Frühes Lernen durch Milben im Kontext des Nahrungserwerbs
Early learning by predatory mites in foraging contexts
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (80%); Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (20%)
Keywords
-
Predatory Mites,
Biological Control,
Learning,
Experience,
Foraging Behavior,
Fitness
Lernen, Verhaltensänderung durch Erfahrung, ist ein ubiquitäres Phänomen im Tierreich. Lernen beeinflusst alle wichtigen Lebensaktivitäten wie z.B. Nahrungserwerb, Reproduktion und soziale Interaktionen. Lernen wird generell als Prozeß der Verhaltensoptimierung betrachtet und erlaubt bestmöglich auf Veränderungen der Umweltbedingungen zu reagieren. Das vorgeschlagene Projekt befasst sich mit frühem Lernen, d.h. Lernen in den ganz frühen Lebensphasen, inkl. pränatal, bei, auf Pflanzen lebenden, Raubmilben im Kontext des Nahrungserwerbs. Diese Milben sind wichtige natürliche Gegenspieler von herbivoren Milben und Insekten, und werden weltweit in der Biologischen Schädlingskontrolle eingesetzt. Die prinzipiellen Projektsideen basieren auf eigenen kürzlich gewonnenen Kenntnissen über die Fähigkeit der Nahrungs- bzw. Beuteprägung der Raubmilben. Relativ kurze Erfahrung der Larven mit einer bestimmten Beute persistieren durch die Juvenilentwicklung (über drei Häutungsvorgänge) und führen zu gravierenden, lang anhaltenden Verhaltensänderungen bei den adulten Tieren. Das vorgeschlagene Projekt befasst sich mit drei separaten aber miteinander verwobenen Themenbereichen. Der erste Bereich behandelt die Fragen welche (assoziativen und nicht-assoziativen) Lernmechanismen die Milben früh im Leben nutzen, welche Signale gelernt werden und wie sich unterschiedliche Lernmechanismen auf den Nahrungserwerb der adulten Tiere auswirken. Im zweiten Bereich versuchen wir herauszufinden, welche ultimativen Nutzen und Kosten mit dem frühen Lernen verbunden sind. Wie wirkt sich frühes Lernen auf fitness- relevante Charakteristika aus? Gibt es Kosten von frühem Lernen und Beuteprägung hinsichtlich einer verminderten Flexibilität andere Beutetiere zu nutzen bzw. schlechterer Informationsverarbeitung später im Leben? Der dritte Bereich hat das Ziel die Folgen des frühen Lernens auf Populationsebene zu untersuchen. Wie wirken sich frühe Erfahrungen der Räuber mit einer bestimmten Beute auf ihre Fähigkeit die Population dieser und anderer Beutetiere zu beschränken aus? Letztere Fragen gehen von der Idee aus, dass spezifische - mit einer bestimmten Beute erfahrene - phänotypische Linien der Räuber kreiert werden können, die in der Biologischen Kontrolle effizienter sind als die herkömmlichen Linien. Im vorgeschlagenen Projekt werden primär manipulative experimentelle Studien auf Individual- und Populationsebene durchgeführt. Der räumliche Level der Experimente reicht von kleinen künstlichen Versuchszellen über einzelne Blätter bis zu ganzen Pflanzen und Pflanzengruppen. Der Hauptteil der Forschung wird von zwei DissertantInnen und einem MSc Studenten durchgeführt. Die Verbindung von umfassender Forschung über Lernmechanismen, sensitive Lebensphasen, Erinnerungsvermögen und den adaptiven Wert des Lernens, und die Auswirkungen des Lernens auf Populationsebene und die Biologische Kontrolle, machen das Projekt innovativ und originell. Die Ergebnisse des Projekts sollten über die Raubmilben hinausgehende Bedeutung haben und zur Steigerung des generellen Verständnis des frühen Lernens bei Arthropoden beitragen.
