Mittelitalien in römischer Zeit
Central Italy in Roman times
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (70%); Rechtswissenschaften (30%)
Keywords
-
Romanization,
Umbrians,
Local Institutions,
Etruscans,
Municipalization,
Italians
Ziel meines dreijährigen Forschungsvorhabens ist eine umfassende Studie zur politischen und Verfassungsgeschichte der etruskischen und italischen Gemeinden Mittelitaliens vom 1. Jh. v.Chr. bis zu Beginn des 2. Jhs. n.Chr. Nachdem in den Jahren 90-88 v.Chr. das römische Bürgerrecht auf alle Bewohner des antiken Italiens ausgeweitet worden war, initiierte Rom die sogenannte Munizipalisierung bzw. Kolonisierung der Halbinsel, d.h. einen Prozess der Reorganisation der Neubürger-Gemeinden in territorialer, rechtlicher und administrativer Hinsicht. Auch die etruskisch-, umbrisch- und oskischsprachigen Gemeinden Mittelitaliens wurden somit zu municipia und coloniae civium Romanorum. Obwohl ihre Regierung in der Hand lokaler Magistraten lag, legen diese nun ihre einheimischen Amtsbezeichnungen ab und übernehmen die römischen Titel quattuorviri bzw. duoviri; dementsprechend werden die lokalen Gemeinderäte nunmehr offiziell als decuriones/senatus bezeichnet. Rechtsprechung, Verwaltung, die Vorgehensweise bei der Wahl von Magistraten, öffentliche Bautätigkeit, Abhaltung von census etc. wurden nunmehr aufgrund spezieller statutarischer Regelungen (leges) durchgeführt, die von Seiten Roms erstellt und den einzelnen Gemeinden auferlegt wurden. Das Hauptziel meiner Untersuchungen liegt darin, festzustellen, wie die etruskischen und italischen Zentren Mittelitaliens auf diesen Prozess der Romanisierung ihrer Institutionen reagierten, wobei Problemstellungen untersucht werden sollen wie z.B. "Wurden neue Magistraturen bzw. Titel sogleich und einheitlich übernommen?"; "Welche einheimischen Magistraturen behielten ihre Funktionen und wenn ja, für wie lange?" "Bis wann, wenn überhaupt, haben lokale Rechte, Institutionen und Gebräuche sich in einer fast völlig romanisierten Umwelt behaupten können?" In den vergangenen Jahrzehnten sind diese wichtigen Fragen von Historikern und Rechtshistorikern intensiv diskutiert worden, aber nur in Bezug auf andere Regionen und Völkerschaften des Römischen Reiches. Eines der Verdienste des Vorprojekts P 22063-G18 "Magna Graecia in römischer Zeit" und des hier vorgestellten Fortsetzungsprojekts liegt darin, zum ersten Mal derartige Fragestellungen und Forschungsansätze auf die verschiedenen Völkerschaften des antiken Italiens anzuwenden. Die Recherchen werden sich primär der Verfolgung nachstehender Ziele widmen: 1) Sammlung und Analyse der gesamten (literarischen, epigraphischen, archäologischen) auf das Thema bezüglichen Quellenevidenz und Erstellung der wichtigsten Kapitel der entsprechenden Monographie. 2) Erweiterung und Aktualisierung der open- access bibliographischen Datenbank "Verfassungen Altitaliens" (erstellt im Jahre 2007 während eines früheren FWF- Projekts). Sie stellt bislang die erste und einzige Internetpräsenz dar, die sowohl einem breiten Publikum als auch Studierenden und Forschenden die gesamte Spezialliteratur zum Thema bietet. Für die laufende Sammlung und Aktualisierung der modernen Titel und für kurze und prägnante Beschreibungen ihres Inhalts werden ich mich auf die wissenschaftliche Mitarbeit von Dr. Jessica Piccinini stützen. Sie wird außerdem die hauptsächliche Verantwortung für die Schaffung der neuen spezifischen Webseite-Sektion Documenta übernehmen, die ausgewählte epigraphische und literarische Dokumente zur Verfassungsgeschichte Altitaliens zur Präsentation bringen soll.
