im Nahen Osten
Death & Life: Local Conceptions of Reincarnation among the Druzes in the Middle East
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (30%); Soziologie (35%); Sprach- und Literaturwissenschaften (35%)
Keywords
-
Reincarnation,
Ethnicity,
Coping strategies,
Druze,
Identity,
Middle East
Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen Geschichten und Diskurse über das Phänomen der Seelenwanderung [taqammus] unter der drusischen Bevölkerung im Nahen Osten also Erzählungen, die davon berichten, dass jemand unerwartet aus dem Leben gerissen und dann als Kind wiedergeboren wurde. Das Konzept der Seelenwanderung ist zwar zentraler Bestandteil der drusischen Glaubenslehre, doch die Fälle in denen sich die Betroffenen genauestens an ihr Vorleben erinnern können und ihre alte Familie wiederfinden, sind besondere Fälle, die in emischer Sicht primär dann vorkommen, wenn jemand besonders unerwartet und auf tragische Weise aus dem Leben gerissen wurde, sei es durch einen Unfall mit Todesfolge, sei es durch Mord oder Totschlag. Interessanterweise werden derartige Fälle, wo ein Kind als Wiedergeburt eines konkreten Verstorbenen anerkannt wird, innerhalb der drusischen Gemeinschaft sehr ambivalent beurteilt. In unseren Vorerhebungen wurde deutlich, dass es zwar von vielen drusischen Familien, die so plötzlich und unerwartet eines ihrer Mitglieder verloren haben, als sehr wohltuend und befreiend empfunden wird, wenn sie jenen Menschen in neuer Gestalt wiederfinden. Andererseits, so unsere Interviewpartner, haben derartige Begebenheiten auch etwas Problematisches an sich, denn es wäre unklar zu welcher Familie das Kind dann eigentlich gehöre: Zur alten oder zur neuen? Alles würde durcheinander geraten, Kränkungen und Streit wären in solchen Fällen nicht selten! Das beabsichtigte Forschungsvorhaben will derartige ethnosoziologische Probleme, die mit dem Konzept derSeelenwanderung einhergehen,systematisch beleuchten.Anhandvon Fallrekonstruktionen (im Sinne der case-reconstructive-research) soll das Schicksal einzelner Personen und deren Familien im Detail nachgezeichnet werden. Im Mittelpunkt stehen dabei personale und kollektive Identitätsbildungsprozesse, lokalkulturelle Strategien der Lebensbewältigung sowie gedachte undgelebteZeit- undRaumkonzeptionen, die denentsprechendensozialen Anerkennungsprozessen zugrunde liegen (Plot-Bildung) und das Konzept der Seelenwandeung plausibel erscheinen lassen. Die ethnographische Datenerhebung wird komparativ, in unterschiedlichen nationalstaatlichen Kontexten, in unterschiedlichen sozialen Schichten sowie unter eingeweihten [uqqâl] und nicht- eingeweihten [djuhhâl] Drusinnen und Drusendurchgeführt. Vorgesehensindhierfür Feldforschungen im Gesamtausmaß von 7 Monaten (verteilt auf 3 Jahre) in den drusischen Gebieten des Libanons sowie in Palästina/Israel. Geplant sind zudem gezielte Interviews mit Drusen, die aufgrund der rezenten kriegerischen Auseinandersetzungen aus Syrien flüchten mussten und sich vorübergehend im Libanon aufhalten. Gerade weil taqammus in enger Beziehung mit gewaltsam herbeigeführten Todesfällen verortet wird, bilden die syrischen Drusen zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine besonders wichtige Untersuchungsgruppe.
