Prospektion von Grenzen: Archäologie entlang des Mazaro, Sizilien
Prospecting Boundaries: Archaeology along the Mazaro
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Archaelogical Prospection,
Historic Landscape Characterization,
Geophysical Prospection,
Geoarchaeology,
Airborne Laser Scanning,
Sicily
Im Rahmen des landschaftsarchäologischen Projektes wird eine diachrone Analyse des Wandels menschlicher Besiedlung und Landnutzung entlang des Flusses Mazaro durchgeführt, der im westlichen Sizilien das Landesinnere mit der Küste verbindet und während der Griechischen Kolonisation als Grenzregionfungierte.Wesentliche Untersuchungswerkzeugesind ein Methodenmix aus systematischer, integrierter archäologischer Prospektion in Kombination mit einer Auswertung historischer Karten. Das Projekt versucht somit in zwei Bereichen, archäologisches Neuland zu betreten: Zunächst geht es um eine bislang von der archäologischen Forschung vernachlässigte Region. Auch wenn es in Sizilien bereits archäologische Forschungen entlang der Küste und im Landesinneren gibt, so wurde die Übergangszone zwischen diesen beiden Zonen bislang von der archäologischen Forschung vernachlässigt. Zudem hielten sich bisherige Feldforschungen in dieser Region hauptsächlich an traditionelle Zugänge, wobei in erster Linie die archäologische Feldbegehung als Informationsquelle herangezogen wurde; moderne nicht-invasive Prospektionsmethoden, die wesentliche zusätzliche Information zu den verfolgten Fragestellungen bereitstellen könnten, wurden bislang kaum angewandt. Daher ist die prinzipielle Anwendbarkeit dieser modernen Prospektionsmethoden in dieser geomorphologisch (hohe Erosions- und Akkumulationsraten) und von der Landnutzung (Weinbau, Olivenhaine) her schwierigen Region bislang kaum untersucht worden. Das beantragte Projekt versucht daher erstmals eine Kombination von in erster Linie nicht-invasiven Prospektionsmethoden (v.a. flugzeuggetragenes Laser Scanning, geophysikalische Prospektion, systematische Feldbegehung, Geoarchäologie) in Westsizilien anzuwenden, um Fragen der Besiedlung und Landnutzung in diesem bislang kaum erforschten Bereich zwischen Küste und Landesinneren nachzugehen. Ein wesentlicher Zugang, mit dessen Hilfe die unterschiedlichen Ergebnisse integriert und verknüpft werden sollen, ist die historic landscape characterization. Sie bietet das methodologische Fundament, um aus der Analyse historischer Karten, Luftbilder und Archivalien in Kombination mit den Prospektionsergebnissen eine diachrone Perspektive der Landnutzung und des Landschaftswandels zu erhalten. HLC wurde bereits erfolgreich in anderen mediterranen Regionen erfolgreich eingesetzt, ist für Sizilien allerdings noch ein Desiderat. Alle während des Projektes gesammelte Information sollen in einem GIS-basierten System zusammengeführt und im Rahmen eines web-basierten Portals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Das Projekt Prospektion von Grenzen beschäftigte sich mit dem sozialen Wandel und der damit einhergehenden veränderten Landnutzung in Westsizilien. Das zentrale Forschungsgebiet erstreckte sich entlang des Flusses Mazaro, der das Landesinnere mit der Küste verbindet und während der Griechischen Kolonisation vermeintlich als Grenzregion fungierte. Von besonderem Interesse war daher die Frage nach der soziokulturellen Entwicklung innerhalb des Gebietes vom Ende des zweiten bis zur Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Wesentliche Untersuchungswerkzeuge waren ein Methodenmix aus systematischer, integrierter archäologischer Prospektion in Kombination mit historic landscape characterization (HLC). Dies bedeutet, dass sämtliche Zeitstufen archäologisch erfasst wurden, wobei unter Zuhilfenahme von historischen Karten, Luftbildern und Archivalien in Kombination mit den Prospektionsergebnissen und stratigrafischer Analysen die gegenwärtige