Personal, Insassen und Organisationsform des Wiener Bürgerspitals in der FNZ
Staff, inmates and organisat. structure of Vienna Publ. Hospital in Early Modern Period
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (30%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (40%); Soziologie (30%)
Keywords
-
Inmates,
Town History,
Staff of the Hospitals,
Organisation,
Relationship Town - Hospital,
History of Hospitals
Das Wiener Bürgerspital, gegründet um die Mitte des 13. Jahrhunderts, war die zentrale Kranken-, Armen- und Altenversorgungsanstalt der Stadt sowie gleichzeitig ein riesiger Wirtschaftsbetrieb und eine große Grundherrschaft. Während die mittelalterliche Geschichte dieses größten österreichischen Spitals in groben Zügen erforscht ist, verharrt die Geschichte der multifunktionalen Einrichtung in der Neuzeit noch im Dunkel. Lediglich Grundzüge sind bislang bekannt: Um die Mitte des 17. Jahrhunderts arbeiteten für das Spital beispeilsweise rund 100 Bedienstete ("Offiziere" und Dienstboten), mehrere hundert Insassen wurden versorgt. In der Frühen Neuzeit stellte der riesige Komplex des Wiener Bürgerspitals mit seinen vielen verschiedenen Höfen eine wahre Stadt in der Stadt dar gelegen innerhalb der Stadtmauern zwischen der damals noch nicht existierenden Staatsoper, der Kärntner Straße, dem Lobkowitzplatz (damals Schweinemarkt) und dem Neuen Markt. Mehrere hundert Insassen wurden versorgt, das Wiener Bürgerspital fungierte aber auch als wichtige Verteilungsstelle in der offenen Armenfürsorge der Stadt. Nach dem Wiener Hof war das Wiener Bürgerspital vermutlich der größte einzelne Arbeitgeber in der Haupt- und Residenzstadt. Spitalgeschichte konnte sich in den letzten Jahren als wichtiger Faktor der Sozial-, Wirtschafts- und Stadtgeschichte etablieren, wie zahlreiche Arbeiten zeigen. Da für die geplanten Untersuchungen kaum Vorarbeiten für die Frühe Neuzeit zur Verfügung stehen, um die Bereiche des "inneren" Spitalbetriebs und das Kräftefeld des Spitals im Gesamtgefüge der vielfältigen Aufgaben- und Wirkungsbereiche des Bürgerspitals verorten zu können, muss zu Beginn des Projekts das Spital als Ganzes zumindest im Überblick einer Strukturanalyse unterzogen werden. Als exzellente Quellengrundlage hierfür dienen die Bilanzen des Wiener Bürgerspitals, die eine rasche Orientierung der Ausgaben- und Einnahmenstrukturen ermöglichen. Ziel des Projektes ist es, in einem ersten Schritt eine Übersicht über die Aufgaben und Funktionen des Wiener Bürgerspitals in der Frühen Neuzeit zu erarbeiten und in einem zweiten eine tiefgehende Untersuchung über das Lebens und Arbeiten in dieser Einrichtung zu erstellen. Mit Mag. Sarah Pichlkastner steht eine sehr gut eingearbeitete Historikerin für die Bearbeitung dieses großen und nicht nur für die Wiener Stadtgeschichte relevanten Spitals zur Verfügung.
Das frühneuzeitliche Wiener Bürgerspital, damals die wahrscheinlich wichtigste Armen- und Krankenversorgungseinrichtung in der kaiserlichen Residenzstadt Wien und das größte Bürgerspital des heutigen Österreich, bildete den Mittelpunkt des Projekts. Der bisherige Forschungsstand stand in starkem Kontrast zur Größe und Bedeutung des Spitals. Wie viele andere Fürsorgeeinrichtungen in Mittelalter und Früher Neuzeit war auch das Wiener Bürgerspital eine multifunktionale Institution, die verschiedene Insassengruppen beherbergte (physisch und psychisch Kranke, Verletzte, Schwangere und Wöchnerinnen, Kinder und alte Menschen, Personen mit körperlichen und mentalen Beeinträchtigungen, Pilgernde). Die Insassinnen und Insassen differenzierten sich wie die Projektergebnisse zeigen im Verlauf der Frühen Neuzeit immer mehr aus und wurden zunehmend getrennt untergebracht. Dazu trugen nicht zuletzt die dazukommenden Filialen bei. Anders als heute mussten sich mittelalterliche und frühneuzeitliche Fürsorgeinstitutionen vielfach selbst finanzieren und bildeten daher gleichzeitig potente wirtschaftliche Einrichtungen. Das Projekt konnte die vielfältigen Aktivitäten des Bürgerspitals aufzeigen (Weinbau und andere landwirtschaftliche Tätigkeiten, Bierproduktion, grundherrschaftliche Aktivitäten, Kreditgeschäfte usw.). Das Spital bildete einen wichtigen Wirtschaftsfaktor in der Stadt und ihrer Umgebung. Gleichzeitig lassen sich im Verlauf der Frühen Neuzeit Veränderungen bemerken, die von der Eigenwirtschaft hin zu anderen Finanzierungsformen führen (gewinnbringende Kapitalveranlagung, Zahlungen von bzw. für Insassinnen und Insassen, staatliche Zuschüsse). Das Bürgerspital stellt dementsprechend nicht nur hinsichtlich der Finanzierungsgrundlagen, sondern auch in institutioneller, administrativer und organisatorischer Sicht eine der wichtigsten Vorläufereinrichtungen für die durch die Reformen Josephs II. in den 1780er Jahren geschaffenen Spezialeinrichtungen in Wien dar (Allgemeines Krankenhaus mit Gebär- und Tollhaus, Findelhaus, Siechen- und Versorgungshäuser). Dem Bürgerspital blieb ab diesem Zeitpunkt nur mehr die Zuständigkeit für einen kleinen Teil der früheren Insassinnen und Insassen, nämlich für versorgungsbedürftige Wiener Bürger und ihre Angehörige.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 4 Publikationen
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2017
Titel Beer, Cereals, Credit Business, Subject, Wine - but Inmates? Searching for Inmates in the Archival Sources of the Early Modern Viennese Civic Hospital. Typ Journal Article Autor Pichlkastner S Journal Historia Hospitalium -
2017
Titel Bier, Wein, Kapitalien - aber Insassinnen und Insassen? Das Wiener Bürgerspital zwischen wirtschaftlichem "Großunternehmen" und karitativer Versorgungseinrichtung in der Frühen Neuzeit. Typ Journal Article Autor Pichlkastner S Journal Historia Hospitalium -
2016
Titel Personal, Insassen und innere Organisation des Wiener Bürgerspitals in der Frühen Neuzeit - ein FWF-Projekt am Institut für Österreichische Geschichtsforschung (Universität Wien), 2013-2017. Typ Journal Article Autor Pichlkastner S Journal Virus - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin -
2015
Titel Insassen, Personal und innere Organisation des Wiener Bürgerspitals in der Frühen Neuzeit. Eine Projektskizze DOI 10.7767/miog-2015-0110 Typ Journal Article Autor Pichlkastner S Journal Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung Seiten 117-132