Implizite und Explizite Gedächtnisprozesse bei Collaborative Tagging
Implicit and Explicit Memory in Collaborative Tagging
Wissenschaftsdisziplinen
Informatik (30%); Psychologie (70%)
Keywords
-
Learning with New Media,
Human Memory Processes,
Word Perception and Production,
Categorization,
Human Computer Interaction,
Personalized Recommendation
Dieses Projekt leistet einen kognitionspsychologischen Beitrag zur Erforschung der Wissensorganisation in sozialen Software Systemen und besteht in der Durchführung von zwei empirischen Studien im Kontext von Collaborative Tagging (CT). CT ist eine Funktionalität sozialer Internet Umgebungen, in denen BenutzerInnen Ressourcen (Web-Seiten, Fotos, Musik,...) kollaborativ sammeln und anhand frei gewählter Schlagwörter (so genannter Tags) beschreiben. CT erfreut sich großer Beliebtheit und lässt ein hohes Potential für eine gemeinsame Wissenserschließung sowie für die kognitionspsychologische Forschung erkennen. Die aktuelle Forschung zu CT versucht die Effektivität von CT-Umgebungen zu erhöhen, wobei intelligente Tag-Empfehlungsmechanismen die Vergabe von Tags unterstützen und eine höhere Konsistenz zwischen BenutzerInnen gewährleisten sollen. Für derartige Bestrebungen ist ein besseres Verständnis zugrunde liegender, kognitiver Prozesse essentiell. Das Projekt gründet auf Konzeptionen und Forschungsergebnissen von Fu (2008), Fu et al. (2009, 2010) sowie Held et al. (2008, 2010, 2012) und zielt auf eine kognitionspsychologische Beschreibung und Erklärung von CT ab. Der Fokus wird auf das imitierende Verhalten von BenutzerInnen gesetzt, das in bereits bestehenden Modellen von CT (Cattuto, Loreto & Pietronero, 2006; Fu et al., 2009; Halpin, Robu & Shepherd, 2007) als wesentlich für die Entwicklung konsistenten Tagging Verhaltens erachtet wird. Bezug nehmend auf Dual-Prozess Modelle der Wortverarbeitung und -produktion (z.B. Barsalou, Santos, et al., 2008; Nelson, Fisher & Akirmak, 2007), analysieren und separieren wir (Dietrich Albert/Projektleiter und Tobias Ley/Co-Projektleiter) implizit/automatische und explizit/kontrollierte Prozesse während der Nutzung von CT- Umgebungen. Experimentalpsychologische Paradigmen und dafür vorgesehene multinomiale Modelle (Brainerd et al., 2002, 2010; Buchner, Erdfelder & Vaterrodt-Plünnecke, 1995) dienen der Erhebung sowie Auswertung empirischer Daten. Die erste Studie knüpft an eigene Forschungsergebnisse an und untersucht den Anteil impliziter und expliziter Gedächtnisrepräsentationen bei der Tag-Produktion, sowie Interaktionen mit der Intention der BenutzerInnen und lexikalischen Eigenschaften der Tags. Die zweite Studie bringt die Methoden und Ergebnisse unserer bisherigen Studien zusammen: Erprobt werden Tag-Empfehlungsmechanismen, die mit automatischen und kontrollierten Prozessen der Wortverarbeitung in Wechselwirkung treten und imitierendes Tagging-Verhalten im betrieblichen Kontext eines Unternehmens unterstützen sollen. Bislang beschränkten sich Studien zu CT auf unsystematisch anfallende Daten bestehender Internet Umgebungen. Die dabei beobachteten Datenmuster wurden mithilfe von Computersimulationen rekonstruiert und retrospektiv erklärt. Im Gegensatz dazu verwendet dieses Projekt experimentelle Forschungsdesigns, um unabhängige Variablen systematisch zu manipulieren, kognitive Prozesse direkt zu messen und Veränderungen dieser abhängigen Variable eindeutig interpretieren zu können. Die Studien finden im kontrollierten Labor-Setting und im natürlichen Feld eines Unternehmens statt, um Ergebnisse mit hinreichend interner und externer Validität zu erzielen.
