Die frühgriechische Kolonisation in Makedonien und Italien
Early Greek Colonialism in Macedonia and Italy
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (35%); Geowissenschaften (5%); Geschichte, Archäologie (60%)
Keywords
-
Colonialism,
Macedonia,
Italy,
Euboea,
Mende,
Polichni
Mit apoikismos werden im Alt- wie Neugriechischen die intensive menschliche Mobilität und das anschließende Entstehen von Siedlungen im Ausland bezeichnet. Dieses historische Phänomen beginnt der konventionellen Chronologie zufolge im 8. Jh. v. Chr. und dauerte einige Jahrhunderte an. Die gewöhnliche und traditionelle Übersetzung des griechischen Begriffs lautet "Kolonisation", welche sich etymologisch von der römischen colonia, einem Militärlager zur Kontrolle und Unterdrückung der unterworfenen Bevölkerung, ableitet. Heutzutage ist klar, dass die Begleiterscheinungen dieser Übersetzung in einer wechselseitigen Beziehung mit der Ideologie der mächtigen, westeuropäischen Kolonialmächte der letzten Jahrhunderte standen. Ziel dieses interdisziplinären Projekts ist es nun eine vergleichende Studie der frühgriechischen Kolonisation in Makedonien und Italien während des 8. und 7. Jh. v. Chr. aus der Sicht der postkolonialen Theorie durchzuführen. Die Basis dieses Projekts wird die Publikation des archäologischen Materials der geometrischen und früharchaischen Schichten der Siedlungen Mende (Chalkidike) und Polichni (Thessaloniki) bilden. Mende war eine der bedeutendsten, euböischen Kolonien in der Nördlichen Ägäis. Im Gegensatz dazu stellt Polichni keine korrekt gegründete Kolonie dar. Die Lage des Orts inmitten von gutbekannten Kolonien und damit also in einem Gebiet, an dem koloniales Interesse bestand, wie die Qualität der Materialkultur legen nahe, dass die Aufarbeitung dieses Materials genauso hilfreich für das Verständnis der frühgriechischen Kolonialbewegung sein kann, wie das einer ordentlich gegründeten Kolonie wenn nicht noch mehr. Die Analyse der Stratigraphie und des archäologischen Materials von diesen beiden Siedlungen und die vergleichende Studie mit ähnlichen Fundorten in Makedonien und Italien werden neue Einblicke in ein wichtiges historisches Phänomen ermöglichen. Durch den Brückenschlag zwischen Forschungen, die an beiden Enden der griechischen, kolonialistischen Expansion angesiedelt sind, möchten wir alte Vorurteile überwinden und die Aussagekraft neuer Modelle überprüfen. Diesen zufolge war die griechische Kolonisation nicht eine Ansammlung von Einzelereignissen, sondern ein Entwicklungsprozess hin zu neuen sozio-politischen Einheiten und Identitäten. Falls sich dieses Szenario als richtig erweist, können weder die Gründungsdaten der frühgriechischen Kolonien, noch die griechische, absolute Chronologie der geometrischen und früharchaischen Periode weiterhin als bewiesen angesehen werden. Die Rekonstruktion der frühkolonialen Beziehungen wird durch eine Reihe von archäometrischen Analysen unterstützt. Dazu zählen zum Beispiel die Radiokohlenstoff-Altersbestimmung von gut stratifizierten, kurzlebige Proben, archäometallurgische Analysen von Bronzeobjekten in Hinblick auf antike Netzwerke des Erzhandels, Neutronenaktivierungsanalyse und petrographische Keramikanalysen für die Klärung der Provenienz und technologische Studien, die Auskunft über plötzliche Veränderungen in der Keramikproduktion geben können. Schließlich wird eine zusammenfassende, archäobotanische Studie einen besseren Blick auf die natürliche Umgebung, mit der sich die Kolonisten in ihren nördlichen Unternehmungen konfrontiert sahen, anbieten.
Projektinhalt ist die Untersuchung der frühesten Phasen der griechischen Kolonisation in Italien und Makedonien mittels moderner archäologischer und archäometrischer Methoden. Dafür wurde das bisher unpublizierte archäologische Material der Ausgrabungen im antiken Mende auf der Chalkidike in drei Dokumentationskampagnen aufgenommen. Zum einen gibt es entgegen der antiken Überlieferung in der statistischen und typologischen Auswertung der früheisenzeitlichen und archaischen Keramik von Mende kaum Hinweise auf die Kolonisation dieses Fundortes durch Euböer. Zum anderen enthält die materielle Kultur anderer einheimischer nichtkolonialer Siedlungen mehr koloniale Implikationen, als dies bei bekannten Kolonien der Fall ist. Dies bedeutet aber nicht, dass Mende keine Kolonie war, sondern unterstreicht, dass traditionelle Perzeptionen der griechischen Kolonisation überdacht werden müssen. Aktuelle Radiokarbonanalysen weisen darauf hin, dass die früheste koloniale Keramik der bekanntesten griechischen Kolonien Nordgriechenlands und Italiens zumindest 50 Jahre früher, als bisher angenommen, datiert. Die komparative Untersuchung der Gründungsdaten griechischer Kolonien auf Sizilien unterstützt zwar die aus der antiken Literatur bekannten Gründungsdaten einiger früher Kolonien, spricht aber gleichzeitig für eine höhere Datierung des Kolonisationsbeginns an das Ende des 9. Jhs. v. Chr. Für das bessere Verständnis der Kolonisationsbewegung wurden die autochthonen kolonisierten Siedlungssysteme Nordgriechenlands, die eine sehr komplexe sozioökonomische Organisation vermuten lassen, untersucht. Diese Lebensverhältnisse könnten die Motivation für die Ansiedlung von Apoikoi aus Süd- und Zentralgriechenland in der Nordägäis gewesen sein. Frühere kolonialistische Perzeptionen der antiken kolonisierten Bevölkerungen als politisch und ökonomisch weniger entwickelt können keinesfalls länger als gültig betrachtet werden. Um den kulturellen Austausch im Mittelmeerraum zu untersuchen, wurde die früheisenzeitliche Keramik aus den frühesten Kolonien und einigen einheimischen Siedlungen in Italien und Makedonien sowie aus einigen der bekanntesten phönizischen und punischen Städten im Ost- und Westmittelmeer mit Neutronenaktivierungsanalyse (NAA) untersucht. Die Ergebnisse zeigen eine unerwartete Variabilität der im Mittelmeerraum verwendeten griechischen Keramik, die aus vielen Regionen Griechenlands und Italiens kam, nicht nur wie früher angenommen aus Euböa und Korinth.Gezeigt werden konnte, dass die griechische Kolonisation ihren Ursprung in privat organisierten Initiativen hatte und aus zahlreichen privaten kolonialen Expeditionen bestand. Erst in einer späteren Phase wurden die kolonialen Unternehmen von metropolitischen Staaten Griechenlands koordiniert.
