Wohlbefinden und Gesundheit von MedizinerInnen
Well-being and health of medical students and practitioners
Wissenschaftsdisziplinen
Klinische Medizin (10%); Psychologie (90%)
Keywords
-
Well-Being,
Health,
Medical Students,
Positive Psychology,
Work- And Organizational Psychology,
Medical Curriculum
Es liegen empirische Befunde vor, die zeigen, dass Ärztinnen und Ärzte in besonderem Maße mit hohen Arbeitsbelastungen sowie einem erhöhten Risiko für negative Beanspruchungsfolgen wie z.B. Burnout konfrontiert sind. Vor dem Hintergrund von Konzepten der Positiven Psychologie und der Arbeits- und Organisationspsychologie verfolgt das Projekt folgende Ziele: In einer Quer- und Längsschnittstudie an Studierenden der Medizin (Studienanfänger und Studierende im Klinisch Praktischen Jahr) sowie Turnusärztinnen und -ärzten in Tirol sollen sowohl dispositionale Faktoren (z.B. Charakterstärken) als auch situationale Faktoren (z.B. Arbeitsbedingungen) identifiziert werden, die das subjektive und psychologische Wohlbefinden und die Gesundheit in dieser Zielgruppe fördern können. Einblicke über persönliche Entwicklungen im Rahmen des Medizinstudiums werden gewonnen und ob bzw. wie individuelle (z.B. Einsatz von Signaturstärken) und situative Faktoren (z.B. Arbeitsanforderungen, Zeit) Wohlbefinden und Gesundheit fördern. Des weiteren werden die Rollen von Arbeitsaufgaben-Charakteristika, Arbeitsanforderungen, Stressoren, Arbeitsressourcen und organisationalem Klima im Gesundheitssystem analysiert, um effektiv Charakterstärken und Tugenden von MedizinstudentInnen und JungärztInnen aktivieren zu können und deren Arbeitsengagement und Wohlbefinden zu steigern. Strategien zur Förderung von Wohlbefinden und Gesundheit werden aus den Studienergebnissen abgeleitet und sollen in weiterer Folge im Curriculum implementiert werden. Die empirischen Befunde bilden die Grundlage für die Entwicklung von praxistauglichen Instrumenten zur Studien- und Berufsberatung sowie zur gesundheitsförderlichen Arbeitsgestaltung im Krankenhaus. Wenn dieses Wissen in der Ausbildung als auch danach in der Arbeitssituation gefördert wird, kann dies das Wohlbefinden und die Gesundheit derzeit Studierender und später praktizierender ÄrztInnen steigern. In weiterer Folge kann dies zu höherer Resilienz, besserer Leistung, weniger Burnout-Symptomen, höherer PatientInnensicherheit und weniger Krankenständen führen. Dies wäre ein enormer Benefit für das zukünftige Gesundheitssystem. Das Projekt liefert generalisierbare Erkenntnisse zur Interaktion von personalen und situationalen Faktoren mit Blick auf Wohlbefinden und Gesundheit von Beschäftigten im Gesundheitswesen. Zudem werden notwendige und wichtige Impulse für eine Steigerung der Qualität der Ärzteausbildung sowie der Gesundheitsversorgung in Tirol und seinen Institutionen erwartet.
In diesem FWF-Projekt wurden über vier Jahre hinweg personen- und bedingungsbezogene Faktoren in Hinblick auf Gesundheit und Wohlbefinden von Medizinstudierenden und KlinikärztInnen in der Ausbildung untersucht. Im Zentrum der Forschung stand das 24 Charakterstärken umfassende Modell von Peterson und Seligman, subjektives und psychologisches Wohlbefinden, Work Engagement und Burnout sowie bedingungsbezogene Faktoren für die Anwendbarkeit von Charakterstärken. Es zeigten sich differenzierte positive Zusammenhänge zwischen Charakterstärken und verschiedenen Aspekten von subjektivem und psychologischem Wohlbefinden bei Medizinstudierenden, wobei sich die Ausprägung der Charakterstärken Hoffnung, Enthusiasmus und Ausdauer sowohl kurz- als auch langfristig als besonders bedeutsam für Wohlbefinden und psychische Gesundheit erwiesen. Auch die Anwendbarkeit von Charakterstärken spielte, in unterschiedlichem Ausmaß sowohl im Privat- als auch Berufsleben, neben deren Ausprägung eine Rolle für das Wohlbefinden von KlinikärztInnen. Im Detail zeigte sich sowohl bei Medizinstudierenden als auch KlinikärztInnen, dass die Anwendbarkeit der fünf individuell bedeutsamsten Charakterstärken (Signaturstärken) das Burnout-Risiko verminderte und in weiterer Folge Wohlbefinden und mentale Gesundheit steigerte. Bei den Befragten insgesamt waren die Charakterstärken Authentizität, Bindungsfähigkeit, Fairness, Freundlichkeit und Urteilsvermögen am stärksten ausgeprägt. Zudem wurden bedingungsbezogene Faktoren im Arbeitskontext untersucht, die zu einer besseren Anwendbarkeit von Charakterstärken und damit einem höheren Work Engagement und Wohlbefinden sowie geringeren Burnout-Risiko beitragen. Im Längsschnitt erwiesen sich der Tätigkeitsspielraum, im Querschnitt zusätzlich soziale Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte, die Angemessenheit der Qualifikation sowie kognitive Anforderungen im Krankenhaus als bedeutsam. Im Längsschnitt zeigte sich des Weiteren, dass ein ausgeprägtes soziomoralisches Organisationsklima (diskursiv, partizipativ, wertschätzend, unterstützend) auch zu einer besseren Anwendbarkeit von Charakterstärken beiträgt, welche wiederum positiv auf das soziomoralische Klima zurückwirkt. Die Wichtigkeit von zuverlässig gewährter Wertschätzung und Respekt, aber auch zwanglosen Kommunikationsmöglichkeiten und Partizipation der MitarbeiterInnen, wurde durch Beobachtungsdaten und Interviews untermauert. Das soziomoralische Klima hing mit einem geringeren Burnout-Risiko und einer positiveren Wahrnehmung der Patientensicherheit durch ÄrztInnen zusammen, wobei sich im Verlauf von 6 Monaten negative Auswirkungen auf die Wahrnehmung dieses Klimas bei vorhandener Burnout-Symptomatik zeigten. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine Förderung von Charakterstärken sowie deren Anwendbarkeit ein möglicher Ansatz zur Steigerung von Wohlbefinden darstellt, der durch die Schaffung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen und eines sozio-moralischen Organisationsklimas im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements unterstützt werden kann.
