Anleihe monophoner Melodien in weltlicher und geistlicher Mehrstimmigkeit um 1500
Borrowing of Monophonic Melodies in Secular and Sacred Polyphony around 1500
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (10%); Kunstwissenschaften (60%); Soziologie (10%)
Keywords
-
Music,
Medieval,
Renaissance,
Monophony,
Polyphony,
Borrowing
Dieses Projekt basiert auf das FWF-Einzelprojekt Anleihe und Zitat monophoner Melodien im Lied um 1500 (Projekt Nr. P 22365-G18), das an der Paris-Lodron-Universität Salzburg zwischen April 2010 und Oktober 2013 unter der Leitung von Univ.Prof. Dr. Andrea Lindmayr-Brandl durchgeführt wurde. Das Vorgängerprojekt befasste sich mit einer Auswertung der Migration französischer monophoner Lieder innerhalb polyphoner chansons zwischen den letzten Jahrzehnten des 15. und den beiden ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts. Zu diesem Zweck wurde eine relationale Datenbank erstellt (http://chansonmelodies.sbg.ac.at), die die einschlägigen Melodien in sämtlichen Erscheinungsformen listet, kommentiert und in einer modernen Übertragung darbietet. Das vorliegende Projekt versteht sich als eine logische Fortsetzung und Vervollständigung des mittlerweile abgeschlossenen Projekts, indem es die chronologischen Grenzen bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts erweitert und im Repertoire Messen und Kontrafakturen mit einbezieht, die auf denselben Vorlagen basieren. Dies wird erlauben, eine relativ komplette Übersicht der Einflussnahme der neuen Kontexte auf melodische Kontur, Rhythmus, Modalität und musica ficta der integrierten Melodie zu erlangen. Umgekehrt sollen Denkanstöße über die Art und Weise angeboten werden, wie die Verwendung dieser oft verhältnismäßig einfachen Lieder die komplexe musikalische Sprache spätmittelalterlicher Lied- und Messkomposition zunehmend beeinflusste und verwandelte. Zusätzlich werden nun auch italienische und niederländische Melodien berücksichtigt, die in denselben Quellen überliefert sind, denn sie gehören stilistisch der gleichen musikalischen Kultur an und werden manchmal mehrsprachig, oft auch unter verschiedenen Namen überliefert. Mit der Einbeziehung geistlicher polyphoner Bearbeitungen und Kontrafakturen gewinnt das Projekt eine neue Perspektive, indem nun auch die symbolische Umdeutung der monophonen Melodien berücksichtigt werdenkann, wenn diese als Basis liturgischer Kompositionenundoft frommer Kontrafakturen dienen. Außerdem ist die Anzahl von Messen und Kontrafakturen, die auf nicht-höfischen Melodien basieren, so groß, dass die derzeitige Datenbank sich offensichtlich als unvollständig erweist, so dass eine Gattungserweiterung vonnöten ist. Neben einer deutlichen Erweiterung der bestehenden Datenbank ist das Hauptziel des Projektes die Erstellung einer Monographie über Anleihe und Zitat in der Mehrstimmigkeit des 15. und 16. Jahrhunderts und ihre Beziehung zu monophonen Repertoires. Diese Arbeit wird zumindest teilweise analytisch ausgerichtet sein, grundlegende Fragen über Verbreitung und polyphone Bearbeitung bestimmter Gruppen von Melodien stellen und die möglichen Ursachen für die Isoliertheit anderer Melodiengruppen diskutieren. Dieses Buch soll als Habilitationsschrift eingereicht werden.