Das World Wide Web hat uns einen digitalen Informationsraum eröffnet, der uns dabei hilft, Wissen zunehmend selbstbestimmt zu erkunden und zu entwickeln. Zugleich aber tragen wir schwer an der schier unbegrenzten Verfügbarkeit von Ressourcen (z.B. Youtube Tutorials, Blogeinträgen etc.) und laufen gelegentlich Gefahr, uns im Gewirr der Informationen zu verlieren. Wir Suchenden benötigen daher technische Hilfsmittel, welche das Finden, Organisieren und Teilen von Ressourcen erleichtern. Aus diesem Grund hat sich das vorliegende Projekt mit Collaborative Tagging beschäftigt, einer beliebten Funktionalität sozialer Umgebungen im Web (z.B. Lesezeichenportalen). Sie bietet BenutzerInnen die Möglichkeit, gesammelte Ressourcen anhand selbst gewählter Schlagwörter (Tags) zu beschreiben und sich selbst und anderen Hinweisreize während der Suche im Web zu geben.Genauer betrachtet haben wir Erinnerungsprozesse, die während der Produktion von Tags stattfinden. Kraft dieser mentalen Suche vergegenwärtigen sich BenutzerInnen die zentralen Themen einer gefundenen Ressource und veräußern sie in einer entsprechenden Serie von Tags. Die serielle Tag-Produktion lässt eine gedankliche Auseinandersetzung erkennen, welche einer Reflexion entspricht und somit einer selbstbestimmten, bedächtigen Informationssuche zuträglich ist: Insbesondere verzögerte Gedanken zur Ressource (bzw. Tags an späteren Positionen der produzierten Serie) gehen auf eine tiefgründige Gedächtnissuche zurück, welche Ressourceninhalte in den Kontext persönlicher Lernepisoden stellt. Spontane Einfälle (bzw. frühe Tags) rühren hingegen von unmittelbar erfahrbaren Eindrücken her (z.B. gelesenen Worten eines Web-Artikels). Da sie auf physikalisch geteilten Lernerfahrungen (z.B. Worten) gründen, werden sie von unterschiedlichen BenutzerInnen produziert und entwickeln sich rasch zu prominenten Elementen eines gemeinsamen Tag-Vokabulars. Somit lässt sich spontan produzierten Tags eine unterstützende Rolle beim Teilen und Vernetzen gemeinschaftlich gesammelter Informationen beimessen. Um das Teilen von Ressourcen mithilfe von Tags voranzutreiben und auf tiefgründigere Gedanken auszudehnen, haben wir in einer Zusammenarbeit mit der Informatik automatische Tag-Empfehlungsmechanismen (TEM) entwickelt, d.h. Services, die zur Wiederverwendung vorhandener Tags animieren. Im Gegensatz zu konventionellen TEM ist es unser Ziel gewesen, die analysierte Ressourcenreflexion algorithmisch nachzubilden und Tags vorzuschlagen, welche sowohl zu spontanen als auch verzögerten Gedanken passen. Tatsächlich zeigen unsere umfangreichen Studien, dass dieses Designprinzip die Wiederverwendung von Tags wahrscheinlicher macht und somit ein Tag-gestütztes Teilen von Ressourcen begünstigt.Unsere Projektarbeit spricht Collaborative Tagging eine positive Rolle in einer Web-gestützten Suche zu, welche durch Prozesse der Reflexion und des Teilens von Ressourcen die Informationsflut digitaler Räume zu erschließen vermag. Die Schnittstelle von Psychologie und Informatik erweist sich dabei als innovativer Impulsgeber, der uns auch zukünftig im Design unterstützender Services inspirieren wird.