Während des dreijährigen Projekts war das Hauptziel unserer Untersuchungen - Arbeitsteam: Projektleiterin Doz. L.Cappelletti und Wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. J.Piccinini - die Sammlung und Analyse alle bis dato verfügbaren Zeugnisse (literarisch, epigraphisch, archäologisch) zur politischen administrativen und Institutionengeschichte der einzelnen Gemeinden der Etrusker, Umbrer und Italiker Mittelitaliens (in den heutigen Regionen Abruzzen, Molise, und nord-westlichen Kampanien) von der Verleihung des römischen Bürgerrechts an alle Völkerschaften des antiken Italiens (90 v.Chr.) bis 1. Jh. n.Chr. Mit dem Zugeständnis der civitas Romana schuf Rom einen neuen Staat mit einem neuen, bei weitem größeren Staatsgebiet, den es nun effektiv organisieren und administrieren musste. Das hieß im Wesentlichen, dass die Gebiete und Staatswesen der neuen Bürger einer Reorganisation unterzogen wurden: ihre Gemeinden wurden municipia und coloniae, dh selbstverwaltete Glieder des römischen Staates; ihre administrative Eigenständigkeit wurde durch die Präsenz resp. von quattuorviri und duoviri, dh von einem Kollegium mit vier und zwei Magistraten, garantiert. In der Perspektive der neuen Bürger, zu denen auch die Etrusker, Umbrer und Italiker gehörten, präsentierte sich diese Neustrukturierung als eine politisch-institutionelle Romanisierung. Romanisierung ist ein überaus vielschichtiges Konzept, das in der Fachliteratur dazu verwendet wird, die allmähliche, freiwillige oder erzwungene Angleichung nichtrömischer Völkerschaften an Rom im Bereich v.a. der Sprache und Kultur zu bezeichnen. Im institutionellen Bereich war dieses Konzept und der damit verbundene Prozess bislang nur unzureichend untersucht worden, insbesondere betreffend die Gemeinden der drei Ethnien. Es handelte sich jedoch um einen entscheidenden Vorgang, der auf der einen Seite die Existenz lokaler Magistraturen, Institute und Rechtsordnungen, auf der anderen die Angleichung dieser lokalen Institutionen an das römische Modell voraussetzt. Die Hauptaufgabe unserer Untersuchungen lag darin, diese Übergangsperiode zum ersten Mal in ihrer ganzen Vielfalt und aus dem Blickwinkel der verschiedenen Gemeinden Mittelitaliens zu rekonstruieren. Das daraus resultierende Bild der politisch-institutionellen Situation in diesen Gebieten nach 90 v.Chr. - dargestellt in einer Monographie (in Vorbereitung), in Artikeln und Vorträgen, aber v.a. in der open-access Datenbank www.arcait.it, ARchive of Constitutions of Ancient ITaly - belegt eine in der Realität nur graduell erfolgende politische Vereinheitlichung Altitaliens. Sie brachte für die novi cives weder den kompletten Verlust ihrer Autonomie mit sich noch führte sie zu einer gänzlichen und abrupten Ablösung der vorher existierenden lokalen Strukturen. Im Gegenteil, oft wurden die Magistraturen der unterworfenen populi von den Römern mehr oder weniger vollständig beibehalten. Das globalisierende Konzept einer Romanisierung Altitaliens muss realiter als eine Gesamtheit zahlreicher individueller Romanisierungsprozesse der einzelnen Völker sowie derer Gemeinden verstanden werden.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 6 Zitationen
- 21 Publikationen
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2013
Titel Vergeben und Vergessen? Amnestie in der Antike DOI 10.15661/series/kollarg/vergebenundvergessen Typ Book Verlag Verlag Holzhausen Link Publikation -
2016
Titel Riflessioni sui sistemi di governo etruschi prima e dopo la Guerra Sociale (91-88 a.C.). Typ Book Chapter Autor A.Murillo Villar - A.Calzada Gónzales - S.Castán Pérez-Gómez (Eds.) -