- Thomas Höge-Raisig, Universität Innsbruck , assoziierte:r Forschungspartner:in
Research Output
- 456 Zitationen
- 15 Publikationen
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2019
Titel Possession and Applicability of Signature Character Strengths: What Is Essential for Well-Being, Work Engagement, and Burnout? DOI 10.1007/s11482-018-9699-8 Typ Journal Article Autor Huber A Journal Applied Research in Quality of Life Seiten 415-436 Link Publikation -
2019
Titel Perceived Socio-moral Climate and the Applicability of Signature Character Strengths at Work: a Study among Hospital Physicians DOI 10.1007/s11482-018-9697-x Typ Journal Article Autor Höge T Journal Applied Research in Quality of Life Seiten 463-484 Link Publikation -
2019
Titel Special Issue: Character Strengths, Well-Being, and Health in Educational and Vocational Settings DOI 10.1007/s11482-018-9688-y Typ Journal Article Autor Höfer S Journal Applied Research in Quality of Life Seiten 301-306 Link Publikation -
2020
Titel Development of Cynicism in Medical Students: Exploring the Role of Signature Character Strengths and Well-Being DOI 10.3389/fpsyg.2020.00328 Typ Journal Article Autor Kachel T Journal Frontiers in Psychology Seiten 328 Link Publikation -
2020
Titel Character Strengths Profiles in Medical Professionals and Their Impact on Well-Being DOI 10.3389/fpsyg.2020.566728 Typ Journal Article Autor Huber A Journal Frontiers in Psychology Seiten 566728 Link Publikation -
2023
Titel Well-Being, Mental Health, and Study Characteristics of Medical Students before and during the Pandemic DOI 10.3390/bs14010007 Typ Journal Article Autor Huber A Journal Behavioral Sciences Seiten 7 Link Publikation -
2020
Titel Work analysis tool for higher education: Development and validation of the german student measure WA-S Screening DOI 10.3233/wor-203317 Typ Journal Article Autor Strecker C Journal Work Seiten 671-688 Link Publikation -
2021
Titel Do More of What Makes You Happy? The Applicability of Signature Character Strengths and Future Physicians’ Well-Being and Health Over Time DOI 10.3389/fpsyg.2021.534983 Typ Journal Article Autor Huber A Journal Frontiers in Psychology Seiten 534983 Link Publikation -
2021
Titel Reality Meets Belief: A Mixed Methods Study on Character Strengths and Well-Being of Hospital Physicians DOI 10.3389/fpsyg.2021.547773 Typ Journal Article Autor Kachel T Journal Frontiers in Psychology Seiten 547773 Link Publikation -
2019
Titel Identifying thriving Workplaces in Hospitals: Work Characteristics and the Applicability of Character Strengths at Work DOI 10.1007/s11482-018-9693-1 Typ Journal Article Autor Strecker C Journal Applied Research in Quality of Life Seiten 437-461 Link Publikation -
2019
Titel Psychometric Characteristics of the German Values in Action Inventory of Strengths 120-Item Short Form DOI 10.1007/s11482-018-9696-y Typ Journal Article Autor Höfer S Journal Applied Research in Quality of Life Seiten 597-611 Link Publikation -
2017
Titel The German Version of the Strengths Use Scale: The Relation of Using Individual Strengths and Well-being DOI 10.3389/fpsyg.2017.00637 Typ Journal Article Autor Huber A Journal Frontiers in Psychology Seiten 637 Link Publikation -
2017
Titel Distinguishing Relational Aspects of Character Strengths with Subjective and Psychological Well-being DOI 10.3389/fpsyg.2017.01159 Typ Journal Article Autor Hausler M Journal Frontiers in Psychology Seiten 1159 Link Publikation -
2017
Titel Associations between the Application of Signature Character Strengths, Health and Well-being of Health Professionals DOI 10.3389/fpsyg.2017.01307 Typ Journal Article Autor Hausler M Journal Frontiers in Psychology Seiten 1307 Link Publikation -
2017
Titel Validierung eines Fragebogens zur umfassenden Operationalisierung von Wohlbefinden DOI 10.1026/0012-1924/a000174 Typ Journal Article Autor Hausler M Journal Diagnostica Seiten 219-228 Link Publikation