- Technische Universität Graz - 100%
- Tobias Ley, Donau-Universität Krems , nationale:r Kooperationspartner:in
- Ulrike Cress, Leibniz-Institut für Wissensmedien - Deutschland
- Wai-Tat Fu, University of Illinois at Urbana-Champaign - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 161 Zitationen
- 15 Publikationen
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2016
Titel Reconceptualizing imitation in social tagging DOI 10.1145/2908131.2908157 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Seitlinger P Seiten 146-155 -
2015
Titel Attention Please. A hybrid resource recommender mimicking attention-interpretation dynamics. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Lex E Et Al Konferenz A. Gangemi, L. Stefano & P. Alessandro (Eds.), Proceedings of the 24th conference on World Wide Web WWW'15 companion, New York -
2015
Titel Dynamics of human categorization in a collaborative tagging system: How social processes of semantic stabilization shape individual sensemaking DOI 10.1016/j.chb.2015.04.053 Typ Journal Article Autor Ley T Journal Computers in Human Behavior Seiten 140-151 Link Publikation -
2015
Titel Attention Please! A Hybrid Resource Recommender Mimicking Attention-Interpretation Dynamics DOI 10.1145/2740908.2743057 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Seitlinger P Seiten 339-345 Link Publikation -
2017
Titel Balancing the Fluency-Consistency Tradeoff in Collaborative Information Search with a Recommender Approach DOI 10.1080/10447318.2017.1379240 Typ Journal Article Autor Seitlinger P Journal International Journal of Human–Computer Interaction Seiten 557-575 Link Publikation -
2017
Titel Supporting collaborative learning with tag recommendations DOI 10.1145/3027385.3027421 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kopeinik S Seiten 409-418 Link Publikation -
2016
Titel Patterns of Meaning in a Cognitive Ecosystem: Modeling Stabilization and Enculturation in Social Tagging Systems DOI 10.1007/978-3-319-13536-6_8 Typ Book Chapter Autor Ley T Verlag Springer Nature Seiten 143-163 -
2014
Titel Verbatim and Semantic Imitation in Indexing Resources on the Web: A Fuzzy-trace Account of Social Tagging DOI 10.1002/acp.3067 Typ Journal Article Autor Seitlinger P Journal Applied Cognitive Psychology Seiten 32-48 Link Publikation -
2013
Titel Recommending tags with a model of human categorization DOI 10.1145/2505515.2505625 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Seitlinger P Seiten 2381-2386 -
2014
Titel Forgetting the Words but Remembering the Meaning: Modeling Forgetting in a Verbal and Semantic Tag Recommender DOI 10.1007/978-3-319-14723-9_5 Typ Book Chapter Autor Kowald D Verlag Springer Nature Seiten 75-95 -
2014
Titel Long time no see: the probability of reusing tags as a function of frequency and recency. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kowald D Konferenz A. Broder, K. Shim & T. Suel (Eds.), Proceedings of the 23rd Conference on World Wide Web WWW'14 Companion, New York -
2014
Titel Long time no see DOI 10.1145/2567948.2576934 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kowald D Seiten 463-468 -
2016
Titel Take up My Tags: Exploring Benefits of Meaning Making in a Collaborative Learning Task at the Workplace DOI 10.1007/978-3-319-45153-4_30 Typ Book Chapter Autor Dennerlein S Verlag Springer Nature Seiten 377-383 -
2016
Titel Modeling Activation Processes in Human Memory to Predict the Use of Tags in Social Bookmarking Systems DOI 10.1561/106.00000004 Typ Journal Article Autor Trattner C Journal Journal of Web Science Seiten 1-16 -
2014
Titel Refining Frequency-Based Tag Reuse Predictions by Means of Time and Semantic Context DOI 10.1007/978-3-319-14723-9_4 Typ Book Chapter Autor Kowald D Verlag Springer Nature Seiten 55-74