2016
Titel Castagnetti, Sergio (2012). Le leges libitinariae flegree: edizione e commento DOI 10.5817/glb2016-1-9 Typ Journal Article Autor Cappelletti L Journal Graeco-Latina Brunensia Seiten 163-166 Link Publikation -
2015
Titel Review: to M. Scott, Delphi, A History of the Centre of the Ancient World, Princeton 2014. Typ Journal Article Autor Piccinini J -
2013
Titel Die Finanzierung von Spielen in Italien und Hispanien gemäß den lokalen Stadtgesetzen (1. Jh. v.Chr. - 1. Jh. n.Chr.). Typ Book Chapter Autor Cappelletti L -
2014
Titel Review: M.E.Cavaliere, Dediche di Occidentali nel santuario di Apollo a Delfi (VI-IV a. C.), Oxford 2013. Typ Journal Article Autor Piccinini J -
2014
Titel Review: S.Sisani, In pagis forisque et conciliabulis. Le strutture amministrative dei distretti rurali in Italia tra la media Repubblica e l'età municipale, Roma 2011. Typ Journal Article Autor Cappelletti L -
2014
Titel Review: G.De Sensi Sestito - S. Mancuso (a cura di), Enotri e Bretti in Magna Grecia, Modi e forme di interazione culturale, Soveria Mannelli 2011. Typ Journal Article Autor Piccinini J -
2014
Titel Le disposizioni statutarie dall'Italia centrale e meridionale sul finanziamento dei ludi locali (I sec. a.C.). Typ Journal Article Autor Cappelletti L -
2014
Titel Review: M.Nocita, Italiotai e Italikoi, Le testimonianze greche nel Mediterraneo orientale, Hesperìa 28, Studi sulla Grecità d'Occidente, Roma 2012. Typ Journal Article Autor Piccinini J -
2015
Titel Review: E.Todisco, I vici rurali nel paesaggio dell'Italia romana, Bari 2011. Typ Journal Article Autor Cappelletti L -
2015
Titel Longing for Children at Dodona: Consideration on the Epigraphic Evidence. Typ Journal Article Autor Piccinini J Journal La Parola del Passato -
2013
Titel Review: F.Senatore (ed.), Karl Julius Beloch da "Sorrento nell'antichità" alla "Campania", Atti del Convegno storiografico in memoria di Claudio Ferone, Piano di Sorrento, 28 marzo 2009, Scienze e Lettere, I Quaderni di Oebalus - 3, Roma 2011. Typ Journal Article Autor Cappelletti L -
2013
Titel Bürgerrechtsverleihung als beneficium für rebellierende Bundesgenossen? Die Rolle der lex Iulia im bellum sociale (90-88 v.Chr.). Typ Book Chapter Autor Cappelletti L -
2013
Titel Beyond Prophecy. The Oracular Tablets of Dodona as Memories of Consultation. Typ Journal Article Autor Piccinini J -
2013
Titel Review: W.Blösel - K.J.Hölkeskamp (eds.), Von der militia equestris zur militia urbana. Prominenzrollen und Karrierefelder im antiken Rom, Stuttgart 2011. Typ Journal Article Autor Cappelletti L -
2015
Titel Between Epirus and Sicily: an Athenian honorary decree for Alcetas, king of the Molossians? Typ Journal Article Autor Piccinini J -
2014
Titel Book Reviews DOI 10.15661/tyche.2013.028.19 Typ Journal Article Autor Weber E Journal TYCHE – Contributions to Ancient History, Papyrology and Epigraphy Seiten 219-278 Link Publikation -
2014
Titel Buchbesprechungen - TYCHE 29 DOI 10.15661/tyche.2014.029.21 Typ Journal Article Autor Dasen V Journal TYCHE - Contributions to Ancient History, Papyrology and Epigraphy Seiten 279-304 -
2014
Titel Sport und Recht in der Antike DOI 10.15661/series/kollarg/sportundrecht Typ Book Verlag Verlag Holzhausen Link Publikation -
2014
Titel Review: G.Bevilacqua - S.Campanelli (eds.), Aretis eneken kai sophias, Un omaggio a Paola Lombardi, Giornata di studio - Roma, 28 ottobre 2010, Roma 2012. Typ Journal Article Autor Cappalletti L