Das Projekt stellt eine ideale Fortsetzung und sowohl eine chronologische als auch eine inhaltliche Erweiterung des FWF-Projektes P 22365 dar. Das späte 15. Jahrhundert weist einen beträchtlichen Anstieg in der Verwendung von präexistenten, "popularisierenden" melodischen Vorlagen als Basis für mehrstimmige chansons und Messen auf. Obwohl spezifische Studien in den letzten Jahrzehnten der Analyse dieses künstlerischen Phänomens gewidmet wurden, keine umfassende Erforschung des Repertoires wurde bis vor Kurzem versucht. Die voll durchsuchbare relationale Datenbank samt einer Transkription der einschlägigen Melodien mit Listen von Konkordanzen und Varianten, die mit dem vorherigen Projekt erstellt wurde, wurde mit dem nun abgeschlossenen Projekt entsprechend erweitert. Zahlreiche "peer-reviewed" Aufsätze, manche im "open access, wurden im Rahmen des Projektes veröffentlicht und ein Buch über einen wichtigen Chansonnier aus dem frühen 16. Jahrhundert (den sogenannten "Chansonnier de Bayeux") ist in Vorbereitung. Viele der mehrstimmigen Bearbeitungen monophoner Melodien sind anonym, eine erhebliche Zahl ist aber auch wichtigen Komponisten wie Josquin Desprez, Loyset Compère, Henricus Isaac und Antoine de Févin zugeschrieben. Obwohl der Schwerpunkt des Projekts nicht autorzentriert ist, könnte die Analyse und der Vergleich der unterschiedlichen Bearbeitungsstrategien dazu beitragen, unser Verständnis kompositorischer Verfahren bei der Auseinandersetzung mit angeblich präexistentem und oft sehr einfachem Tonmaterial besser zu begreifen und zu verfeinern. Außerdem wirft die weite Verbreitung vieler dieser Melodien die Frage auf, worin überhaupt ein "Repertoire" im Spätmittelalter besteht und ob und inwieweit das Gedächtnis und die Erinnerung in ihrer Überlieferung eine Rolle gespielt haben mögen. Zudem angesichts der Tatsache, dass die Melodien, dank ihrer häufigen Konkordanzen mit zwei zeitgenössischen monophonen chansonniers, auch oft mit strophischen Texten erzählerischer Natur versehen sind, eröffnet eventuell diese Forschung neue Perspektiven zur Untersuchung von bestimmten literarischen Gattungen, die zwischen dem "höfischen" und dem "populären" Bereich schweben und bietet gleichzeitig ein breiteres und reicheres Spektrum der Musik- und Literaturgeschichte zwischen dem späten 15. und dem frühen 16. Jahrhundert. Die Datenbank stellt für alle interessierten Wissenschaftler und Laien ein umfangreiches, bisher nicht in dieser Form zugänglich, monophones Repertoire zur Verfügung und legt die Grundlagen für die weitere Erforschung zum einen der Anleihe, des Zitats und der mit diesen Verfahren zusammenhängenden kompositorischen Praxis, zum anderen der Fragen literarischer Gattungen der die Musik begleitenden Texte. Darüber hinaus, dank ihrer internen Verlinkung mit dem "Digital Image Archive of Medieval Music" (DIAMM), einer der wichtigsten elektronischen Ressourcen für Quellenstudien des Mittelalters und der Renaissance, hat die Datenbank ihre Sichtbarkeit und internationalen Verbreitungsgrad innerhalb der akademischen Gemeinschaft und für alle erhöht, die ein Interesse an der weltlichen Repertoire dieser Zeit haben.
- Universität Salzburg - 100%
- Jean-Jacques Vincensini, Université François-Rabelais de Tours - Frankreich
- Jesse Rodin, Stanford University - Vereinigte Staaten von Amerika
- Reinhard Strohm, The University of Oxford - Vereinigtes Königreich
- Yolanda Plumley, University of Exeter - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 6 Publikationen
- 1 Datasets & Models
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2019
Titel Caught in the Web of Texts: The Chanson Family "Bon vin/Bon temps" and the Disputed Identity of 'Gaspart'; In: Gaspar van Weerbeke: New Perspectives on his Life and Music Typ Book Chapter Autor Bosi C Verlag Brepols Seiten 255-80 -
2019
Titel Gaspar Van Weerbeke: New Perspectives on His Life and Music Typ Book Autor Lindmayr-Brandl Andrea Verlag Brepols N.V. -
2018
Titel Caspar Glanner's Collections of Songs (1578 and 1580): A retrospective Repertory? Typ Journal Article Autor Bosi Carlo Journal MUSIKFORSCHUNG Seiten 221-241 -
2018
Titel La fille qui n’a point d’amy: Secular and Ecclesiastical Friends of an Abandoned Girl DOI 10.1484/j.jaf.5.116519 Typ Journal Article Autor Bosi C Journal Journal of the Alamire Foundation Seiten 207-235 -
2017
Titel Zu Stil und Form einstimmiger Melodien um 1500 - Einige Fälle in den Pariser monophonen Chansonniers Typ Journal Article Autor Bosi C Journal troja, Jahrbuch für Renaissancemusik Seiten 81-103 -
2016
Titel Gentilz gallans de France: The Vicissitudes of a French War Song between Brittany and Rome Typ Journal Article Autor Bosi C Journal Musica Disciplina Seiten 7-51