Dieses Projekt verfolgte drei Ziele. (i) Charakterisierung der frühen Lernfähigkeit von pflanzenbewohnenden Raubmilben beim Beuteerwerb; (ii) Eruieren des adaptiven Werts des frühen Lernens und der, durch physiologische und kognitive Limitierungen bedingten, Kosten- Nutzen Abwägung; (iii) Kaskadierende Effekte des frühen Lernens für Populationen und Lebensgemeinschaften und deren Bedeutung für die Biologische Kontrolle. Das Projekt hat alle Ziele erfolgreich erreicht. Ad (i) Raubmilben mit breitem Beutespektrum, wie Amblyseius swirskii und Neoseiulus californicus, haben im frühen Leben lernsensitive Zeitfenster. In dieser Zeit führen Beuteerfahrungen zu profunden und nachhaltigen Änderungen des Beuteerwerbs im späteren Leben. Räuber, die früh im Leben eine bestimmte Beuteart kennenlernen, speichern diese Erinnerung über zwei bis drei Häutungsphasen bis ins Erwachsenenalter. Erwachsene Räuber können vertraute Beute rascher erkennen und attackieren, und mehr Beute effizienter fressen. Sowohl nicht-assoziative als auch assoziative Lernprozesse sind wirksam. Die Lernfähigkeit der Nachkommen wird durch die Nahrung ihrer Mütter beeinflusst, wobei exklusiv pflanzliche mütterliche Ernährung zu degradierter Lernfähigkeit der Nachkommen führt. Ad (ii) Frühes Lernen erlaubt einen höheren Netto-Energiegewinn pro Beutetier, i.e. erhöht die Profitabilität der Beute. Dies steigert die Reproduktion Beute-erfahrener Räuber, einem adaptiven Nutzen des Lernens. Im Gegensatz dazu hat die erste Beuteerfahrung erwachsener Räuber lediglich physiologische, aber kaum kognitive, Effekte. Aufrechterhaltung der Lernfähigkeit und die Lernvorgänge selber sind energetisch aufwendig und binden Ressourcen, die ansonsten für andere physiologische und/oder kognitive Vorgänge und Lebensaktivitäten genutzt werden könnten. Physiologische Kosten des Lernens waren in längerer Entwicklungszeit Thrips-erfahrener Räuber erkennbar, offenbar aufgrund der energetisch aufwendigen Konsolidierung früherer Erfahrungen. Kognitive Kosten-Nutzen Abwägung war bei jungen lernenden Räubern, die ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig mehreren Stimuli widmen sollten, erkennbar. Ad (iii) Frühe Lerneffekte wirken sich gravierend auf höhere Organisationslevel aus und begünstigen die Populationsdynamik beuteerfahrener Räuber auf Pflanzen mit vertrauter Beute. Durch Thrips-erfahrene Räuber gegründete Populationen waren effizienter in der Kontrolle herbivorer Thripse. Dies führte letztlich auch zu einer Steigerung der evolutionären Fitness der Pflanzen. Insgesamt erbringt dieses Projekt einen bedeutenden Wissensgewinn und Fortschritt in grundlegenden und angewandten Aspekten des frühen Lernens. Günstige experimentelle Zugänglichkeit und Manipulierbarkeit, und ein breites Verhaltensrepertoire, machen Raubmilben zu idealen Modellorganismen für verhaltensbiologische und -ökologische Fragestellungen. Ihre gut ausgeprägten Lernfähigkeiten sollten zu verbesserten Zucht- und Einsatzstrategien in der Biologischen Kontrolle führen. Die Projektresultate bilden das Fundament für zukünftige Untersuchungen der Relevanz früher Lebenserfahrungen für die Modellierung von Milbenpersönlichkeiten.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 426 Zitationen
- 24 Publikationen
- 4 Datasets & Models
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2016
Titel Male body size effects on mating behaviour and paternity success in polyandrous Phytoseiulus persimilis and Neoseiulus californicus. Typ Journal Article Autor Schausberger P Et Al Journal IOBC-WPRS Bulletin -
2016
Titel Phytoseiid mites under environmental stress DOI 10.1016/j.biocontrol.2016.02.017 Typ Journal Article Autor Ghazy N Journal Biological Control Seiten 120-134 -
2016
Titel Comparision of three Amblydromalus limonicus populations regarding their potential to overcome abiotic resistance of Austrian ecosystems under climate warming scenarios. Typ Journal Article Autor Schausberger P Et Al Journal IOBC-WPRS Bulletin -
2016
Titel Einfluss der Klimaerwärmung auf das Etablierungs- und Invasionspotenzial eines exotischen Nützlings in Österreich: die thermale Sensitivität der Raubmilbe Amblydromalus limonicus. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Dittmann L Konferenz Tagungsband 17. Österreichischer Klimatag -
2016
Titel Predation risk-mediated maternal effects in the two-spotted spider mite, Tetranychus urticae DOI 10.1007/s10493-016-0014-9 Typ Journal Article Autor Freinschlag J Journal Experimental and Applied Acarology Seiten 35-47 -
2016
Titel Kann die exotische Raubmilbe Amblydromalus limonicus, ein Pflanzennützling, aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels in Österreich überwintern? Typ Conference Proceeding Abstract Autor Schausberger P Et Al Konferenz Tagungsband 17. Österreichischer Klimatag -
2015
