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Nagara Architektur: Form, Geometrie und Konstruktion

Nagara Architecture of Himachal:Form, Geometry, Construction

Gerald Kozicz (ORCID: 0000-0003-1107-8615)
  • Grant-DOI 10.55776/P28509
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2016
  • Projektende 30.06.2019
  • Bewilligungssumme 324.794 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Bauwesen (70%); Informatik (30%)

Keywords

    Nagara Architecture, Hinduism, Parametric Design, Shape Grammar, Western Himalaya, 3D-Modeling

Abstract Endbericht

Der Nagara Tempel ist typologisch gesehen ein sakraler Zentralbau, der sich auf einem geometrischen Grundrissraster, der sich von grundlegenden Hindu-Mandalas ableitet, aufbaut. Hauptmerkmal ist der gekurvte, meist lang gestreckte, Shikara-Turm, der als oberer Bauwerksteil über der Kultkammer (garbha grha) errichtet wurde. Seine durchwegs sorgfältige und detailreiche Struktur trägt wesentlich zum skulpturalen Charakter dieses architektonischen Typus bei. Technisch gesehen resultiert dies aus einer modularen Bauweise basierend auf standardisierten Konstruktionskomponenten und dekorativ-formalen Elementen aus Stein, die den Rhythmus der Form bestimmen. Folglich basiert die form des Nagara Tempels aus dem Zusammenspiel von Mandalagrundriss und einem ausgeklügelten vertikalen Proportionssystem. Während umfangreiche Studien zu Grundrissen und deren Geometrien vorliegen, fehlt es fast vollständig an Daten zum vertikalen Aufbau, was vermutlich an der vergleichsweise schwierigen Vermessung des meist hohen Aufbaus liegt. Folglich fehlt es an Schnitten und Ansichten, die für ein Studium wesentlicher architektonischer Aspekte wie der Konstruktion und des Proportionssystems unerlässlich sind; weshalb das Wissen über diesen ausgefeilten Gebäudetypus sehr lückenhaft ist. Ziel des beantragten Projekts ist die vollständige Baudokumentation ausgewählter Nagara Tempel in den Tälern der Vorgebirge des westlichen Himalaya, heute im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh gelegen, wo eine für eine Vergleichsstudie ausreichende Anzahl dieser Bauwerke in vergleichsweise gutem Zustand erhalten geblieben ist. Die Vermessung wird mit analogen und digitalen Mitteln durchgeführt inklusive Photogrammetrie. Mittels Vergleichsstudiewerdendie Gesetzmässigkeitenund Gestaltungsprinzipien untersucht. Weiters werden die Zusammenhänge von strukturellen und konstruktiven, sowie formalen (ästhetischen) Konventionen, und funktionalen Aspekten sowie deren Einfluss auf die Gesamtform untersucht. Ziel ist daher die Rekonstruktion und Ableitung der Entwurfsparameter, d.h. die Wechselwirkung und Abhängigkeit von Geometrie, modularer Bauweise sowie standardisierten Abmessungen und Formen der einzelnen Komponenten. Dazu wird Shape Grammar, eine speziell für Parametric Modelling und Design entwickelte Software für diesen analytischen Prozess adaptiert. Die Studie wird daher wesentlich mittels digitalisierter 3D-Modelle durchgeführt. Konstruktive Elemente werden parametrisch definiert. Die parametrischen Daten werden mit den allgemeinen Ergebnissen der Konstruktionsstudien abgeglichen. Basierend auf den abgeleiteten Gesetzmässigkeiten wird eine generation machine programmiert, durch die sämtliche Schritte des Konstruktionsprozesses nachgestellt und visualisiert werden. Diese Methode ermöglicht die Untersuchung aller grundlegenden typologischen Muster, die allen Bauwerken gemeinsam sind, und erlaubt gleichzeitig die Rekonstruktion jedes einzelnen Bauwerks hinsichtlich architektonischer Form und Konstruktion. Weiters werden alle relevanten ikonografischen und dekorativen Elemente erfasst und so als Teil des architektonischen Gesamtsystems anderen Forschungsgebieten (Indologie, Kunsteschichte, etc.) zugänglich gemacht. Methodisch werden damit in diesem Projekt die Potentiale zeitgemäßer, digitaler Architekturdokumentation und Darstellung mit den Fachbereichen indische Baukunst und Kulturgeschichte zusammengeführt.

