Das Chronicon Paschale: Kritische Edition und innovative Editionsmethode
The Chronicon Paschale: Critical Edition and Enhanced Edition Method
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
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Byzantinistik,
Editionstechnik,
Geschichtsschreibung,
Paläographie,
Quellenkunde,
Griechische Sprache
Das Editionsprojekt kommt einem lang erwarteten Desiderat einer kritischen Edition eines zentralen Textes der spätantiken und frühbyzantinischen Geschichtsschreibung nach. Die Ausgabe von 1832 unter der Leitung von Ludwig Dindorf hat den Lagenumreihungen und Manipulationen im Hauptcodex Vaticanus gr. 1941 aus dem Ende des 10. Jahrhunderts nicht Rechnung getragen und einen schon von der handschriftlichen Basis sehr zweifelhaften Text ediert. Hinzu kommt die aus dem damaligen Zeitgeist zu entschuldigende fehlende Analyse möglicher Parallelstellen und des Stellenwertes der Chronik in der diachronen und synchronen Annalistik. Diesem Desiderat, das von zahlreichen namhaften Forschern immer wieder beklagt wurde, widmet sich das Projekt mit einer modernsten Ansprüchen entsprechenden Edition in der Reihe Corpus Fontium Historiae Byzantinae, Series Vindobonensis, und begleitenden Studien in Fachorganen. Das Editionsprojekt wird dabei auch neueste methodische Ansätze in der Wiedergabe byzantinischer Texte berücksichtigen, allen voran die Stixis und eine akribische Quellenanalyse; Letztere erfolgt u.a. in Kooperation mit einem Langzeitprojekt, das einem für das Chronicon paschale zentralen Paralleltext, dem Geschichtswerk des Ioannes Malalas (ca. 490 n. 570), gewidmet ist (Leitung Mischa Meier). Zudem wird das Projekt mit weiteren Experten der spätantiken und frühmittelalterlichen/frühbyzantinischen Historiographie zusammenarbeiten, um die Textabhängigkeiten und Quellenfrage profund zu analysieren und im begleitenden Appartus fontium (sowie in Einzelstudien) zu dokumentieren. Das Projekt konzentriert sich neben der Edition auch auf die Frage der Textrepräsentation und der Intention des Autors, der deutlich antichalkedonische Tendenzen aufweist und sich gegen konkurrierende Datierungsmodelle durch einen "Jahreskalender" mit genauer Fixierung der wichtigsten Ereignisse der Christenheit durchsetzen will. Der Plan des Autors, sich nach dem astronomischen Kalender (der Name Osterchronik kommt dem Werk von der genauen Datierung des zentralen Ostertermins am Beginn der Handschrift zu) zu richten und danach die Daten korrekt zu bestimmen, ist durch eine Praefatio ausgedrückt, die bislang oft als separates, unabhängiges Textstück betrachtet wurde, deren Bezug zur eigentlichen Chronik aber wesentlicher Bestandteil zum Textverständnis ist. Die ausgewählten Ereignisse zu den einzelnen Jahren variieren sehr stark an Substanz und bieten damit ein interessantes Forschungsfeld illokutiver Aspekte (trotz aller Abhängigkeit von Vorgängern).
