Biodiversität und Biogeographie der litoralen Hornmilben Bermudas und der Karibik
Biodiversity and biogeography of intertidal Oribatida from Bermuda and the Caribbean
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (100%)
Keywords
-
Oribatida,
Biogeography,
Evolution,
Intertidal,
Phylogeny,
Dispersal
Bermuda ist eine kleine abgelegene subtropische Inselgruppe im Westatlantik die sich vor ca. 900 000 Jahren durch vulkanische Aktivität aus dem Meer erhob. Auf dieser Landmasse wurde durch eine kürzlich durchgeführte Studie eine unerwartet hohe Anzahl von Küstenmilben nachgewiesen und gleichzeitig wurden interessante biologische Aspekte dieser Tiere in Erfahrung gebracht. Diese Milben leben in der Gezeitenzone und sind die Hälfte ihres Lebens überflutet. Durch spezielle Oberflächenstrukturen ist es diesen Tieren möglich, Luft während der Flut am Körper zu halten und so auch unter Wasser zu atmen. Eine genetische Analyse zeigte dass die auf Bermuda gefundenen Arten geologisch älter sind als die Inseln selbst und somit nicht dort entstanden sein können. Woher stammen also diese Tiere ursprünglich? Die nächstgelegene Landmasse ist die 960 Kilometer entfernte nordamerikanische Ostküste (North Carolina), jedoch hat man dort bislang keine dieser Milben entdeckt und somit scheint dies nicht das gesuchte Ursprungsgebiet zu sein. In den noch viel weiter abgelegenen Gebieten Zentralamerikas und der karibischen Inseln gibt es allerdings bestätigte Vorkommen naher Verwandter und dementsprechend könnten die Milben Bermudas von dort abstammen. Jedoch stellt sich aber generell die Frage wie diese kleinen flügellosen Tiere überhaupt solch riesige Distanzen über die offene See überwinden und so entlegene Inseln besiedeln konnten. Drei mögliche Verbreitungsvarianten stehen hier zur Auswahl: (1) die Verdriftung über den Wind, (2) den Transport im Gefieder von Vögelnund (3) die Verbreitung entlang von Ozeanströmen. Überzeugende Beweise für eine dieser Möglichkeiten gibt es bislang noch keine aber man nimmt an, dass die Verdriftung mit Ozeanströmen eine wichtige Rolle spielen könnte. Das hier geplante Projekt möchte eben genau diese oben erwähnten Fragen beantworten. Die geologische Geschichte der Karibik ist sehr gut dokumentiert, man weiß im welchen Zeitraum welche Inseln entstanden sind, und man kennt die Meeresströmungen in diesem Gebiet im Detail, d.h. welcher Ozeanstrom in welche Richtung und mit welcher Geschwindigkeit fließt. Dieses Wissen bietet die ideale Voraussetzung um zu untersuchen wann, wie und wo sich diese Milben in der Karibik ausgebreitet haben bzw. wie sie diese gesamte Region besiedelt haben. Eine umfassende Untersuchung der Anatomie und der Genetik von Arten von verschiedenen Inseln und Regionen der Karibik soll den geografischen Ursprung der Milben Bermudas aufdecken und ein Vergleich der entdeckten Verbreitungsmuster mit den Ozeanströmen bzw. Vogelzugrouten soll klären wie diese winzigen Tiere über große Distanzen von einer Insel auf die andere gelangen können. Projektleiter wird Tobias Pfingstl sein. Er untersuchte die Milben in der Gezeitenzone von Bermuda und beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit den Küstenmilben der ganzen Welt. Das Projekt soll in Zusammenarbeit mit der Vereinigung der marin biologischen Stationen der Karibik sowie mit internationalen Spezialisten für verschieden Fachgebiete, wie z.B. Tiergeographie, durchgeführt werden.
