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Musik, Medizin und Psychiatrie in Wien (ca. 1780 - ca. 1850)

Music, Medicine, and Psychiatry in Vienna (c. 1780 - c. 1850)

Andrea Korenjak (ORCID: 0000-0002-6206-8161)
  • Grant-DOI 10.55776/P27287
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 21.07.2014
  • Projektende 20.05.2018
  • Bewilligungssumme 230.914 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (10%); Kunstwissenschaften (70%); Psychologie (20%)

Keywords

    Vienna, Psychiatry, Historical Musicology, Medicine, Music Therapy, Aesthetics of Music

Abstract Endbericht

Das Projekt verfolgt das Ziel, einen seit langem ausstehenden kulturhistorischen Beitrag zur Bedeutung der Musik in Medizin und in psychiatrischen Einrichtungen in Wien im ausgehenden 18. und in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu leisten. Unter Berücksichtigung internationaler Strömungen (wie den Psychiatriereformen in Frankreich, Deutschland und England) und nationaler Entwicklungen (wie der Entstehung so genannter Irren-Anstalten im Habsburgerreich/Kaisertum Österreich) wendet sich die Studie zwei psychiatrischen Einrichtungen im Besonderen zu, in denen Musik zur Behandlung eingesetzt wurde: der Wiener k. k. Irren-Anstalt (Narrenturm) sowie der Wiener Privat-Heilanstalt für Gemüthskranke Dr. Goergen. Literarische Primärquellen werden dabei durch Recherchen u.a. im Wiener Stadt- und Landesarchiv und im Archivbestand des Josephinums ergänzt. Das Projekt wird eine Synopsis kultureller, sozialpolitischer, medizin- und psychiatriehistorischer Bedingungen darlegen, welche Überlegungen zum therapeutischen Einsatz von Musik in Wien maßgeblich beeinflusst haben: Neuhumanistische Ideale (wie z.B. Humanität, moralisch-ethische Erziehung, Bildung im Sinne der studia humanitatis), Maximen der Auflklärung (z.B. Respekt vor der Individualität des Einzelnen, Freiheit und Gleichheit), Reformen Josephs II., der Beginn der modernen Psychiatrie, historische Theorien zu so genannten Geistes-, Gemüths- und Nervenkrankheiten, Theorien zum Einfluss der Musik auf Körper und Nerven sowie auf die Seele und das Gemüth etc. In diesem Zusammenhang werden die Bedeutungsspektren der folgenden Begriffe geistes- und musikgeschichtlich kontextualisiert: Resonanz (als akustische Resonanz und seelische Bewegung), Stimmung (als musikalische Stimmung und Gefühlsstimmung) sowie Sympathie (als Resonanz und ein Mitfühlen). Auf Grundlage der Historischen Musikwissenschaft werden diese Begriffe auch mit dem ästhetischen Diskurs in Beziehung gesetzt. Das Projekt widmet sich der Wiener Geschichte der Musiktherapie (im weitesten Sinne), die sowohl von historischen als auch musiktherapeutischen Disziplinen auffallend vernachlässigt wurde. In diesem Zusammenhang wird eine erste historische Lücke (von ca. 1780 ca. 1850) zwischen frühen Überlegungen, Musik konkret bei so genannten Geistes- und Gemüthskrankheiten in Wien zu verwenden, und den Anfängen der modernen Wiener Musiktherapie im Jahr 1958 geschlossen werden. Das Projekt bildet damit auch die Grundlage für weiterführende Foschungen im Bereich der historischen Erschließung musiktherapeutischer Ansätze in Wien und der westlichen Musiktherapie im Allgemeinen. Zudem entfaltet das Projekt auch für die Österreichische Geistes- und Kulturgeschichte an den Schnittflächen von Musik, Medizin und Psychiatrie seine Relevanz. Die Forschungsergebnisse werden in Artikeln zu ausgewählten Themenkomplexen und in Form eines Buches publiziert werden. Im transdisziplinären Austausch mit internationalen und nationalen Kooperationspartnern möchte das Projekt einen Dialog zwischen Historischer Musikwissenschaft, Medizin- und Psychiatriegeschichte sowie Musiktherapie anregen, der bislang weitestgehend ausgeblieben ist.