Für die Drusen, eine ethnisch-religiöse Minderheit im Nahen Osten, ist der Glaube an Seelenwanderung [taqammu] fester Bestandteil ihrer Religion: Wenn ein Mensch stirbt, wandert seine Seele in die eines Neugeborenen, wobei Drusen stets als Drusen, Männer stets als Männer und Frauen stets als Frauen wiedergeboren werden. In seltenen Fällen kann es vorkommen, dass sich einzelne Kinder an ihr vorangegangenes Leben zurückerinnern und ihre früheren Familien suchen und wiederfinden. Genau solche besonderen Fälle, die von Drusen gemeinhin als Amalyat an-nuq [wörtl.: Operation des Entsinnens] bezeichnet werden, bildeten den Ausgangspunkt für dieses Forschungsprojekt. Im Zuge ethnologischer Feldforschungen wurden biographisch-narrative Interviews mit Personen geführt, die sich als Kind entweder selbst an ihr früheres Leben zurückerinnern konnten oder derartige Fälle in ihren Familien oder in ihrem Bekanntenkreis haben. Im Zuge der Forschungsarbeiten konnte erstens nachgewiesen werden, dass all diese Fälle einem einheitlichen Muster unterliegen: Es sind stets die gleichen inhaltlichen Elemente (Schemata), die allen Fällen gemein sind und die Voraussetzung dafür bilden, dass das Ereignis innerhalb der drusischen Community als authentisch angesehen wird. Hinzu kommt, dass derartige Reinkarnationsfälle stets in moralisierende Diskurse eingebunden sind, die auf Wahrheit und göttliche Gerechtigkeit sowie auf personale und kollektive Identitätskonstruktionen unmittelbar Bezug nehmen. Zweitens: Mit Blick auf die gewonnenen Untersuchungsergebnisse muss in der Ethnologie des Nahen Ostens künftig wohl eine weitere Verwandtschaftsform mitgedacht werden, nämlich jene, die auf sozial anerkannten Reinkarnationsfällen beruht und unter Drusen im Allgemeinen als qarbat ar-r bezeichnet wird. Überraschend war das hohe Ausmaß der Authentizität, mit der einige "sprechende" (sich an das Vorleben zurückerinnernde) Kinder in das Setting ihrer früheren Familie reintegriert wurden. So konnten Fälle dokumentiert werden, in denen die "Sprechenden" zu ihren früheren Familien zogen oder nach der Hochzeit ihr Haus an der Seite ihrer früheren Familie errichteten. Interessanterweise bezieht sich die so etablierte verwandtschaftliche Nähe nicht nur auf die unmittelbar betroffenen Individuen, sondern umfasst in vielen Fällen auch deren Nachfahren - selbst, wenn die "sprechenden" Verbindungsglieder zwischen den Familiengruppen eines Tages versterben. Ähnlich wie "normale Verwandtschaften" sind auch die Verwandtschaften, die über Reinkarnationsfälle entstehen, oft von innerfamiliären Streitigkeiten, Konkurrenzsituationen und ambivalenten Pflichtgefühlen geprägt. Drittens: Für eine Gemeinschaft, deren Siedlungsgebiete durch nationalstaatliche Frontverläufe, NATO-Stacheldraht und Minenfelder voneinander getrennt sind, schaffen derartige Verwandtschaftskonstruktionen nicht nur eine imaginäre Verbindung zum gemeinsamen Drusentum, sondern auch ganz konkrete Netzwerke, die von den Betroffenen empirisch gelebt werden (können). Rückblickend auf das hohe Maß an Empathie, mit der die Interviewpartner*innen von ihren Reinkarnationsfällen erzählten, scheinen die im Forschungsprozess erhobenen "Konzeptionen der Wiedergeburt unter den Drusen im Nahen Osten" für die Betroffenen im Hier und Jetzt vor allem eines zu sein: wichtig für das personale und kollektive Überleben - über Grenzen hinweg. Nachzulesen sind diese Forschungsergebnisse in einer Buchpublikation, die unter diesem Link verfügbar ist: https://www.peterlang.com/view/title/71546
- Laila Prager, Universität Hamburg - Deutschland
- Heinz Halm, Universität Tübingen - Deutschland
- Mohammed Shunnaq, Yarmouk University Irbid - Jordanien