Das Projekt setzte sich zum Ziel, einen der wichtigsten historischen Texte der frühbyzantinischen Zeit, das so genannte Chronicon Paschale, für eine kritische Edition vorzubereiten. Diese Edition sollten Einzelstudien zu bestimmten Aspekten und Besonderheiten des Textes ergänzen. Beides konnte im Projektzeitraum mit der gewährten kostenneutralen Verlängerung bewerkstelligt werden. Die Edition wird in der Reihe Corpus Fontium Historiae Byzantinae, Series Vindobonensis erscheinen und tritt in das Begutachtungsverfahren im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein. Einzelstudien wurden bereits flankierend zu der Arbeit an der Edition erstellt und publiziert; es wird aber noch ein eigener umfangreicher Band Studien zum Chronicon Paschale vom Projektleiter parallel mit der Edition erscheinen; im Zuge der Arbeit an der Edition haben sich viele Probleme und Fragen ergeben, die allerdings sehr textspezifisch sind und im Idealfall in eine Einleitung einfließen würden. Jedoch hat sich gezeigt, dass diese einen solchen Umfang annehmen, dass es seitens der Reihe nicht mehr akzeptabel erschien, all diese Anmerkungen und Studien dort zu platzieren. So wurde parallel zur Edition an diesem eigenen Studienband gearbeitet und dabei zur Struktur des Werkes, zur Quellenanalyse, zur Wertung und Beurteilung des Codex unicus aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, zur Sprache und zu den Manipulationen sowie Ergänzungen detailliert Stellung genommen. Mit der Edition liegt eine Ausgabe vor, die schon lange in der Wissenschaft als Desiderat bezeichnet wurde; denn der Text ist eine grundlegende Quelle für den byzantinischen Computus der frühbyzantinischen Zeit unter Kaiser Herakleios; andererseits ist der vom annalistischen Stil abweichende Bericht gegen Ende des Werkes (ab Kaiser Phokas) mit detaillierten Informationen in deutlich niederem Sprachregister, u.a. zur Belagerung Konstantinopels 626, eine Basisquelle für die Forschung. Bislang lag der griechische Text in der letzten Edition von Ludwig Dindorf aus dem Jahr 1832 vor. Dieser Text zeigt etliche Mängel sowohl in Textkonstitution und Quellenanalyse (minimalistisch) als auch in der Ausweisung von Lücken bzw. in sehr willkürlichen Änderungen des Textes und des Textablaufes (sehr verwirrend bei der parallelen Behandlung der Reiche Juda und Israel). Einige Fehler in dieser Edition haben ihrerseits wieder in der darauf aufbauenden Fachliteratur falsche Thesen hervorgerufen; in Summe ein circulus vitiosus, den man nur dadurch in den Griff bekommen konnte, wenn die Textgrundlage gesichert wird, was mit dieser Edition erfolgte. Die detaillierte Untersuchung aller Quellen, die in der Edition auch mitkollationiert sind, hat weitere Fehler im überlieferten Text, selbst wo er glatt zu laufen scheint, aufgezeigt. Dabei profitierte das Projekt ganz besonders von in rezenter Zeit erstellten kritischen Editionen, die als Quelle oder zum Vergleich heranzuziehen waren. Das Chronicon Paschale sieht sich selbst ja nicht so sehr als eine Chronik, sondern als einen Überblick über die Jahresabfolge ab Adam für die Computusberechnung; das narrative Beiwerk stand nicht im Vordergrund; wichtig waren die Bestimmung der Weltjahre in continuo zu jedem Olympiaden-, Konsul-, Indiktions- und Herrscherjahr, um damit die Grundlage für den Computus zu schaffen. Daher lagen dem anonymen Autor die Rechenbeispiele zu ausgewählten Daten besonders am Herzen. Das Computus-System und die (späteren) Eingriffe verlangten jedoch nach einer eigenen Studie zum byzantinischen Computus. Da im Zuge der Arbeit zahllose Handschriften mit Computus-Traktaten untersucht werden mussten, ergab sich als weiteres Nebenprodukt die in Vorbereitung befindliche Editionspublikation des Projektleiters Studien zum byzantinischen Computus. Die mehrjährige Quellenanalyse und die kritische Revision des Textes im Codex Vaticanus gr. 1941 hat allerdings auch dazu geführt, dass das Bild der Osterchronik als Werk eines anonymen Autors unter Kaiser Herakleios korrigiert werden musste. Der Text zeigt in der Version aus dem 10. Jahrhundert so viele Unstimmigkeiten und Widersprüche, dazu starke stilistische Brüche und abrupte Änderungen, dass es sich offensichtlich um eine Überarbeitung bzw. Fortsetzung im Sinne der open text theory handelt. Damit musste aber auch die Frage des Autors neu aufgerollt und der Autor als unhaltbar erwiesen werden.
- Anne Tihon, Université Catholique de Louvain - Belgien
- Erich Lamberz, Bayerische Akademie der Wissenschaften - Deutschland
- Bruno Bleckmann, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf - Deutschland
- Horst Schneider, Ludwig Maximilians-Universität München - Deutschland
- Albrecht Berger, Ludwig-Maximilians-Universität München - Deutschland
- Claudia Märtl, Ludwig-Maximilians-Universität München - Deutschland
- Mischa Meier, Universität Tübingen - Deutschland
- Zoltan Farkas, Pazmany Peter Katolikus Egyetem - Ungarn