Litorale Hornmilben sind kleinste Spinnentiere die im Gezeitenbereich an der Küste leben und sich dort von Algen ernähren. In diesem Projekt wurden die Biodiversität und die Biogeographie dieser Milben innerhalb der Karibik untersucht. Vor Beginn dieses Projektes war nur eine einzige Milbenart von den kleinen Antillen bekannt und darüber hinaus gab es zwei Berichte unbestimmter Arten von Costa Rica und Saint Lucia. Im Verlauf des Projektes konnten insgesamt 12 Arten aus 8 Gattungen und 2 Familien nachgewiesen werden, wovon 2 Gattungen und 5 Arten erstmals wissenschaftlich beschrieben wurden. Die Verbreitung der Arten erstreckt sich zum Teil über die gesamte Karibik (Mittelamerika, Florida, Kleine und Große Antillen) und so zeigt sich, dass diese Milben generell einen wichtigen Bestandteil der Küstenfauna ausmachen. Mithilfe von morphologischen und genetischen Analysen konnte zusätzlich das Phänomen der sogenannten "Kryptischen Diversität" bei diesen Küstenmilben nachgewiesen werden, d.h. obwohl die Milben von verschiedenen Standorten genetisch stark unterschiedlich sind, so unterscheiden sie sich morphologisch kaum bis gar nicht. Der Grund für dieses gleiche Aussehen dürfte eine morphologische Stasis sein, bei der der Körperbau durch einen starken selektiven Druck in gleichbleibender Form gehalten wird. Die Gezeitenzone stellt einen extremen Lebensraum dar und somit können kleine Veränderungen schon zu nachteiligen Effekten führen. Dementsprechend bleibt der Körperbau dieser Milben relativ konstant, unabhängig davon ob sie sehr nah oder weniger nah miteinander verwandt sind. Diese Milben sind flügellose kleine Tiere die nicht aktiv schwimmen können, insofern war lange unklar wie sie sich von einer Insel zur anderen verbreiten. Unsere Untersuchungen weisen darauf hin, dass sie über Meeresströme verdriftet werden, jedoch passiert so ein erfolgreicher Transport nur äußerst selten. Anhand von genetischen Daten konnten wir auch feststellen, dass unterschiedliche Arten ein unterschiedliches Ausbreitungspotential aufweisen. Zum Beispiel stellt für die Art Thalassozetes barbara der Ozean zwischen den Inseln eine beinahe unüberwindliche Barriere dar, während Carinozetes mangrovi offensichtlich relativ regen Austausch zwischen verschiedenen Inseln aufzeigt. Der Grund für dieses unterschiedliche Ausbreitungspotential dürfte im genutzten Habitat liegen, Thalassozetes barbara kommt nur in Algen auf Küstenfelsen vor während Carinozetes mangrovi vorwiegend in Algen auf Mangrovenwurzeln beherbergt ist. Wird durch die Brandung ein Stück vom jeweiligen Habitat abgebrochen und weggeschwemmt, so wird die hölzerne Mangrovenwurzel, im Gegensatz zum Stein, lange Zeit auf dem Wasser dahindriften und so auch die Milben mittransportieren. Dementsprechend stellen Ozeanströmungen einen wichtigen Verbreitungsweg dar und auch die Daten unseres Projektes weisen darauf hin, dass die Verbreitung der Milben hauptsächlich entlang von Meeresströmungen stattfindet, wobei in der Karibik der Golfstrom eine wichtige Rolle spielt. Generell hat dieses Projekt gezeigt, dass die Diversität dieser Küstenmilben unerwartet hoch ist, folglich ist anzunehmen, dass in anderen bisher wenig untersuchten Regionen der Erde noch zahlreiche unbekannte Arten vorhanden sind.
