Entwicklungsexpert/inn/en in der Zeit der "West-Ost" Systemkonkurrenz
Experts in "Development" and "Socialist Aid"
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (60%); Soziologie (40%)
Keywords
-
Development,
Socialist Aid/Solidarity,
Experts,
Global History,
Development Aid,
Cold War competition in Africa,
Latin America
Seit einem halben Jahrhundert soll die Entsendung von Expert/inn/en Entwicklung in jenen Gesellschaften befördern, die eine solche Intervention aufgrund von Entwicklungsrückständen nötig zu haben scheinen. Die beiden konkurrierenden Weltsysteme hatten je eigene Modelle von "Entwicklung" und entsprechende Formen von "Entwicklungshilfe" entwickelt, die universelle Geltung beanspruchten. In dem Projekt soll der "Entwicklungshilfe"sektor der beiden Konkurrenzsysteme auf der Ebene der im Bereich der "technischen Hilfe" in die Einsatzländer entsandten Expert/inn/en, Berater, Spezialisten verglichen werden. Die "technische Hilfe" (heute: "technische Zusammenarbeit") oder, in der Terminologie der DDR, die "wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit" und "kulturell-wissenschaftliche Zusammenarbeit" basierten auf der Vorstellung, dass "Entwicklung" durch einen Wissensrückstand gehemmt wird. Dieser Rückstand soll durch einen Wissenstransfer behoben und dieser Wissenstransfer im Wesentlichen durch die Entsendung von Experten bewerkstelligt werden. Dabei geht es nicht nur um den Transfer von technischem know how, sondern auch von Einstellungen, Praktiken und Verhaltensweisen, die einen sinnvollen Gebrauch dieses technischen know how erst ermöglichen. In einem größeren Maßstab gesehen, ging es dabei letztlich um die Einbindung in eines der beiden Weltsysteme. Als Entwicklungsexpert/inn/en werden jene Experten, Berater, Spezialisten verstanden, die berufsmäßig ihr spezialisiertes Wissen zu Anwendungszwecken im Bereich der "Entwicklungshilfe" (mit der Veränderung der Begrifflichkeit zu "Entwicklungszusammenarbeit" im Lauf der 1980er Jahre ist ein Wandel der Konzeption verbunden, der "Empfänger" von "Hilfe" zu "Partnern" einer "Zusammenarbeit" macht) oder, in der Terminologie der DDR, der "sozialistischen Hilfe" vermittelten. Im Zentrum des Projekts steht ein Vergleich zwischen entsandten Entwicklungsexpert/inn/en der beiden deutschen Staaten. Vergleichsebenen sollen durch folgende Leitfragen eröffnet werden: Welche Typen von Experten kamen zum Einsatz, welche Ziele verfolgten diese, zu welchen Aufgaben wurden sie eingesetzt? Was war der Rahmen erwünschter und vorgeschriebener Verhaltensweisen? Welche Lebensweisen entwickelten diese global mobilen Personen? Wie unterschieden sich ihre jeweiligen Lebensweisen in den Einsatzländern? Welche Gemeinsamkeiten ergaben sich auf Basis eines gemeinsamen Sockels an Einstellungen und Praktiken von "Entwicklung" über die Systemgrenzen hinweg? Ergaben sich ähnliche Probleme des Transfers und der interkulturellen Kommunikation? Welche lebensweltlichen Transfers wurden bewerkstelligt? Welchen Einfluss hatte die Tätigkeit, andere Menschen zu "entwickeln", auf die "Selbstentwicklung" der Entwicklungsexpert/inn/en? Spezielle Aufmerksamkeit soll den Entwicklungsexpert/inn/en als Vektoren der Verbreitung von Wissen und Einstellungen, von kulturellen Praktiken und von Lebensformen gewidmet werden. Im Zuge des Vergleichs soll herausgearbeitet werden, in welchen Bereichen und wie die praktische Tätigkeit von Entwicklungsexperten vor Ort Transfers bewerkstelligte und wie dieser Prozess auf sie zurück wirkte. Das Projekt konzentriert sich exemplarisch auf die Entwicklungspolitik der BRD und DDR mit Ländern Afrikas und Lateinamerikas. Der zeitliche Rahmen reicht vom Beginn der 1970er Jahre bis zum Ende des "sozialistischen Weltsystems" 1990.