Im Rahmen des Projekts wurden drei Forschungsreisen in den westlichen Himalaya und die Region der früheren Himalayan Hill States in Himachal Pradesh durchgeführt. Dabei wurden etwa 25 Orte mit Nagara Tempeln besucht und etwa 75 Tempel in unterschiedlichen Graden dokumentiert. Neben der Architektur der Bauwerke wurden nach Möglichkeit auch die damit verbundene Bildkunst sowie etwaige Skulpturen und andere Kultobjekte aufgenommen. Die Daten wurden danach digitalisiert, wobei dabei erstmals vollständige Plansätze einiger dieser architektonischen Objekte erstellt wurden. Diese erlaubten nun das Studium der Proportionen und des strukturellen Aufbaus dieser Tempel, ins besonders der Shikhara Türme und deren Ornamentierung, zu denen es bis dato keine exakte Studie gegeben hatte. Ein weiterer Fokus lag bei der Portalarchitektur und der Gestaltung der Türrahmen. Innerhalb des der Studie gab dabei zwei Schwerpunkte. Einerseits wurden einige Tempel einer detaillierten Analyse unterzogen. Grund dafür war, daß sich an einigen Tempel Sonderfragen auftaten, die eine gesonderte Diskussion erforderten. Ein solcher Fall war der Triloknath Tempel von Tunde/Lahul, der von Shiva Anhängern ebenso verehrt wird wie von Buddhisten. Hier konnten neue Erkenntnisse zur frühen Geschichte des Tempels präsentiert werden. Ein anderer Fall war Tempel III von Parahat, für den aufgrund einer exakten Analyse von Portal und strukturellem Aufbau der Beweis für eine frühere Datierung als bisher angenommen erbracht werden konnte, und der damit in die Post-Gupta Phase eingeordnet werden kann. Der zweite Schwerpunkt lag bei einer generellen, großflächigen vergleichenden Studie, innerhalb unterschiedlicher Nagara Tempel präsentiert wurde (https://iam.tugraz.at/nagara/). Dieser Teil des Projekts wurde über die Projekt Website auch Open Access zugänglich gemacht. Die Seite enthält neben einer Einführung zur Nagara Architektur 11 vollständige Dokumentationen von verschiedenen Tempeln aus den diversen Teilregionen. Der innovative Ansatz der Seite ist die Verwendung von exakten 3D-Modellen, die durch einheitliche Plandarstellungen ergänzt werden. Die Seite ist ansatzweise interaktiv und erlaubt etwa das selbstständige Nachbauen der Tempel durch die User und enthält mehrere Tools, die auch einzelne Bauwerkskomponenten genau erklären. Besonderem Stellenwert kamen dabei den fotorealistischen 3D-Modellen zu, die auf der Basis der Fotoserien generiert werden konnten. Diese Modelle sind auch von hohem Wert als Dokumentationen des Status quo. Gemäß dem Forschungsansatz entwickelte sich das Projekt in Richtung Digital Humanities zu gehen und Digital Cultural Heritage. Einige ausgewählte Modelle wurden für Augmented Reality und Virtual Reality aufbereitet. Vier rekonstruierte Modelle wurden auch in Einzelkomponenten in einem 3D-Druckverfahren im Maßstab 1:20 nachgebaut und auch ausgestellt. Alle diese digitalisierten Daten ermöglichen nicht nur neue Einblicke in die Baugeschichte und Kunst dieser Monumente, sie enthalten auch entscheidende Information für zukünftige Restaurierungs- und Konservierungsprojekte, und sind damit Teil einer umfassenden, nachhaltigen Cultural Preservation Strategy.

Forschungsstätte(n)
  • Technische Universität Graz - 100%

Research Output

  • 1 Zitationen
  • 9 Publikationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2019
    Titel The Old Temple of Basgo, Ladakh; In: Eloquent Spaces: Meaning and Community in Early Indian Architecture
    Typ Book Chapter
    Autor Kozicz Gerald
    Verlag Routledge
    Seiten 88-104
  • 2018
    Titel The Minister's Palace of Hunder: Reflections on Material and Visual Culture
    Typ Journal Article
    Autor Kozicz Gerald
    Journal Orientations
    Seiten 2-8
  • 2016
    Titel The Last Wall Standing. A Survey of the Architectural Remains and the Material Components of the Dilapidated Buddhist Temple of Chigtan in Lower Ladakh
    DOI 10.1484/j.jiaaa.4.2017009
    Typ Journal Article
    Autor Bayerova T
    Journal Journal of Inner Asian Art and Archaeology
    Seiten 193-204
  • 2017
    Titel Die Nidhis und Vaishravana in der Bildkunst von Alchi
    Typ Journal Article
    Autor Kozicz Gerald
    Journal Indo-asiatische Zeitschrift
    Seiten 52-60
  • 2017
    Titel Remarks on the Practice of Installing Lhathos of Territorial Deities in Buddhist Temples in the Western Himalayas
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Kozicz Gerald
    Konferenz Himalaya Conference Bedlewo 2016
    Seiten 9-30
  • 2017
    Titel One Stupa and Three Lha thos: The Monuments of Tashigang
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Kozicz Gerald
    Konferenz Conference on the Spiti Valley held at Oxford
    Seiten 226-248
    Link Publikation
  • 2017
    Titel A Pseudo-Inscription Attached to a Teacher's Portrait inside a Stupa at Alchi: Hints at a Trans-Karakorum Cultural Exchange; In: From Local to Global: Papers in Asian History and Culture. Prof. Nairan Commemorative Volume 2
    Typ Book Chapter
    Autor Kozicz Gerald
    Verlag D.K. Fine Art Press
    Seiten 401-420
  • 2017
    Titel The Cruciform Temple of Tholing: The Transfer of Architectural Concepts from North-East-India to the Western Himalayas around 1000 CE
    Typ Journal Article
    Autor Kozicz Gerald
    Journal Journal for Bengal Art
    Seiten 19-24
  • 2017
    Titel Stupas, Lhathos, Tsatsakhangs: A Preliminary Report on the Cultural Topography of Hunder
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Kozicz Gerald
    Konferenz Tibetan Borderlands' Workshop held at Palacky University, Olomouc
    Seiten 625-644
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2019
    Titel Member of the editorial board of Ethnologia Polona
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International

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