und historische Landnutzung dekonstruiert wurde. Dies ermöglichte, Kontinuität und Wandel der Landschaft besser zu verstehen. Zu den neu entwickelten methodischen Zugängen zählt die Nutzung historischer Luftbilder (die ältesten stammen von 1941) mit deren Hilfe sich historische Geländemodelle ableiten ließen. Diese waren bei der Interpretation des Wandels der Topografie und der Landnutzung in den letzten 80 Jahren von großem Nutzen. Sie erlaubten unter anderem die Identifizierung von Bereichen, in denen aufgrund massiver Erosion bzw. Akkumulation keine Spuren vergangener menschlicher Aktivitäten mehr an der Oberfläche zu erwarten sind. Eine der wesentlichsten Erfolge des Projektes war die Entwicklung eines integrierten, landschaftlich orientierten Zugangs zum Forschungsgebiet in Westsizilien. Dies bedeutet, dass wir im Untersuchungsgebiet nicht nur einzelne abgegrenzte archäologische Fundstellen sondern die Gesamtheit der Landnutzung erforschten. Dabei zeigten sich zahlreiche Strukturen vergangener Infrastruktur, wie zum Beispiel Teile von Wegenetzen, die sich aufgrund von in den Fels eingegrabenen Wagenspuren rekonstruieren ließen. Diese weitläufigen Spuren waren in dieser Region bisher unbekannt. Sie deuten auf eine lange Nutzung von Wegtrassen und die damit verbundene Mobilität von Menschen und Gütern in historischen und möglicherweise auch prähistorischen Zeiten hin. Zudem fanden sich Spuren von ehemaliger Landwirtschaft und Materialentnahmen. Bedeutend erscheint die Entdeckung eines bislang unbekannten befestigten Siedlungsareals am steil abfallenden Abbruch zum Mazaro. Die Befestigung und ihr Umfeld waren laut unseren Forschungsergebnissen in einem Zeitraum von mindestens 1.000 Jahren, zwischen Mitte des 2. Jahrtausends und dem ersten Jahrtausend v. Chr. besiedelt. Dies erscheint für unseren zeitlichen Fokus um die Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. Bedeutend. Vor unseren Forschungen waren im Projektgebiet kaum Nachweise von indigenen Siedlungen bekannt. Man vermutete, dass sich die einheimische Bevölkerung weit ins Landesinnere zurückgezogen hatte, als Phönizier und Griechen ihre Kolonien gründeten und sich von der Küste aus ausbreiteten. Unsere Forschungen weisen auf mögliche andere Szenarien hin. Die Interaktion zwischen indigenen Gruppen und Kolonisten dürften in diesem Zeitraum komplexer gewesen sein als zuvor angenommen.
- Universität Wien - 83%
- Ludwig Boltzmann Gesellschaft - 17%
- Wolfgang Neubauer, Ludwig Boltzmann Gesellschaft , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 101 Zitationen
- 5 Publikationen
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2020
Titel New discoveries at Mokarta, a Bronze Age hilltop settlement in western Sicily DOI 10.15184/aqy.2019.171 Typ Journal Article Autor Sevara C Journal Antiquity Seiten 686-704 Link Publikation -
2020
Titel A Landscape in Transitions: Guletta, a Multiperiod Settlement along the Mazaro River in Western Sicily DOI 10.1080/00934690.2020.1734898 Typ Journal Article Autor Sevara C Journal Journal of Field Archaeology Seiten 334-354 Link Publikation -
2019
Titel Relative Radiometric Calibration of Airborne LiDAR Data for Archaeological Applications DOI 10.3390/rs11080945 Typ Journal Article Autor Sevara C Journal Remote Sensing Seiten 945 Link Publikation -
2017
Titel Surfaces from the Visual Past: Recovering High-Resolution Terrain Data from Historic Aerial Imagery for Multitemporal Landscape Analysis DOI 10.1007/s10816-017-9348-9 Typ Journal Article Autor Sevara C Journal Journal of Archaeological Method and Theory Seiten 611-642 Link Publikation -
2017
Titel LiDAR-guided Archaeological Survey of a Mediterranean Landscape: Lessons from the Ancient Greek Polis of Kolophon (Ionia, Western Anatolia) DOI 10.1002/arp.1572 Typ Journal Article Autor Grammer B Journal Archaeological Prospection Seiten 311-333 Link Publikation