Das Projekt konzentrierte sich auf die Entwicklungspolitik der beiden deutschen Staaten mit Ländern Afrikas und Lateinamerikas vom Beginn der 1970er Jahre bis zum Ende des "sozialistischen Weltsystems" 1990. Das war die letzte Phase der Systemkonkurrenz, in der das Ziel einer diplomatischen Anerkennung eines der beiden deutschen Staaten nicht mehr ein vorrangiges Ziel ihrer Entwicklungspolitik war. Entwicklungspolitik wurde in dem Projekt verstanden als Politik mit dem Ziel der Erzielung von Konvergenz zwischen Staaten und Gesellschaften stark unterschiedlichen Entwicklungsniveaus. Ein zentraler Punkt darin war die Entsendung von Personal in dieser Zielsetzung. Im Focus der Untersuchungen standen die Menschen, die durch entwicklungspolitische Aktivitäten in Bewegung gesetzt wurden, zusammentrafen und interagierten. Wir betrachten sie als mobile Berufsgruppe, die vor dem Problem stand, mit Situationen massiver Ungleichheit nicht nur in Worten, sondern im konkreten alltäglichen Handeln im Berufs- wie im Privatleben umzugehen. Fallstudien wurden zu Äthiopien und Tansania als Beispiel für Staaten durchgeführt, die in diesem Zeitraum eine beschleunigte Entwicklungspolitik mit gesellschaftstransformativer Zielsetzung durchführten. Cuba wurde als Beispiel für ein außereuropäisches RGW-Land hinzugefügt, das mit der DDR besonders enge Beziehungen unterhielt. Die Recherchearbeiten stützten sich auf Material aus deutschen, tansanischen, äthiopischen und ein wenig auch kubanischen Archiven sowie auf Interviews mit Akteuren. Einige Ergebnisse der Untersuchung sind: Ein heikler Kernpunkt der "personellen Hilfe" beider deutscher Staaten war das Zusammentreffen des entsandten deutschen Personals mit dem einheimischen Personal (counterparts), mit dem sie zusammenarbeiten, die sie beraten, anleiten oder ausbilden sollten. Die Interaktionen zwischen europäischen, afrikanischen und kubanischen Akteuren wurden in einer vergleichenden Perspektive untersucht wobei der Vergleich aufgrund des Überflusses an Archivmaterials aus der DDR asymmetrisch ausfiel. Aus Disziplinarakten sind wir über Probleme der DDR-Kooperanten besser informiert als über jene ihrer BRD-Kollegen. Bemerkenswert ist der geringe Anteil von im engen Sinn "politischen" Verfehlungen, die verhandelt wurden, und der große Stellenwert, der den counterparts zukam. Im Zweifelsfall eines Konflikts wurde eher der DDR-Bürger sanktioniert als sein afrikanischer counterpart. Das Leben der westdeutschen Entwicklungshelfer vor Ort war zwar wesentlich weniger reguliert als jenes der ostdeutschen, und wir sind über ihre Verfehlungen aus der Sicht der entsendenden Organisationen weniger informiert, doch gab es ähnliche Probleme mit den Einheimischen: materielle Ungleichheit, die schwierige Entscheidungen des Umgangs ohne die Richtschnur eines allgemeingültigen Maßstabs erforderte, Andersartigkeit, die irritierend, aber grundsätzlich zu respektieren war, Unsicherheit des Abwägens, was gemeinsame Normen eines gemeinsamen Projekts sein sollten, und welcher Raum kulturell begründeter Andersartigkeit gegeben werden musste, unterschiedliche Auffassungen von Arbeitsdisziplin, emotionale Herausforderungen in einer fremden Umwelt, die in Reaktion zu einer Isolierung auf das eigene Herkunftsmilieu führen konnten. Die DDR versuchte, durch "gegenseitig vorteilhafte" Wirtschaftsbeziehungen, vor allem den Tauschhandel Rohstoffe und Arbeitskräfte gegen Maschinerie und Beratungsleistungen, welche die politischen "Solidaritäts"leistungen ergänzen sollten, ihre politischen Kooperationsländer auch zu wichtigen Wirtschaftspartnern zu machen. Spätestens seit der ersten Hälfte der 1980er Jahre wurde klar, dass diese Absicht nicht in die Realität umgesetzt werden konnte. Damit ging die Bedeutung dieser Beziehungen und auch die Zahl des entsandten Personals zurück. Staaten, die sich offiziell "auf dem sozialistischen Entwicklungsweg" befanden (und dabei immer den Großteil ihrer wirtschaftlichen Außenbeziehungen mit der nichtsozialistischen Welt gepflogen hatten), wandten sich dem "Westen" und seinem Geflecht an multilateralen Wirtschaftsorganisationen zu. Das "sozialistische Weltsystem" vermochte keinen eigenen Weltmarkt zu entfalten, die Konkurrenz des kapitalistischen Weltmarkts erwies sich als übermächtig. Insgesamt relativieren die Projektergebnisse die längerfristige Bedeutung entwicklungspolitischen Engagements der beiden deutschen Staaten. Weder realisierten sich die Mitte der 1970er Jahre vielversprechenden Aussichten auf eine von den "drei Kontinenten" ausgehende "sozialistische Offensive", welche die Machtverhältnisse zugunsten des sozialistischen Weltsystems verschieben würden, noch gewann die "Dritte Welt" jene gesellschaftliche Bedeutung in der BRD, wie es im Anschluss an die 1968er-Bweegung ein Zeit lang den Anschein hatte. Für beide Entwicklungssysteme waren die 1970er Jahre der Höhepunkt des Personalaustauschs. In den 1980er Jahren ging die Zahl der Entsandten zurück. Für beide deutsche Staaten war der personelle Austausch, der durch das entwicklungspolitische Engagement ausgelöst wurde, eine Schiene der Internationalisierung, der "Globalisierung". Doch kamen lange nicht alle Entsandten als "Internationalisten" zurück, die ein lebensweltliches Substrat für eine solche Orientierung boten: viele lebten ihr Leben als Ost- und als Westdeutsche (oder Kubaner/innen) nach ihrer Rückkehr, ohne dass sie durch ihren Einsatz in Afrika dauerhaft geprägt worden wären.