- Universität Graz - 100%
- Ilse Bartsch, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) - Deutschland
- Natalia V. Lebedeva, Russian Academy of Sciences - Russland
Research Output
- 145 Zitationen
- 15 Publikationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2023
Titel First insights into the morphological development of tarsal claws in terrestrial oribatid mites DOI 10.24349/3krx-4s03 Typ Journal Article Autor Kerschbaumer M Journal Acarologia Seiten 419-427 Link Publikation -
2023
Titel The Caribbean intertidal mite Alismobates inexpectatus (Acari, Oribatida), an unexpected case of cryptic diversity? DOI 10.1007/s13127-023-00624-9 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal Organisms Diversity & Evolution Seiten 811-832 Link Publikation -
2021
Titel First comprehensive insights into the biogeography of the Caribbean intertidal oribatid mite fauna (Ameronothroidea) DOI 10.1080/23766808.2021.1906136 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal Neotropical Biodiversity Seiten 102-110 -
2021
Titel Testing for phylogenetic signal in claws suggests great influence of ecology on Caribbean intertidal arthropods (Acari, Oribatida) DOI 10.1038/s41598-021-83747-3 Typ Journal Article Autor Kerschbaumer M Journal Scientific Reports Seiten 4398 Link Publikation -
2021
Titel A taxonomist‘s nightmare – Cryptic diversity in Caribbean intertidal arthropods (Arachnida, Acari, Oribatida) DOI 10.1016/j.ympev.2021.107240 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal Molecular Phylogenetics and Evolution Seiten 107240 Link Publikation -
2022
Titel A closer look reveals hidden diversity in the intertidal Caribbean Fortuyniidae (Acari, Oribatida) DOI 10.1371/journal.pone.0268964 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal PLoS ONE Link Publikation -
2019
Titel New and cryptic species of intertidal mites (Acari, Oribatida) from the Western Caribbean – an integrative approach DOI 10.1080/01647954.2018.1532458 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal International Journal of Acarology Seiten 10-25 Link Publikation -
2019
Titel The Caribbean enigma: the presence of unusual cryptic diversity in intertidal mites (Arachnida, Acari, Oribatida) DOI 10.1007/s13127-019-00416-0 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal Organisms Diversity & Evolution Seiten 609-623 Link Publikation -
2016
Titel First records of intertidal mite species (Acari: Acariformes: Oribatida) from Hispaniola's coast with two new records for the Caribbean Typ Journal Article Autor Tobias Pfingstl Journal Revista Iberica de Aracnologia Seiten 41-44 -
2017
Titel New Fortuyniidae and Selenoribatidae (Acari, Oribatida) from Bonaire (Lesser Antilles) and morphometric comparison between Eastern Pacific and Caribbean populations of Fortuyniidae DOI 10.11158/saa.22.12.11 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal Systematic and Applied Acarology Seiten 2190-2217 Link Publikation -
2018
Titel Systematics, genetics, and biogeography of intertidal mites (Acari, Oribatida) from the Andaman Sea and Strait of Malacca DOI 10.1111/jzs.12244 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research Seiten 91-112 Link Publikation -
2018
Titel A checklist of marine littoral mites (Acari) associated with mangroves. DOI 10.11646/zootaxa.4442.2.2 Typ Journal Article Autor Chatterjee T Journal Zootaxa Seiten 221-240 -
2017
Titel Morphological diversification among island populations of intertidal mites (Acari, Oribatida, Fortuyniidae) from the Galápagos archipelago DOI 10.1007/s10493-017-0149-3 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal Experimental and Applied Acarology Seiten 115-131 Link Publikation -
2017
Titel Schusteria marina sp. nov. (Acari, Oribatida, Selenoribatidae) an intertidal mite from Caribbean coasts, with remarks on taxonomy, biogeography, and ecology DOI 10.1080/01647954.2017.1348393 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal International Journal of Acarology Seiten 462-467 Link Publikation -
2017
Titel New littoral mite species (Acari, Oribatida, Fortuyniidae) from the Galápagos archipelago, with ecological and zoogeographical considerations. DOI 10.11646/zootaxa.4244.1.2 Typ Journal Article Autor Pfingstl T Journal Zootaxa Seiten 39-64
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2017
Titel NOBIS prize for best talk Typ Poster/abstract prize Bekanntheitsgrad National (any country) -
2016
Titel Editor Section Oribatida in the international Journal Zootaxa Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International