Gestörte Furchthemmung: Mechanismen und neue Therapienansätze
Aberrant inhibition of fear: mechanisms and novel therapeutic approaches
Wissenschaftsdisziplinen
Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (100%)
Keywords
-
Fear Extinction,
129S1/SvlmJ,
Functional Mapping,
Microdialysis,
Extinction Circuitry,
Tract-Tracing
Defiziente Furcht-inhibierende Mechanismen sind wichtige Komponenten bei der Entstehung und Aufrechterhaltung pathologischer Angst. In Übereinstimmung mit Forschungen an Angstpatienten konnte von uns eine spezifische abnorme Aktivierung kortiko-limbischer Netzwerke in einem in einem kürzlich entdeckten, natürlich vorkommenden genetischen Mausmodell gestörter Furchtextinktion nachgewiesen werden. Dieses klinisch relevante Mausmodell (129S1) soll nun in diesem Projekt mit Hilfe verhaltenstechnischer, neuroanatomischer und physiologischer Methoden näher charakterisiert werden, mit dem Ziel die Mechanismen näher zu ergründen, die der gestörten Furchtextinktion, sowie ihrer therapeutischen Beseitigung zugrunde liegen. Derzeit gibt aufgrund unzureichender Kenntnis dieser Mechanismen kein einziges Medikament am Markt, das eine gestörte Extinktion gezielt fördert. In Vorarbeiten ist es uns bereits gelungen, therapeutische Interventionen zu identifizieren, die die schwer gestörte Furchtextinktion der 129 S1 Mäuse völlig normalisierten und zu zeigen, dass eine erfolgreiche Induktion des Extinktionslernens in 129S1 Mäusen mit einer Normalisierung der entdeckten aberranten kortiko- limbischen Hirnaktivierung einhergeht. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen sollen nun jene neuronale Populationen und Mechanismen im Gehirn identifiziert werden, die notwendig sind, um eine langandauernde therapeutische Furchtinhibition zu fördern. Informationen bezüglich der Verküpfungen und der Neurochemie der betroffenen Neuronen sollen durch neuroanatomische, neurochemische und elektrophysiologische Techniken gewonnen werden, wobei hier bereits bisher bewährte nationale und internationale Kooperationspartner eingebunden werden. Der funktionelle Nachweis einer kausalen Rolle der identifizierten dysfunktionellen neuronalen Populationen für gestörte Extinktionsregulation wird durch selektive experimentelle Modulation der Aktivität in jenen Kandidatenregionen angestrebt, die eine Normalisierung aberranter Aktivität nach erfolgreicher Induktion von Extinktionslernen zeigen. Zusammenfassend werden in diesem Projekt neue Einblicke in Mechanismen der Hemmung persistierender Furcht in einem natürlich vorkommenden genetischen Tiermodell gestörter Furchtextinktion gewonnen. Da die grundlegenden Mechanismen erlernter Furcht im Gehirn von Säugetieren evolutionär gut konserviert und damit sehr ähnlich sind, ist zu erwarten dass die gewonnenen Erkenntnisse eine wichtige Basis für die Entwicklung neuer innovativer therapeutischer Strategien für Angsterkrankungen darstellen.