- Elena Marinova-Wolff, Eberhard-Karls-Universität Tübingen - Deutschland
- Hans Mommsen, Universität Bonn - Deutschland
- Bernhard Weninger, Universität Köln - Deutschland
- Ioannis Papadias, Aristotle University of Thessaloniki - Griechenland
- Soulatana Valamoti, Aristotle University of Thessaloniki - Griechenland
- Nota Kourou, University of Athens - Griechenland
Research Output
- 26 Zitationen
- 19 Publikationen
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2018
Titel Archaeology Across Frontiers and Borderlands: Fragmentation and Connectivity in the North Aegean and the Central Balkans from the Bronze Age to the Iron Age Typ Book Autor Gimatzidis Stefanos Verlag Austrian Academy of Sciences Press -
2016
Titel The tree of life: The materiality of a ritual symbol in space and time (Poster). Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal E. Alram-Stern, F. Blakolmer, S. Deger-Jalkotzy, R. Laffineur, J. Weilhartner (eds.), Metaphysis: Ritual, Myth and Symbolism in the Aegean Bronze Age. Proceedings of the 15th International Aegean Conference, Vienna, Institute for Oriental and European Archaeology, Aegean and Anatolia Department, Austrian Academy of Sciences and Institute of Classical Archaeology, University of Vienna, 22-25 April 2014 -
2016
Titel Reich und arm: Weltsystemtheorie-Kontroversen in der früheisenzeitlichen Ägäis. Typ Book Chapter Autor Gimatzidis S -
2015
Titel Nordwestgriechenland. Typ Book Chapter Autor A. Wittke (Ed.) -
2015
Titel Ägäische Netzwerker. Typ Book Chapter Autor A. Wittke (Ed.) -
2017
Titel Primoi elliniko emporiko amfores kai oikonoma sto vreio Aigao/Early Greek Trade Amphoras and Economy in the northern Aegean. Typ Book Chapter Autor D. Mulliez (Hrsg.) -
2017
Titel Sndos. Typ Book Chapter Autor A. Vlachopoulos -
2017
Titel Cooking Pots and Ancient Identities: Indicators or Obscurers of Cultural Change. Typ Book Chapter Autor Gimatzidis S -
2017
Titel Feasting à la grecque in Phoenicia and the Punic West. Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal Folia Phoenicia -
2017
Titel Polchni. Typ Book Chapter Autor A. Vlachopoulos -
2017
Titel Big Women and the Gender Conflict in the Early Iron Age: A View from Greece and its Northern Periphery. Typ Book Chapter Autor C. Keller -
2014
Titel Time still flows in Kastanas. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Gimatzidis S Konferenz E. Stefani, N. Merousis, A. Dimoula (eds.), A Century of Research in Prehistoric Macedonia. International Conference Proceedings. Archaeological Museum of Thessaloniki, 22-24 November 2012 -
2016
Titel Roberta Cascino, Helga di Giuseppe and Helen L. Patterson, eds. Veii. The Historical Topography of the Ancient City: A Restudy of John Ward-Perkins's Survey (Archaeological Monographs of the British School at Rome 19. London: The British School a DOI 10.1080/14619571.2016.1161135 Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal European Journal of Archaeology Archive Seiten 385-389 -
2016
Titel Ivonne Kaiser: Kretisch geometrische Keramik – Form und Dekor. Entwicklung aus Tradition und Rezeption. DOI 10.17104/0017-1417-2016-2-140 Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal Gnomon Seiten 140-145 -
2015
Titel Archaeology across past and present borders: Fragmentation, transformation and connectivity in the North Aegean and the Balkans during the Late Bronze and Early Iron Age. Typ Journal Article Autor Gimatzidids S Journal The European Archaeologist -
2015
Titel Nordgriechenland, inkl. Nordägäischer Inseln. Typ Book Chapter Autor A. Wittke (Ed.) -
2015
Titel Balkanraum: Griechische Niederlassungen. Typ Book Chapter Autor A. Wittke (Ed.) -
2023
Titel Aegean and Aegeanising Geometric pottery at Kinet Höyük: new patterns of Greek pottery production, exchange and consumption in the Mediterranean DOI 10.1017/s0066154623000030 Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal Anatolian Studies Seiten 25-68 -
2020
Titel Radiocarbon dating the Greek Protogeometric and Geometric periods: The evidence of Sindos DOI 10.1371/journal.pone.0232906 Typ Journal Article Autor Gimatzidis S Journal PLOS ONE Link Publikation