- Astrid Meier, Orient-Institut Beirut - Libanon
- Dick Douwes, Erasmus University Rotterdam - Niederlande
Research Output
- 12 Zitationen
- 12 Publikationen
- 1 Disseminationen
- 4 Weitere Förderungen
-
2021
Titel The Different Appearance of the Identical: Some Thoughts About How the Druze Discourse on Transmigration Connects Lives; In: Druze Reincarnation Narratives: Previous Life Memories, Discourses, and the Construction of Identities Typ Book Chapter Autor Nigst L Verlag Peter Lang Publishing Group Seiten 73 - 112 Link Publikation -
2021
Titel Leaving Things in Abeyance: Druze Shaykhs Speaking About Transmigration on TV; In: Druze Reincarnation Narratives: Previous Life Memories, Discourses, and the Construction of Identities Typ Book Chapter Autor Nigst L Verlag Peter Lang Publishing Group Seiten 131 - 143 Link Publikation -
2021
Titel Final Comment: Reincarnation and Viability in a Fractured World; In: Druze Reincarnation Narratives: Previous Life Memories, Discourses, and the Construction of Identities Typ Book Chapter Autor Fartacek G Verlag Peter Lang Publishing Group Seiten 211 - 215 Link Publikation -
2021
Titel Ethnographic Insights: Narratives Dealing with Previous Life Memories Among the Druze; In: Druze Reincarnation Narratives: Previous Life Memories, Discourses, and the Construction of Identities Typ Book Chapter Autor Fartacek G Verlag Peter Lang Publishing Group Seiten 15 - 71 Link Publikation -
2021
Titel Introductory Remarks; In: Druze Reincarnation Narratives: Previous Life Memories, Discourses, and the Construction of Identities Typ Book Chapter Autor Fartacek G Verlag Peter Lang Publishing Group Seiten 9 - 14 Link Publikation -
2021
Titel Druze Reincarnation Narratives DOI 10.3726/b18448 Typ Book editors Fartacek G Verlag Peter Lang, International Academic Publishers Link Publikation -
2019
Titel ‘Entering a gigantic maze:’ The ambivalent presence of previous-life memories in Druze discourse DOI 10.1177/0037768619833317 Typ Journal Article Autor Nigst L Journal Social Compass Seiten 273-288 Link Publikation -
2019
Titel Druze Reincarnation in Fiction: DOI 10.5617/jais.7048 Typ Journal Article Autor Nigst L Journal Journal of Arabic and Islamic Studies Seiten 15-34 Link Publikation -
2020
Titel Sensible Forschungssituation und Potenzial: Narrative Interviews mit syrischen Kriegsflüchtlingen aus methodischer und methodologischer Perspektive DOI 10.1553/jpa10s90 Typ Journal Article Autor Fartacek G Journal International Forum on Audio-Visual Research - Jahrbuch des Phonogrammarchivs Seiten 90-106 -
2018
Titel Geschichten und Diskurse zur Wiedergeburt: Zwei Feldforschungsaufenthalte im Rückblick DOI 10.1553/jpa8s135 Typ Journal Article Autor Fartacek G Journal International Forum on Audio-Visual Research - Jahrbuch des Phonogrammarchivs Seiten 135-145 -
2018
Titel Konzeptionen der Wiedergeburt und Fälle von „sprechenden Kindern“ unter den Drusen: Episodische Interviews und sozialanthropologische Perspektiven DOI 10.1553/jpa8s17 Typ Journal Article Autor Fartacek G Journal International Forum on Audio-Visual Research - Jahrbuch des Phonogrammarchivs Seiten 17-55 Link Publikation -
2018
Titel Being One and Two and Druze: Problems of belonging in the remembrance of previous lives DOI 10.1553/jpa8s56 Typ Journal Article Autor Nigst L Journal International Forum on Audio-Visual Research - Jahrbuch des Phonogrammarchivs Seiten 56-81 Link Publikation
-
2016
Titel AAS Internship for Refugees Typ Fellowship Förderbeginn 2016 -
2019
Titel AAS Internship for Refugees Typ Fellowship Förderbeginn 2019 -
2021
Titel DAAD Visiting Post-Doc Fellowship Typ Fellowship Förderbeginn 2021 -
2021
Titel AAS Holzhausen-Legat Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2021