Die Expositions-basierte Verhaltenstherapie (Konfrontationstherapie), ist eine wichtige psychotherapeutische Maßnahme zur Behandlung von Angst-, Trauma- und belastungsbezogenen Störungen. Trotz guter Erfolge werden jedoch selbst bei abgeschlossener Therapie Phänomene wie Spontanerholung der Furchtreaktion beobachtet, was die Langzeitwirkung einschränkt. Furchtextinktion ist der zentrale Mechanismus der Expositionstherapie und führt zur Bildung einer neuen inhibitorischen Assoziation, nämlich dass der Furchtauslösende konditionierte Stimulus nicht länger eine aversive Konsequenz voraussagt. Das neu gelernte wird konsolidiert und diese Gedächtnisspur existiert nun neben dem ursprünglichen Furchtgedächtnis und inhibiert die Ausprägung der Furchtsymptomatik bei Abruf. Bei Patienten mit einer Angst- oder Trauma- assoziierten Störung sind diese inhibitorischen Prozesse mangelhaft ausgeprägt und beeinträchtigen den Erfolg der Expositionstherapie. Um diesen zu verbessern, setzt man Hoffnung in pharmakologische Zusätze, die das fragile Extinktionsgedächtnis stärken und dadurch Langzeiterfolge verbessern sollen (Übersicht in Singewald et al., 2015). Die allgemeine Zielsetzung der vorgelegten Studie war es daher, Mechanismen aufzuklären, die einer erfolgreicher Langzeit-Furchtextinktion in einem genetischen Tiermodell der defizitären Furchtextinktion, dem 129S1 (S1) Mausstamm, zugrunde liegen, und, basierend darauf, neue extinktionsfördernde Strategien zu testen und zu entwickeln. Zunächst untersuchten wir zur weiteren Charakterisierung des Modells Details des Schlafrhythmus, der bei Patienten gestört ist. Wir beobachteten in S1 Mäusen eine beeinträchtigte Schlafarchitektur und insbesondere veränderten REM-Schlaf vor und nach einem aversiven Ereignis, was auch in Angstpatienten beobachtet wurde. Diese Ergebnisse bestätigen und erweitern die Wertigkeit des S1 Modells in der translationalen Forschung zur Entwicklung extinktionsfördernder Arzneistoffe. Durch Verwendung verschiedener neurochemischer Methoden fanden wir Hinweise auf eine verminderte dopaminerge Neurotransmission während und nach des Extinktionstrainings im medialen präfrontalen Kortex (mPFC) von S1 Mäusen. Da die Aktivierung des mPFC-Amygdala (BLA/zentrale Amygdala) Schaltkreises Furchtextinktion fördert, vermuten wir, dass die dopaminerge Dysfunktion im mPFC zur defizitären Furchtextinktion von S1 Mäusen beträgt. Dementsprechend konnten wir zeigen, dass das nicht-sedierend und dennoch anxiolytisch wirkende Neuropeptid S (NPS), das u.a. die Dopaminfreisetzung in extinktionsrelevanten Hirngebieten fördert, die defizitäre Furchtextinktion von S1 Mäusen normalisiert. Da der extinktionsfördernde Effekt einer einmaligen Applikation von NPS nicht langanhaltend war, entwickelten wir eine dualpharmakotherapeutische Strategie bestehend aus der anxiolytischen Substanz NPS und einem Neuroenhancer wie z.B. D-Cycloserin oder einem Histondeacetylaseinhibitor. Wir konnten damit (erstmals auch mit einer anxiolytischen Substanz) zeigen, dass zeitliche, räumlich oder Stress-bedingte Furchtrezidiven auch bei gestörter Furchtextinktion verhindert werden konnten. Obwohl die translationale Bedeutung dieses Konzeptes in der Zukunft noch bestätigt werden muss, könnten diese Ergebnisse weitgehende Auswirkungen auf die klinische Praxis für Patienten mit einer Angst-, Trauma- und belastungsbezogenen Störungen haben, als damit neben der Optimierung des Langzeiterfolgs der Expositions-basierten Verhaltenstherapie auch die Toleranz dieses oft belastenden Verfahrens wesentlich verbessert werden könnte.