- Universität Wien - 100%
- Hubertus Büschel, Justus Liebig-Universität Giessen - Deutschland
- David Mosse, University of London - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 47 Zitationen
- 12 Publikationen
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2018
Titel Navigating global socialism: Tanzanian students in and beyond East Germany DOI 10.1080/14682745.2018.1485146 Typ Journal Article Autor Burton E Journal Cold War History Seiten 63-83 Link Publikation -
2021
Titel Destination Africa, Contemporary Africa as a Centre of Global Encounter DOI 10.1163/9789004465275 Typ Book Autor Kaag M Verlag Brill Academic Publishers -
2024
Titel Frontline Citizens: Liberation Movements, Transnational Solidarity, and the Making of Anti-Imperialist Citizenship in Tanzania DOI 10.1017/s002085902400004x Typ Journal Article Autor Burton E Journal International Review of Social History Seiten 197-225 Link Publikation -
2016
Titel Sovereignty, Socialism and Development in Postcolonial Tanzania. Typ Journal Article Autor Burton E Journal Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien -
2016
Titel Friendship and Education, Coffee and Weapons: Exchanges between Socialist Ethiopia and the German Democratic Republic DOI 10.14321/nortafristud.16.1.0015 Typ Journal Article Autor Unfried B Journal Northeast African Studies Seiten 15-38 -
2017
Titel A Cuban Cycle of Developmental Socialism? Cubans and East Germans in the Socialist World System DOI 10.20446/jep-2414-3197-33-3-69 Typ Journal Article Autor Unfried B Journal Journal für Entwicklungspolitik Seiten 69-90 Link Publikation -
2017
Titel Socialisms in Development: Revolution, Divergence and Crisis, 1917–1991 DOI 10.20446/jep-2414-3197-33-3-4 Typ Journal Article Autor Burton E Journal Journal für Entwicklungspolitik Seiten 4-20 -
2017
Titel El internacionalismo, la solidaridad y el interés mutuo: encuentros entre cubanos, africanos, y alemanes de la RDA DOI 10.1590/s2178-14942017000200007 Typ Journal Article Autor Unfried B Journal Estudos Históricos (Rio de Janeiro) Seiten 425-448 Link Publikation -
2023
Titel From convergence to divergence: Mozambique’s failed campaign to join the CMEA and the reconfiguration of East-South relations DOI 10.1080/14682745.2023.2206648 Typ Journal Article Autor Burton E Journal Cold War History Seiten 423-445 Link Publikation -
2025
Titel A 1960s odyssey from Zanzibar to Cairo: educational mobility and anti-heroic anticolonialism in Adam Shafi’s travelogue Mbali na Nyumbani DOI 10.1080/17531055.2025.2573611 Typ Journal Article Autor Burton E Journal Journal of Eastern African Studies Seiten 43-68 Link Publikation -
2014
Titel Scènes de la vie quotidienne des coopérants de la RDA en Afrique : normes de comportement et transgressions DOI 10.3406/outre.2014.5124 Typ Journal Article Autor Unfried B Journal Outre-mers Seiten 247-266 -
2016
Titel African Manpower Development during the Global Cold War. The Case of Tanzanian Students in the Two German States. Typ Book Chapter Autor Burton E