Zweisprachige literarische Praxis der Kärntner Slowenen
Bilingual literary practice of the Carinthian Slovenes
Wissenschaftsdisziplinen
Medien- und Kommunikationswissenschaften (20%); Soziologie (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
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Carinthian Slovenes,
Literature And Bilingualism,
Literary Transfer Processes,
Transnational Literary Space,
Polysystem Researche
In den letzten 25 Jahren haben sich die Rezeptionsbedingungen für Literatur von Kärntner Slowenen im deutsch- wie im slowenischsprachigen Raum geändert. Beleg dafür sind sowohl das internationale Echo auf den Roman "Engel des Vergessens" (2011) von Maja Haderlap als auch die Erfolge des slowenisch schreibenden Schriftstellers Florjan Lipuš. Peter Handkes zum Teil zweisprachiges Stück "Immer noch Sturm", das zeitnah seine Premiere bei den Salzburger Festspielen (2011) sowie im Slowenischen Nationaltheater in Ljubljana (2013) erlebte, zeigt wiederum, dass auch spezifische Thematiken, Sujets und Modelle der Literatur der Kärntner Slowenen von der Peripherie in zentrumsnahe und öffentlichkeitswirksame Positionen gerückt sind. Dem zugrunde liegt eine interkulturelle Praxis, die über das Feld der slowenischen Literatur in Kärnten hinausreicht und zu neuen Interaktionen führt. Im vorliegenden Projekt geht es darum, die aktuelle literarische Praxis zweisprachiger Autorinnen und Autoren aus Kärnten und den Interaktionsraum, in dem sie tätig sind, systematisch zu erfassen. Auf empirischer Grundlage soll untersucht werden, welche Position die Literatur einer Minderheit, die ihre Identität nicht mehr aus ihrer Eigenart oder der regionalen Gebundenheit ihrer Träger bezieht, im System der Literatur einnimmt. Zu fragen ist, ob die bobachtbaren überregionalen und transnationalen Interaktionen konjunkturell bedingt sind oder ob sie auf einen Strukturwandel hinweisen; von dem die slowenische Literatur in Kärnten letztlich profitiert. Daher soll auch festgestellt werden, inwieweit diese Interaktionen und der Wechsel zur literarischen Zweisprachigkeit beobachtbare Rückwirkungen auf die slowenische literarische Produktion und die Repertoires der Minderheit selbst haben.
Die Literatur von Kärntner SlowenInnen tendiert heute in erheblichem Ausmaß zu den deutschsprachigen literarischen Zentren. Sprache und ethnische Zugehörigkeit stellen daher längst keine ausreichenden Kriterien mehr dar, um ihre Literatur als Literatur einer relativ homogenen Minderheit zusammenzufassen. Ziel des Projekts war deshalb von Beginn an die Beschreibung eines offenen zweisprachigen literarischen Feldes unter Berücksichtigung von Texten und AutorInnen jeglicher Provenienz, die in einem rezeptiven, partizipativen oder produktiven Verhältnis zu dieser Literatur und ihren Produktionsweisen stehen. Dazu wurde eine umfangreiche Datenbank geschaffen, die es ermöglicht, die Entwicklungen und Veränderungen in der literarischen Praxis der Kärntner Slowenen seit der Einstellung der Zeitschrift mladje 1991 zu untersuchen und den überregionalen (transnationalen, virtuellen) Raum zu erfassen, in dem sich Kärntner slowenische Literatur bewegt. Erstmals wurden systematisch Texte, AutorInnen und Institutionen aus dem deutschsprachigen und slowenischsprachigen Raum erhoben, die nicht primär aus der slowenischen Volksgruppe in Kärnten hervorgehen, die jedoch aufgrund ihres Rückgriffs auf Themen und Genres der Literatur und Erinnerungskultur der Kärntner Slowenen oder aufgrund institutioneller Beziehungen in nachweisbare Interaktion treten und den literarischen Raum miterschaffen, in dem die Literatur von Kärntner SlowenInnen heute zu verorten ist. Erstmals wurden auch Formen medialer und intermedialer literarischer Praxis erfasst, die elektronische Distributionskanäle nutzen und so die Erweiterung und Virtualisierung dieses Raumes vorantreiben. Die Analyse des zweisprachigen literarischen Feldes stellt somit Werkzeuge für die weitere Erforschung inter- und transkultureller literarischer Interaktionen bereit und erweitert die methodologische Basis für die Erforschung literarischer Mehrsprachigkeit überhaupt.
- Universität Graz - 100%