Das Projekt Musik, Medizin und Psychiatrie in Wien (ca. 1780 1850) verfolgte das Ziel, eine bislang ausstehende Beschreibung, historische Kontextualisierung und Analyse der Verwendung von Musik in der Medizin und in den Wiener psychiatrischen Anstalten des ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu leisten. Zu diesem Zweck wurden ausgedehnte Recherchen in Wiener Archiven (Krankengeschichten, Klinikberichte, Lagepläne, Katasterpläne, Bilder etc.) durchgeführt und über 700 Primärquellen (historische Bücher, Zeitschriftenartikel, Zeitungsberichte etc.) ausgewertet sowie die projektrelevante Sekundärliteratur hinzugezogen. Das Projekt hat sich vornehmlich drei Wiener psychiatrischen Anstalten zugewandt, in denen Musik in die klinische Praxis einbezogen wurde: die Wiener k. k. Irren-Anstalt, die Privat- Heilanstalt für Gemüthskranke Dr. Goergen sowie die k. k. Irrenanstalt am Bründlfeld. In diesem Zusammenhang wurde die Pionierarbeit von Bruno Goergen (17771842) hervorgehoben, der die Musik gezielt in die psychiatrische Praxis integrierte und sich der Idee einer moralischen Behandlung und der Ablehnung von Zwangsmaßnahmen verpflichtet fühlte. Mit der Gründung von Anstalten eigens für psychisch Kranke konnte die Macht der Musik in einem neuen Wirkfeld klinisch erprobt werden. Die neu gegründeten psychiatrischen Anstalten boten auch erstmals die Möglichkeit, eine größere Gruppe von PatientInnen klinisch zu beobachten. Der Einsatz von Musik in den Wiener Anstalten hatte aber nicht einen emotionalen Ausdruck der PatientInnen zum Ziel, sondern wurde viel mehr als Beschäftigung, Ablenkung (z.B. von fixen Ideen), Bildung (z.B. durch Musikunterricht) und Unterhaltung (z.B. durch Anstaltskonzerte und Kammermusik) gesehen, im Besonderen für jene PatientInnen, die unter einer Gemüthskrankheit litten. Der Glaube an eine universelle Wirkkraft der Musik musste aufgegeben werden. Im Gegensatz zur vormaligen Überzeugung einer zwingenden (affektiven oder mechanistischen) Wirkung der Musik auf Körper und Seele, führte die klinische Praxis zu neuen Überlegungen von Ärzten, die nun zunehmend die individuelle Musikwahrnehmung der PatientInnen berücksichtigten und den Einfluss der aktuellen Stimmung und Verfassung sowie von musikalischen Präferenzen und Hörgewohnheiten als Wirkfaktoren erkannten. Diese neuen Einsichten wurden in den ersten Wiener medizinischen Dissertationen zur Musik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts berücksichtigt, in denen auch Empfehlungen und Anleitungen für den therapeutischen Gebrauch der Musik zu finden sind. Im 19. Jahrhundert lässt sich ein Paradigmenwechsel vom Hören der Musik hin zum aktiven Musizieren verfolgen. Diese Tendenz wurde durch den Umstand verstärkt, dass PatientInnen, die sich einen Aufenthalt in einer Privatheilanstalt (wie die Privat-Heilanstalt für Gemüthskranke) leisten konnten, im Allgemeinen auch musikalisch sehr gebildet waren. Die Forschungsergebnisse wurden bislang u.a. im Rahmen von 13 internationalen Konferenzbeiträgen und Gastvorlesungen präsentiert und in 5 Artikeln zusammengefasst. Zudem wurde ein internationaler Kongress zum Thema Musik, Medizin und Emotion organisiert und eine Monografie vorbereitet.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Manuela Schwartz, Fachhochschule Magdeburg-Stendal - Deutschland
  • Peregrine Horden, The University of Oxford - Vereinigtes Königreich
  • Penelope Gouk, University of Manchester - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 9 Zitationen
  • 1 Publikationen
Publikationen
  • 2018
    Titel From moral treatment to modern music therapy: On the history of music therapy in Vienna (c. 1820–1960)
    DOI 10.1080/08098131.2018.1467481
    Typ Journal Article
    Autor Korenjak A
    Journal Nordic Journal of Music Therapy
    Seiten 341-359
    Link Publikation

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