Titel Maternal intraguild predation risk affects offspring anti-predator behavior and learning in mites DOI 10.1038/srep15046 Typ Journal Article Autor Seiter M Journal Scientific Reports Seiten 15046 Link Publikation -
2017
Titel Low level of polyandry constrains phenotypic plasticity of male body size in mites DOI 10.1371/journal.pone.0188924 Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal PLOS ONE Link Publikation -
2017
Titel Non-associative versus associative learning by foraging predatory mites DOI 10.1186/s12898-016-0112-x Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal BMC Ecology Seiten 2 Link Publikation -
2017
Titel Adaptive aggregation by spider mites under predation risk DOI 10.1038/s41598-017-10819-8 Typ Journal Article Autor Dittmann L Journal Scientific Reports Seiten 10609 Link Publikation -
2017
Titel Interference in early dual-task learning by predatory mites DOI 10.1016/j.anbehav.2017.09.005 Typ Journal Article Autor Christiansen I Journal Animal Behaviour Seiten 21-28 Link Publikation -
2017
Titel Correction: Constitutive and Operational Variation of Learning in Foraging Predatory Mites DOI 10.1371/journal.pone.0171450 Typ Journal Article Autor Seiter M Journal PLOS ONE Link Publikation -
2017
Titel Phonon-Assisted Two-Photon Interference from Remote Quantum Emitters DOI 10.1021/acs.nanolett.7b00777 Typ Journal Article Autor Reindl M Journal Nano Letters Seiten 4090-4095 Link Publikation -
2017
Titel Transgenerational loss and recovery of early learning ability in foraging predatory mites DOI 10.1007/s10493-017-0122-1 Typ Journal Article Autor Reichert M Journal Experimental and Applied Acarology Seiten 243-258 Link Publikation -
2017
Titel Early social isolation impairs development, mate choice and grouping behaviour of predatory mites DOI 10.1016/j.anbehav.2017.02.024 Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal Animal Behaviour Seiten 15-21 Link Publikation -
2016
Titel Population-specific cold tolerance of the predatory mite Amblydromalus limonicus. Typ Journal Article Autor Dittmann L Journal IOBC-WPRS Bulletin -
2018
Titel Categorizing experience-based foraging plasticity in mites: age dependency, primacy effects and memory persistence DOI 10.1098/rsos.172110 Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal Royal Society Open Science Seiten 172110 Link Publikation -
2016
Titel Predatory mite mothers prime their offspring to behave more optimally in intraguild predation environments. Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal IOBC-WPRS Bulletin -
2016
Titel Benefit-cost Trade-offs of Early Learning in Foraging Predatory Mites Amblyseius Swirskii DOI 10.1038/srep23571 Typ Journal Article Autor Christiansen I Journal Scientific Reports Seiten 23571 Link Publikation -
2016
Titel Magic or Not? Sounds vs. Colors in Sexual Selection and Genetic Divergence of Strawberry Frogs DOI 10.3389/fevo.2016.00099 Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal Frontiers in Ecology and Evolution Seiten 99 Link Publikation -
2016
Titel Ultimate Drivers and Proximate Correlates of Polyandry in Predatory Mites DOI 10.1371/journal.pone.0154355 Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal PLOS ONE Link Publikation -
2016
Titel Constitutive and Operational Variation of Learning in Foraging Predatory Mites DOI 10.1371/journal.pone.0166334 Typ Journal Article Autor Seiter M Journal PLOS ONE Link Publikation -
2020
Titel Innate and learned responses of foraging predatory mites to polar and non-polar fractions of thrips’ chemical cues DOI 10.1016/j.biocontrol.2020.104371 Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal Biological Control Seiten 104371 Link Publikation -
2020
Titel Learned predators enhance biological control via organizational upward and trophic top-down cascades DOI 10.1111/1365-2664.13791 Typ Journal Article Autor Schausberger P Journal Journal of Applied Ecology Seiten 158-166 Link Publikation
-
2018
Link
Titel Raw data of the experiments from Categorizing experience-based foraging plasticity in mites: age dependency, primacy effects and memory persistence DOI 10.6084/m9.figshare.6080234 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2018
Link
Titel Raw data of the experiments from Categorizing experience-based foraging plasticity in mites: age dependency, primacy effects and memory persistence DOI 10.6084/m9.figshare.6080234.v1 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2017
Link
Titel MOESM1 of Non-associative versus associative learning by foraging predatory mites DOI 10.6084/m9.figshare.c.3666355_d1 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2017
Link
Titel MOESM1 of Non-associative versus associative learning by foraging predatory mites DOI 10.6084/m9.figshare.c.3666355_d1.v1 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link