- Francesco Ferraguti, Medizinische Universität Innsbruck , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Andreas Lüthi, Friedrich Miescher Institute for Biomedical Research - Schweiz
- Andrew Holmes, National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 1041 Zitationen
- 17 Publikationen
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2024
Titel Central amygdala micro-circuits mediate fear extinction DOI 10.48350/159879 Typ Journal Article Autor Fadok Link Publikation -
2016
Titel P.4.c.006 Drug adjunction strategies to boost the extinction-promoting effects of neuropeptide S in extinction-deficient mice: searching for small, non-peptidergic agonists DOI 10.1016/s0924-977x(16)31700-x Typ Journal Article Autor Sartori S Journal European Neuropsychopharmacology -
2021
Titel Central amygdala micro-circuits mediate fear extinction DOI 10.1038/s41467-021-24068-x Typ Journal Article Autor Whittle N Journal Nature Communications Seiten 4156 Link Publikation -
2015
Titel Selective Breeding for High Anxiety Introduces a Synonymous SNP That Increases Neuropeptide S Receptor Activity DOI 10.1523/jneurosci.4764-13.2015 Typ Journal Article Autor Slattery D Journal The Journal of Neuroscience Seiten 4599-4613 Link Publikation -
2015
Titel Identification of small, non-peptidergic neuropeptide S receptor agonists with potential fear extinction facilitating properties. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Sartori Sb Konferenz ANA meeting 2015, Abstract -
2015
Titel Prefrontal inputs to the amygdala instruct fear extinction memory formation DOI 10.1126/sciadv.1500251 Typ Journal Article Autor Bukalo O Journal Science Advances Link Publikation -
2015
Titel Exploring the role of neuropeptide S in the regulation of arousal: a functional anatomical study DOI 10.1007/s00429-015-1117-5 Typ Journal Article Autor Adori C Journal Brain Structure and Function Seiten 3521-3546 -
2015
Titel Combined Neuropeptide S and D-Cycloserine Augmentation Prevents the Return of Fear in Extinction-Impaired Rodents: Advantage of Dual versus Single Drug Approaches DOI 10.1093/ijnp/pyv128 Typ Journal Article Autor Sartori S Journal International Journal of Neuropsychopharmacology Link Publikation -
2017
Titel Individual differences in stress susceptibility and stress inhibitory mechanisms DOI 10.1016/j.cobeha.2016.11.016 Typ Journal Article Autor Ebner K Journal Current Opinion in Behavioral Sciences Seiten 54-64 Link Publikation -
2017
Titel Extracellular levels of catecholamines are altered in the medial prefrontal cortex of non-extinguishing S1 mice. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Keil Tmv Konferenz Life Science PhD Meeting Innsbruck 2017, Innsbruck, Austria, Abstract -
2019
Titel Structural and Functional Remodeling of Amygdala GABAergic Synapses in Associative Fear Learning DOI 10.1016/j.neuron.2019.08.013 Typ Journal Article Autor Kasugai Y Journal Neuron Link Publikation -
2014
Titel HDAC inhibitors as cognitive enhancers in fear, anxiety and trauma therapy: where do we stand? DOI 10.1042/bst20130233 Typ Journal Article Autor Whittle N Journal Biochemical Society Transactions Seiten 569-581 Link Publikation -
2016
Titel MicroRNA-Mediated Rescue of Fear Extinction Memory by miR-144-3p in Extinction-Impaired Mice DOI 10.1016/j.biopsych.2016.12.021 Typ Journal Article Autor Murphy C Journal Biological Psychiatry Seiten 979-989 Link Publikation -
2015
Titel Substance P excites GABAergic neurons in the mouse central amygdala through neurokinin 1 receptor activation. DOI 10.1152/jn.00883.2014 Typ Journal Article Autor Sosulina L Journal Journal of neurophysiology Seiten 2500-8 -
2015
Titel Impaired sleep architecture in a pathological animal model of impaired fear extinction. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Fenzl T Konferenz Neuroscience Meeting Planer. Washington DC: Society for Neuroscience, 2015, Abstract -
2013
Titel Neuropeptide S promotes extinction and prevents the return of fear with D-Cycloserine or MS275 adjunction in a psychopathological model. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Sartori Sb Konferenz 13th ANA Meeting. Vienna, Austria, Abstract -
2014
Titel Pharmacology of cognitive enhancers for exposure-based therapy of fear, anxiety and trauma-related disorders DOI 10.1016/j.pharmthera.2014.12.004 Typ Journal Article Autor Singewald N Journal Pharmacology & Therapeutics Seiten 150-190 Link Publikation